Was passiert, wenn man zwei politisch komplett unterschiedliche Kandidaten an einen Tisch setzt und unmoderiert miteinander diskutieren lässt, konnte man am Sonntag auf ATV beobachten.

Bei ATV wagte man das Experiment und ließ am Sonntag die Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen aufeinander los. Wer sich große Streitereien oder gar eine Eskalation erwartete, der blieb aber enttäuscht – in 45 Minuten bewiesen sowohl Van der Bellen als auch Hofer, warum Journalisten als Mediatoren zwischen Politikern so wichtig sind.

Denn im Vordergrund stand persönliches Hick-Hack und Parteipolitik. Vor allem Hofer nutzte die Dreiviertelstunde, um einmal mehr die Standpunkte der FPÖ gegenüber EU- und Asylpolitik zu festigen und nach dem Motto "einfach drüberreden" zu agieren. Van der Bellen wiederum argumentierte energisch, driftete aber in seinen Fragen an Hofer immer wieder auf die üblichen Dauerbrenner ab, die da waren: Regierungsentlassung, autoritärer Führungsstil, EU-Feindlichkeit und rechte Gesinnung.

Wüsste man es nicht besser, könnte man vermuten, jede Diskussion zwischen Van der Bellen und Hofer folgt einem Drehbuch. In den ersten 20 Minuten nett und freundlich, gingen auch diesmal in der letzten halben Stunde die Emotionen hoch. Da wurde dann von Van der Bellen mit Händen gedeutet, von Hofer über ernste Themen hinweggelächelt, es wurden die Worte des jeweils anderen noch in der Sekunde im Mund umgedreht und Aussagen widerrufen.

Als Zuseher wurde man das beklemmende Gefühl nicht los, in das Studio fahren und die Diskussion leiten zu wollen. So interessant der Ansatz der Sendung ist: als Finalduell vor einer Präsidentschaftswahl ist dieses Format nicht zu gebrauchen. Viel zu schnell drifteten beide Kandidaten, ob ihrer völlig konträren Ansichten, naturgemäß in Grundsatzdiskussionen und Untergriffigkeiten ab.

Beim Staatsmann-Test durchgefallen

Als Benimm-Test für beide war das TV-Duell allerdings interessant. Denn: Staatsmännisch war weder das eine, noch das andere Auftreten. Politexperte Thomas Hofer dazu: "Man hat das Niveau nicht halten können. Beide Kandidaten haben in dieser Frage nicht den Ansprüchen entsprochen. Es hätte einen Moderator gebraucht. So haben sich beide blamiert."

Auch Meinungsforscher Peter Hajek meint: "Van der Bellen hat offensichtlich versucht, die Rhetoriktricks von Norbert Hofer zu entlarven, doch daraus ist eine Negativspirale entstanden. Die Personen sind für dieses Amt durch diese Sendung beschädigt."

Hofer bittet Anhänger um Mäßigung: "Andere Meinung ist kein Grund zu streiten"

Immerhin rang sich Hofer zu einem Aufruf an seine Unterstützer durch, in dem er um Mäßigung und Frieden bat: "Andere politischen Meinungen sind kein Grund zu streiten. Es wird bei uns immer eine Vielfalt von politischen Farben geben." Selbst blieb er in der Diskussion den Beweis für eine friedliche Gesprächsführung aber schuldig.

Van der Bellen wiederum warf Hofer fehlende Kompetenz vor: "Sie sind nicht Heinz Fischer. Der hatte immer schon ein anderes Amtsverständnis. Mit diesem würden Sie eine gute Tradition in Österreich brechen. Ich glaube, wir brauchen kein neues Amtsverständnis des Bundespräsidenten."

Van der Bellen: "Brauchen kein neues Amtsverständnis"

Hofer reagierte darauf mit dem altbekannten Vorwurf, Van der Bellen sei der Vertreter der Schickeria und ein Lebensverlängerer des aktuellen Systems. "Ich werde Präsident für die Österreicher, nicht der Schickeria", sagte Hofer und stieß sich auch nicht daran, von "seinen" Menschen zu sprechen, die er unterstützen werde.

Etwas aus dem Ruder lief die Diskussion, als Van der Bellen Hofer nach dessen Ansehen in der EU fragte, nachdem ihm "niemand zu seinem Sieg" am 24. April gratulierte. Daraufhin versuchte sich Hofer mit einem Bericht über Rapper Nazar aus der Affäre zu ziehen und sich in die Opferrolle zu begeben. Schließlich ließ er sich doch die Aussage entlocken: "Ich brauche keine Leute aus Europa, ich brauche nur Menschen aus Österreich".

Mit rechten und hetzerischen Postings von FPÖ-Politikern konfrontiert, lächelte Hofer und antwortet lediglich, dass er ebenfalls einmal von einem grünen Bundesrat mit der Aussage beleidigt worden sei: "Behindert zu sein alleine, das reicht nicht."

Dauerthema EU: "Länder müssen sich bündeln"

Die einzige politisch relevante Minute entstand rund um das Thema EU. Diese solle nicht soweit gehen, dass Staatspräsidenten nur noch die vergleichbare Rolle eines Landeshauptmanns einnehmen würden, so Hofer. Van der Bellen darauf: "Kleine Staaten wie Österreich können sich nur gegen große Mächte behaupten, wenn sie sich bündeln. Und dafür ist die EU da."
Ein treffendes Fazit der Sendung lieferte PR-Berater Josef Kalina im Anschluss: "Van der Bellen hat bewiesen, dass er mit Hofer beim Schlammcatchen mithalten kann."