• Eine Studie der Fußball-Plattform "FanQ" zeigt, wie es um das Verhältnis zwischen Fans und DFB-Team bestellt ist.
  • Eineinhalb Jahre vor der Heim-EM schlägt Fanforscher Harald Lange im Gespräch mit unserer Redaktion Alarm.
  • Denn was dem DFB fehlt, ist eine schonungslose Analyse und eine Vision für 2024.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Andreas Reiners sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Ein Satz von Bernd Neuendorf wirkt nach. Auch lange nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Katar noch. "Die Begeisterung für unsere Nationalmannschaft ist nach wie vor ungebrochen, sonst wäre die Enttäuschung über das frühe Ausscheiden nicht so groß", sagte der DFB-Präsident im Rahmen der Bilanz-Pressekonferenz Mitte Dezember. Doch ist das tatsächlich so? Fußball- und Fanforscher Harald Lange nennt Neuendorfs Wahrnehmung des Verhältnisses zwischen Anhängerschaft und Nationalmannschaft im Gespräch mit unserer Redaktion "weltfremd und bedauerlich".

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Denn die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Fußball-Plattform "FanQ" sprechen nach dem Vorrunden-Aus eine andere, teilweise sehr deutliche Sprache. So war zum Beispiel die emotionale Begeisterung für die WM in Katar bei 67,2 Prozent der über 3.500 Befragten "geringer" oder sogar "viel geringer". Bedeutet also: Über zwei Drittel der Fans waren von dem Turnier emotional weiter entfernt als in der Vergangenheit. Was nicht nur an DFB-Team und dem Verband lag, doch der DFB liegt bei der Frage nach dem größten WM-Dämpfer mit 49 Prozent vorne, noch vor dem Weltverband FIFA. Die Nationalmannschaft nannten 40 Prozent als Grund für weniger Begeisterung für die WM. Ein weiteres Alarmsignal: 79,9 Prozent der Befragten gaben an, sich nicht mehr mit dem DFB zu identifizieren.

Imagewerte des DFB noch schlechter als die der FIFA

Dass die Imagewerte des DFB offenbar noch schlechter sind als die der FIFA, überrascht sogar den Experten Lange von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. "Das ist kaum noch in Worte zu fassen. Das hängt möglicherweise an dem Moment der Enttäuschung. Aber das unterstreicht, wie brisant die Lage ist", so Lange. Denn "der Verlust der emotionalen Bindung ist weiter vorangeschritten." Er würde das Verhältnis zwischen Fans und DFB-Team auf einer Skala von 1 bis 10 bei einer 2,8 verorten. "Es gibt immer noch Menschen, sie sich begeistern können. Aber der Kreis wird kleiner", so Lange.

Der DFB kämpft mit mehreren negativen Faktoren gleichzeitig. Zum einen haben die Fans große Schwierigkeiten, eine Projektionsfläche für Identifikation zu finden, die Distanz ist seit der WM 2018 in Russland mit einer steigenden Tendenz der Abwendung größer geworden. Und das ist nicht nur eine Momentaufnahme, sondern zieht sich durch mittlerweile drei Turniere.

Es ist vieles falsch gelaufen

Nach der WM 2014 sind Team und Fans durch eine zu offensichtliche Kommerzialisierung ("Die Mannschaft") und eine zu starke Distanz zur Basis auseinandergedriftet. Solange der Erfolg da ist, geht diese Strategie in der Regel auf. Doch zu den sportlich inzwischen sehr mageren Darbietungen gesellen sich die dauerhaften Enttäuschungen, ob nun sportlich und sportpolitisch, kombiniert mit jeder Menge Unglaubwürdigkeit. Nackenschläge für die deutsche Fankultur. "So wird das Tafelsilber, was den Fußball auszeichnet, die breite gesellschaftliche Akzeptanz und die Verbindung, aus dem Fenster geworfen", sagt Lange.

Was fehlt, ist die Durchlässigkeit an Ideen von der Basis in die Spitze hinein. Vieles ist seit Jahren in verkrusteten Strukturen ein- und festgefahren. Statt Identifikation mit Mannschaft und Verantwortlichen hat sich ein großes Misstrauen dem Verband gegenüber aufgebaut. Wie weitere Ergebnisse der Umfrage zeigen, stimmen fast 70 Prozent der Befragten zu, dass der DFB die Mannschaft in Katar für politische Interessen instrumentalisiert habe. Und dass die Diskussionen um die "One Love"-Binde die Leistung der Mannschaft beeinflusst habe, glaubt ebenfalls ein Großteil der befragten Anhänger.

Für Lange steht das stellvertretend dafür, "dass man die konzeptionell systematische Arbeit an Visionen aufgegeben hat zugunsten kurz gedachter, flacher PR-Gags". Das habe dem Image weltweit nachhaltig geschadet, so der Experte, für den "spätestens an der Stelle klar wird, dass das Misstrauen in die DFB-Spitze riesig ist." Was fehle, sei schonungslose Kritik. "So glaubt man, dass der Verband nur noch ein Wirtschaftsunternehmen ist, das uns mit PR-Maßnahmen bei Laune halten will. So zieht man vor allem Fans an, die maximal dann zuschauen, wenn es erfolgreich ist. Die anderen verliert man."

Was fehlt, ist eine Vision

Die Fans, die noch dabei sind, hätten nach der WM vor allem zwei Dinge erwartet: Eine kritische und schonungslos ehrliche Analyse, in der man das eigene Scheitern darlegt, nach Ursachen forscht und die Fans mitnimmt. Dass man Demut zeigt, eigene Fehler eingesteht und alles offenlegt, was man sich gedacht, erhofft und gemacht hat. Dass man alle Facetten einer Ursachenforschung mit einbezieht. "Und dass man eine Vision aus dem Köcher zieht", so Lange. Das ist im Hinblick auf die EM 2024 im eigenen Land noch wichtiger.

Doch die Auswahl des Expertenrats um Hans-Joachim Watzke, Oliver Kahn, Karl-Heinz-Rummenigge, Rudi Völler und Matthias Sammer bezeichnet der Fanforscher aus Fansicht als "katastrophal" und "alles andere als innovativ". Dass Oliver Mintzlaff als Red-Bull-Vorstand ein Mitglied des Expertenrats ist, ist angesichts der Tatsache, dass der Brausehersteller das Feindbild der fankulturellen Bewegung schlechthin ist, eine unglückliche Wahl, um es freundlich auszudrücken.

Ob dieser Expertenrat das Problem der seit Jahren schwindenden Zuneigung zu und der fehlenden Identifikation mit der Nationalmannschaft lösen kann, ist zumindest fraglich. Ein Wir-Gefühl, dass die Menschen eins sind mit dem Verband und mit der Mannschaft, wie zum Beispiel bei der Heim-WM 2006 und beim Titelgewinn 2014, ist weit weg. Dabei haben in Katar Mannschaften wie Weltmeister Argentinien, der Dritte Kroatien oder der Vierte Marokko gezeigt, was mit Begeisterung und Emotionalität möglich ist, wie die Fans ein Team durch so ein Turnier tragen können.

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Aufarbeitung nach der großen Pleite: Bundestrainer Hansi Flick hat im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst seine Einschätzung zum WM-Vorrundenaus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft abgegeben. Der 57-Jährige äußerte dabei auch Kritik am Umgang mit dem Turnier und der DFB-Elf in der deutschen Öffentlichkeit.

Fans können eine Mannschaft tragen

Das liegt in erster Linie natürlich auch am Erfolg. "Aber die Fans sind auch traurig und weinen beim Misserfolg. Bei uns hat das niemand gemacht. Stattdessen gab es Verrisse, Fehleranalysen, schimpfen. Das macht man, wenn man keinen emotionalen Bezug mehr zu dem Konstrukt Nationalmannschaft hat. Die Leute können damit nichts mehr anfangen", so Lange. Ohne den Rückhalt könne keine Mannschaft über sich hinauswachsen, so Lange, der glaubt: "Das Zurückgewinnen der Basis muss erste Aufgabe sein, um wieder Atmosphäre in den deutschen Fußball zu bekommen. Und Rückhalt."

Kurzfristig läuft alles darauf hinaus, eine Vision zu entwickeln. Denn natürlich kommt im Sommer 2024 der Vergleich mit dem Sommermärchen 2006 automatisch auf. "Doch das Gegenteil wird der Fall sein, wenn man sich jetzt strategisch nicht anders aufstellt. Sonst wird das Ganze nur als Protestfläche genutzt, um der Welt zu zeigen, wie sch…. der Fußball in Deutschland ist", so Lange. Es müsse eine Mannschaft sein wie 2006, "die leidenschaftlich gespielt und einen Trainer hatte, der eine Vision hatte. Wir brauchen Visionen, die mitreißen und Mut machen".

Es kann schnell gehen

Was tatsächlich Mut macht: Fans verzeihen recht schnell. Man würde die Anhänger laut Lange - überspitzt formuliert - "über Nacht" wieder auf die eigene Seite ziehen können, "weil wir eine ausgeprägte, historisch gewachsene Fußball-Tradition haben. Die Leute lieben den Fußball". Die Voraussetzungen dafür laut Lange: "Dass man versteht, was Fankultur erwartet, dass man sie beteiligt, offen, kritisch, selbstkritisch und analytisch ist. Dass man der Begeisterung zum Nationalmannschafts-Fußball wieder Raum gibt." Denn diese Begeisterung ist schon länger nicht mehr ungebrochen.

Über den Experten: Prof. Dr. Harald Lange ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg, Gründer des Instituts für Fankultur e.V. und Dozent an der Trainerakademie des DOSB in Köln. Zuvor war er unter anderem Professor für Sportpädagogik an einer Pädagogischen Hochschule (2002-2009) und Gastprofessor an der Universität Wien (2008-2009). Lange hat über 3000 wissenschaftliche Arbeiten publiziert – davon mehr als 50 Bücher und Sammelwerke.

Verwendete Quellen:

  • Fanq.com
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