Nach dem tragischen Saisonfinale ist der BVB zumindest emotional wieder auf dem richtigen Weg.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Christopher Giogios dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

"Wir haben es in der Hand!" - so die meterlange, von Pyrotechnik untermalte Botschaft der Südtribüne an ihre Mannschaft vor dem Spiel. Ja, der BVB hatte es in der Hand und hat am Samstagnachmittag den Traum von der Meisterschaft eigenhändig begraben.

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Es reichte nur zu einem schmeichelhaften Unentschieden gegen Mainz, während die Bayern in Köln (halbwegs) cool blieben und die Meisterschale somit einmal mehr nach München geht.

Die große Reaktion des Stadions nach dem Spiel

Meister der Herzen möchte niemand gerne sein, aber vor allem die Szenen nach dem Spiel dürften dem BVB diesen Titel eingebracht haben. Herrschte kurz nach Abpfiff noch gespenstische Stille im Westfalenstadion, wurde die Mannschaft frenetisch mit Applaus bedacht, als sie sich auf den schweren Weg in Richtung Südtribüne machte. Spätestens als die Fans ihren Trainer forderten und Edin Terzic vor die Tribüne trat, wurden Terzic und unzählige Anhänger von ihren Gefühlen übermannt.

Um die abgelaufene Saison zu bewerten, lohnt sich der Blick auf die Vorsaison: Nach der Spielzeit 2021/2022 waren nämlich nicht wenige Beobachter überrascht über die Trennung von Marco Rose und die Verpflichtung des alten neuen Trainers. Die erste Saison unter Terzic endete zwar mit vergleichbaren Resultaten (Vizemeisterschaft, frühes Ausscheiden im Pokal und in der Champions League), zeigt jedoch ganz deutlich: es ging bei dieser Personalentscheidung nicht ausschließlich um die sportliche Entwicklung.

Denn das Schlimmste, was Borussia Dortmund und seiner Anhängerschaft passieren kann, ist Gleichgültigkeit. Unter Rose schienen Mannschaft und Fans keine Einheit zu sein, es herrschte selten das Gefühl, eine gemeinsame Geschichte zu schreiben. Dagegen hat Terzic es geschafft, dass in und um den Verein wieder eine Stimmung aufgekommen ist, die es seit den Klopp-Jahren nicht mehr gab - ganz unabhängig von Meisterschaft und Pokalsiegen.

Der BVB hat wieder eine Geschichte zu erzählen

In dieser Saison gab es in Dortmund ein permanentes emotionales Auf und Ab. Rückschläge wie das irrsinnige 2:3 gegen Bremen nach einer 2:0-Führung. Der abgeschlagene 6. Platz vor der Winterpause, als die Saison gefühlt schon abgeschrieben schien. Das 3:3 in Stuttgart in Überzahl, als man dachte, noch haarsträubender als das Spiel gegen Werder könne es nicht mehr kommen. Und schließlich die errungene Tabellenführung, große Euphorie und das tragische Ende.

Die DFL-Investorendebatte der vergangenen Woche hat gezeigt, dass wir in Zeiten eines durchkommerzialisierten Fußballs leben, der nur noch wenige romantische Geschichten zu erzählen hat. Gerade bei den Protesten in Dortmund zeigten die kritischen Fans durchaus Bewusstsein dafür, dass der BVB einer der wenigen nationalen Profiteure eines eigentlich ungleichen Wettbewerbs ist. Und dennoch: An diesem Wochenende spürt man, dass die Borussia trotz des mitunter seelenlosen Geschäfts endlich wieder eine Geschichte zu erzählen hat.

Die verpasste Meisterschaft gehört ab sofort zur Geschichte vom BVB

Ein Trainer, der vor einigen Jahren selbst mit seinem Fanschal auf der Tribüne stand. Zwei BVB-Kapitäne in Gestalt von Marco Reus und Mats Hummels, die sich für den sportlichen Erfolg auch aus der zweiten Reihe einbringen und ihren Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert haben. Und natürlich Sébastien Haller, der nach seiner Krebserkrankung von Mannschaft, Trainern und Fans mit viel Fingerspitzengefühl behandelt wurde und sich im Laufe der Rückrunde als einer der entscheidenden Spieler erwies.

Zwar mag das Meisterschaftsfenster auf längere Zeit wieder zugegangen sein, allerdings sind es diese Geschichten, die den Verein Borussia Dortmund ausmachen. Polemisch ausgedrückt: es ist gut, dass der BVB der BVB ist und nicht wie der Konkurrent aus dem Süden agiert, der die eigene Meisterfeier mit einer Personaldebatte torpediert.

Man darf gespannt auf die nächste Saison und auf die Entwicklung von Trainer und Mannschaft sein. Klar ist: die verpasste Meisterschaft am 27. Mai 2023 gehört ab sofort genauso zur Geschichte von Borussia Dortmund wie die Titel 2011 und 2012. Terzic hat hierfür mal wieder die passenden Worte gefunden: "Egal wie groß der Schmerz heute ist, er wird die Motivation für morgen sein. Und ab morgen sind wir wieder 34 Spieltage von unserem Ziel entfernt."

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