Es ist nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Teheran zurückschlägt. In der Nacht zu Mittwoch schlugen mehrere Raketen auf US-Militärstützpunkten im Irak ein. Noch ist offen, wie Washington reagiert und wie es in dem Konflikt weitergeht. Es gibt zwei mögliche Szenarien.

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Die Rache kam mit Ansage. Nach der Tötung des iranischen Top-Generals Ghassem Soleimani durch einen US-Luftschlag in der vergangenen Woche hat Iran in der Nacht zum Mittwoch insgesamt mehrere Dutzend Raketen auf die vom US-Militär genutzten Stützpunkte Ain al-Assad westlich von Bagdad und im nördlich gelegenen Erbil abgeschossen. Über Todesopfer war zunächst nichts bekannt.

Teheran nannte die Angriffe einen "Akt der Selbstverteidigung" – genauso wie das Pentagon, das die Attacke auf Soleimani zuvor als "Akt der Verteidigung" bezeichnete.

Nach dem Vergeltungsangriff wächst die Angst vor einem neuen Krieg im Nahen Osten – doch wie begründet ist die Furcht? Es gibt zwei Szenarien, die nun eintreten können:

Szenario 1: Der Konflikt eskaliert endgültig

"Die Trump-Regierung hat bei der Tötung nicht bedacht, was die Konsequenzen sind, generell wird das in der US-Außenpolitik oft ausgeblendet", sagte der Politikwissenschaftler Henning Riecke im Gespräch mit unserer Redaktion. Er kümmert sich um den Schwerpunkt "Demokratie und Internationale Ordnung" bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), zu seinen Fachgebieten zählt unter anderem die Außen- und Sicherheitspolitik der USA. Riecke kritisiert, der Apparat von US-Präsident Donald Trump habe "wenig Expertise und Pläne, wie es überhaupt weitergehen soll".

Dazu kommt: Drei Jahre nach Trumps Amtsantritt sind viele Positionen im Weißen Haus nach wie vor nicht – oder nicht mehr – besetzt. Ebenfalls wurde ein Teil des Fachpersonal durch Parteigänger und Ja-Sager ersetzt. Gerade letztere könnten den immer wieder impulsiv und unberechenbar handelnden US-Präsidenten in einem aggressiven Vorgehen gegen den Iran unterstützen. Das hat bereits die Attacke auf Soleimani gezeigt. In dessen Fall seien laut "Spiegel" weitreichende Analyseprozesse im Pentagon offenbar übersprungen oder verdrängt worden. Trump könnte mit jeder militärischen Reaktion einen Flächenbrand auslösen – beabsichtigt oder unbeabsichtigt.

Auch Irans geistliches Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei machte am Mittwoch deutlich, dass die eigentliche "Rache" des Iran für die Tötung Soleimanis noch bevorstehe.

Szenario 2: Der Konflikt flaut ab

Politikwissenschaftler Riecke betont jedoch ebenso mit Blick auf die US-Regierung: "Ein Krieg wäre eine unglaublich aufreibende und opferreiche Operation." Der Iran sei ein riesiges, relativ gut gesichertes und technisch weit entwickeltes Land mit einer Luftabwehr, die als sehr stark gilt. Auch die Ausschaltung des Atomprogramms sei nicht einfach. Zudem wäre ein Krieg "kaum vereinbar" mit Trumps Wahlversprechen, die internationale Präsenz der Vereinigten Staaten zu verringern, bemerkt Riecke.

Beobachter wie er sehen in den sehr begrenzten iranischen Schlägen mit – nach aktuellem Stand – wohl keinen Toten daher eher ein Angebot Teherans zur Deeskalation.

Das klingt paradox, aber dafür sprechen zwei Indizien: Erstens, die iranische Rache kam mit Vorwarnung. Iraks Regierung wurde nach eigenen Angaben kurz vor dem Angriff aus Teheran über den Militärschlag informiert. Iraks Regierungschef Adel Abdel Mahdi sagte, zur selben Zeiten hätten sich auch die Amerikaner gemeldet. Dank eines frühzeitigen Alarms hätten die US-Soldaten im Gefahrenbereich Zeit gehabt, sich in Schutzbunkern in Sicherheit zu bringen, berichtete der US-Sender CNN unter Berufung auf einen Angehörigen des US-Militärs.

Und zweites hat Irans Regierung – anders als die geistliche Führung – vorerst keine neuen Attacken angekündigt. "Falls die Amerikaner weitere Angriffe und Verbrechen gegen den Iran planen sollten, werden wir eine Antwort geben, die noch härter ist als der heutige Angriff", sagte der iranische Präsident Hassan Ruhani.

Teheran musste aus innenpolitischen Gründen zurückschlagen, doch die gegenwärtige Situation würde es beiden Konfliktparteien erlauben, den Konflikt gesichtswahrend abzukühlen. "Sowohl die USA als auch Iran wollen keine umfassende kriegerische Auseinandersetzung", sagt DGAP-Experte Riecke. "Teheran will mit seinem Gegenschlag signalisieren: Wir wehren uns, aber wir drehen die Eskalationsspirale nicht wie verrückt weiter", erklärt er. "Denn mit einem Krieg würde die iranische Regierung die staatliche Kontrolle verlieren."

Das bestätigte auch der aus dem Iran stammende Politikwissenschaftler Behrouz Khosrozadeh unserer Redaktion. Er betonte bereits am Freitag: "Die höchste Priorität, so sagen stets die Mullahs, sei die Aufrechterhaltung des Regimes." Khosrozadeh hält es sogar für möglich, "dass die Mullahs nachgeben und in Verhandlungen mit den USA eintreten, um zu überleben".

Riecke ist hingegen skeptisch. "Der Iran wird seine außenpolitische Agenda nicht soweit ändern, wie es die US-Regierung fordert, das ist eine sehr ambitionierte Vorstellung der Amerikaner." Auch seien die Hürden für Teheran jetzt höher geworden, wieder in Verhandlungen einzutreten.

Vielmehr geht Riecke davon aus, dass sich der gegenwärtige Konflikt noch lange hinziehen wird, was Chancen für Russland und China bieten werde. "Und was zu weiteren transatlantischen Zerwürfnissen führen wird, ohne das etwas vorangeht. Am Ende gibt es nur Verlierer."

Mit Material der dpa