"Unverhältnismäßig": So wurde der Einsatz der Polizei beim Qualifikationsspiel der Champions League des FC Schalke 04 gegen PAOK Saloniki von Vereinsseite bezeichnet. Die Polizei weist diesen Vorwurf weit von sich. Einmal mehr prallen hier zwei Welten aufeinander, die sich in den letzten Jahren immer weiter voneinander entfernt haben. Das wird im Gespräch mit Markus Mau vom Fanprojekt Schalke und dem Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft in NRW sehr deutlich.

Die Bilder sind heftig. Polizisten mit Gummiknüppeln und Pfefferspray bahnen sich ihren Weg im Fanblock. Man sieht Frauen mit rotunterlaufenen Augen. Sie haben Pfefferspray abbekommen. Eine Fahnenstange fliegt in Richtung Polizei. Manche Fans treten gegen die Beamten.

Dass der FC Schalke 04 nur 1:1 gegen PAOK Saloniki spielt, gerät zur Nebensache. Ausschreitungen bei Fußballspielen sind leider kein ungewohntes Bild. Das kleine Unstimmigkeiten zu Ausschreitung "hochsterilisiert" werden - um mit Bruno Labbadia zu sprechen - weiß man inzwischen auch. Ultras sind Hooligans - ein Bild, das auch die DFL mit ihrem umstrittenen Stadionpapier zeichnet. Die Vorkommnisse auf Schalke sind interessant, weil sich zum ersten Mal seit langem der Fokus verschiebt. Weg von den Ultras, hin zur Polizei - und all das ausgelöst von einer mazedonischen Fahne.

"Die Fahne stellt nichts ungewöhnliches auf Schalke dar. Die Fans von Vardar Skopje aus Mazedonien sind mit unseren Ultras schon über Jahre befreundet", erklärt Markus Mau vom Schalker Fanprojekt unserem Portal. Darüber hinaus hätte ihnen auch ein Uefa-Delegierter versichert, die Fahne dürfe dort hängen.

Das sieht Erich Rettinghaus, Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft in Nordrhein-Westfalen ganz anders. Er verweist auf die großen Streitigkeiten zwischen Griechenland und Mazedonien. "Wir konnten die Flagge nicht dulden, weil wir sonst befürchten mussten, die Lage würde eskalieren." Doch woher kam diese Befürchtung? Schon 2012 sei es bei einem Spiel mit einer griechischen Mannschaft zu Ausschreitungen gekommen, sagt Rettinghaus. Man habe also die Beamten bereits in der einsatztaktischen Besprechung für alle Eventualitäten sensibilisiert.

Verhinderung von Eskalation

Da mag das Problem liegen. Die oftmals einseitige Berichterstattung über gewaltbereite Fußballfans und das selbstverständlich sinnvolle Briefing bei Hochsicherheitsspielen scheint viele Polizeibeamte fast schon hypersensibilisiert zu haben. Aus Angst vor einem möglichen Platzsturm oder anderen Ausschreitungen, wird zu schnell zum Pfefferspray gegriffen. Oft geht hier die Wahrnehmung von Fans und Polizei meterweit auseinander.

Im Fall des FC Schalke 04 wird das besonders deutlich. Während Markus Mau vom Fanprojekt Schalke in diesem Fall keine Notwendigkeit für einen Polizeieinsatz gesehen hat, verteidigt Polizeigewerkschaftler Rettinghaus den Einsatz von Pfefferspray: "Die Kollegen im Schalker Block wurden mit Gewalt angegangen. Becher sind geflogen. Es wurde getreten und geschlagen. Da muss die Polizei hart durchgreifen, um die Maßnahmen nicht in die Länge zu ziehen. Wenn dann das Hilfsmittel der körperlichen Gewalt eingesetzt werden muss, erfolgt das nach einer Abwägung im Einzelfall und ist in dem Moment die einzige Möglichkeit, um zum Ziel zu kommen."

Stets ist es die Verhinderung von Eskalation, die als oberste Prämisse eines Polizeieinsatzes zu stehen hat. Das geht aus Rettinghaus' Ausführungen hervor. Inwieweit die Beamten beim Spiel gegen Schalke allerdings über dieses Ziel hinausgeschossen sind, werden sicherlich auch nachträgliche Untersuchungen zeigen. Allerdings steht jetzt schon fest, dass in diesem Fall auch Frauen, Kinder und weitere unbeteiligte Personen von Pfefferspray getroffen wurden. Eine Frau soll sogar nach Auskunft der Schalker Ultras nach einem Atemstillstand ins Krankenhaus eingeliefert worden sein.

"Dass Unbeteiligte da etwas abkriegen, ist leider nicht vermeidbar", lautet die Erklärung von Rettinghaus, auch wenn er die "bedauerlich" nennt. "Wir würden uns wünschen, wir hätten die Möglichkeit mit Pfefferspray nur ganz gezielt auf die entsprechenden Störer abzuzielen. Aber uns wäre schon geholfen, wenn sich die, die sich den Maßnahmen fügen, aus der Gefahrenzone entfernen würden." Ein frommer Wunsch, denn einmal abgesehen davon, dass die Ausgänge der Kurve nicht für alle sofort zu erreichen sind, hat für die meisten Fans tatsächlich der Fußball Vorrang. Und solange das Spiel läuft, gilt bei vielen die Konzentration den Geschehnissen auf dem Rasen und nicht Polizisten, auch wenn "die Beamten da nicht wortlos reingehen".

Geschehnisse wie die auf Schalke führen dazu, dass die Kluft zwischen Fans uns Polizei größer wird. Wo zuvor für viele Fans das teilweise extreme Verhalten der Ultras ein Feindbild dargestellt hat, entwickelt sich der Polizist zumindest im Stadion vom Freund und Helfer zur potenziellen Gefahrenquelle. Und während Rettinghaus nach den "vorliegenden Erkenntnissen" der Meinung ist, "es war genau richtig, so zu handeln", zieht der Schalker Markus Mau ein ganz anderes Fazit dieses Champions-League-Abends: "Durch Aktionen wie die gestrige zerstört die Polizei das wenig vorhandene Vertrauen in demokratische Strukturen und die Polizei selbst."