• Kurz vor Ende der Legislaturperiode erhält Ernährungs- und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner noch einmal die Chance zu punkten.
  • Denn Foodwatch hat eine klare Forderung an die Ministerin: Sie soll Junkfluencern den Garaus machen und Geschäfte auf Kosten der Kindergesundheit unterbinden.
  • Klöckner aber fährt ihren altbekannten Kurs. Wie sie auf unsere Anfrage reagiert hat.

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In ihrer bald dreijährigen Amtszeit musste Julia Klöckner bereits eine Menge Kritik einstecken: Sie diene Industrie und Bauern anstatt den Verbrauchern, greife bei Nutri-Score und Tierwohl-Label nicht entschieden genug durch und zeige durch das Video mit dem deutschen Nestlé-Chef zu viel Konzernnähe. Kurzum: Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) könnte einen Erfolg gut gebrauchen.

Nun, kurz vor Ende der Legislaturperiode, scheint sich ihr die Chance dazu zu bieten. Der Verein Foodwatch, gegründet vom ehemaligen Greenpeace-Geschäftsführer Thilo Bode, adressiert die Ministerin mit einer klaren Forderung: Sie soll "Junkfluencern" den Garaus machen.

"Junkfluencer": Gefährliche Werbung direkt ins Kinderzimmer

Der Hintergrund: Lebensmittelkonzerne wie Coca-Cola, McDonald’s, Coppenrath & Wiese und Haribo haben längst erkannt, dass sich mit der Reichweite von Social-Media-Stars zuckrige Getränke, fettige Snacks und Süßwaren gezielt an Kinder vermarkten lassen. Wer einen Influencer ins Werbe-Boot holt, der erreicht Millionen junge Follower, die ihrem Vorbild großes Vertrauen entgegenbringen.

"Die Lebensmittelindustrie nutzt dieses Vertrauen aus, um ihre ungesunden Produkte an Kinder und Jugendliche zu bewerben", ist sich Dario Sarmadi von Foodwatch sicher. Der Verein hat im Jahr 2020 über einen Zeitraum von mehreren Wochen tausende Posts, Stories und Videos bekannter Social-Media-Stars untersucht und zahlreiche Belege für entsprechende Werbung dokumentiert.

37 Gramm Zucker, Hauptzutat Sahne

So warb beispielsweise das Duo "Viktoria und Sarina" bei Instagram, Tiktok und Youtube unter anderem für Coca-Cola, McDonald's und ihren Keksteig zum Löffeln. Dass der "Magic Rainbow Mix" fast 400 Kilokalorien auf 100 Gramm zählt und außerdem 37 Gramm Zucker enthält, ist in der rosa Glitzerwelt mit Hunden und Pferden schnell vergessen. Die eigene Torte in Kooperation mit Coppenrath & Wiese hat Sahne als Hauptzutat, von Vitaminen hingegen fehlt jede Spur.

Auch der 29 Jahre alte Youtuber "Simon Desue" mit 4,3 Millionen Abonnenten zählt aus Sicht von Foodwatch zu den Junkfluencern. Mehr als eine halbe Millionen mal wurde sein Werbevideo für McDonald‘s unter der Überschrift #IssmirWurstChallenge auf Tiktok angeschaut.

Auch die Werbepostings der Beauty-Influencerin "Julia Beautx", welche sie gemeinsam mit Youtuber Jonas Ems für die Mondelez-Schokoladenmarke Milka veröffentlichte, bekamen hunderttausende Likes.

Jedes sechste Kind übergewichtig

Für Foodwatch deshalb ein klarer Fall: "Bundesernährungsministerin Klöckner darf nicht mehr tatenlos zuschauen, wie McDonald’s, Coca-Cola und andere Unternehmen auf Kosten der Kindergesundheit Kasse machen", sagt Sprecher Sarmadi.

Klöckner müsse dem Kindermarketing für ungesunde Produkte in sozialen Medien, im Fernsehen oder im Supermarkt endlich einen Riegel vorschieben.

Nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) ist in Deutschland jedes sechste Kind übergewichtig oder adipös. Unter den 11- bis 13-Jährigen ist es sogar jedes fünfte. "Fehlernährung ist bei Kindern und Jugendlichen weit verbreitet", weiß auch Sarmadi.

Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren essen demnach mehr als doppelt so viele Süßwaren oder Snacks, wie empfohlen. Dadurch drohen Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Gelenkprobleme, Bluthochdruck und Herzerkrankungen im späteren Lebensverlauf.

Umgehung der elterlichen Kontrolle

Das Online-Marketing direkt ins Kinderzimmer – vorbei an der elterlichen Kontrolle – erscheint vor diesem Hintergrund besonders dramatisch. "Kinder leben in einer übergewichtsfördernden Umwelt. Überall werden sie mit Werbebotschaften für ungesunde Lebensmittel bombardiert. In den meisten Fällen können Kinder nicht zwischen Werbung und redaktionellen Inhalten unterscheiden", erinnert der Foodwatch-Specher.

Beim Influencer-Marketing verschwimme die Grenze zwischen sachlicher Information und Werbung besonders stark. "Oftmals werden Werbebotschaften in Unterhaltungsformaten wie Gewinnspielen, Mutproben oder Backtipps eingebettet", so Sarmadi. Es werde Zeit, dass die Politik Gegenmaßnahmen ergreife.

Forderung an Ministerin Klöckner

Konkret fordert Foodwatch: Klöckner soll an Kinder gerichtete Junkfood-Werbung verhindern. Auch das RKI empfiehlt die Kontrolle und Einschränkung von "ernährungsphysiologisch oft fragwürdigen Kinderlebensmitteln".

Der Wissenschaftliche Beirat des Bundesernährungsministeriums empfahl noch im Juni 2020 ein "Verbot von an Kinder gerichtete Werbung für Produkte mit hohem Zuckeranteil". Selbstverpflichtungen seien nicht geeignet, um den Verzehr von Junkfood zu verringern.

Großbritannien, Norwegen, Portugal oder Südkorea machen vor, wie es geht: Sie haben umfangreiche Werbebeschränkungen eingeführt, teilweise auch für den Online-Bereich. "In Chile werden Sie beispielsweise keine Comicfiguren auf Zuckerbomben finden und bei Kindern beliebte Figuren und Persönlichkeiten dürfen nicht für ungesunde Lebensmittel werben", weiß Sarmadi. Großbritannien diskutiere derzeit ein komplettes Verbot von Online-Werbung für unausgewogene Lebensmittel.

Appell an die Werbewirtschaft

Was also sagt die Ministerin dazu? Auf Anfrage unserer Redaktion teilt Bundesernährungsministerin Julia Klöckner mit: "An Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung müssen wir stärker in den Blick nehmen". Weitergehende Beschränkungen seien notwendig. "Dies gilt gerade auch für den digitalen Bereich, der für den Medienkonsum von Kindern immer relevanter wird", räumt die Ministerin ein.

Werbung dürfe Kinder nicht dazu verleiten, sich ungesund zu ernähren. "Das habe ich kürzlich auch gegenüber dem Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft deutlich gemacht. Ihn fordere ich auf, die Verhaltensregeln zu verschärfen – ganz konkret fordere ich Nachbesserungen bei der Altersgrenze und bei der Werbung für Lebensmittel mit ungünstiger Nährstoffzusammensetzung", so Klöckner. Weiter sei wichtig, verschärfte Verhaltensregeln in der Praxis strenger anzuwenden.

Foodwatch: Freiwilligkeit reicht nicht aus

Foodwatch reicht das bei Weitem nicht aus. "Frau Klöckner setzt hingegen bislang darauf, dass sich die Industrie freiwillig beschränkt", sagt Sprecher Sarmadi. Eine freiwillige Selbstverpflichtung der weltgrößten Lebensmittelunternehmen – den "EU Pledge" gebe es aber bereits seit 2007: Zahlreiche Studien hätten gezeigt, dass diese Vereinbarung nicht geeignet sei, um an Kinder gerichtete Werbung für unausgewogene Lebensmittel zu verhindern.

"Frau Klöckner kann Junkfood-Werbung auf nationaler Ebene beschränken, sie ist also nicht auf den Konsens mit anderen EU-Staaten angewiesen", betont Sarmadi. Ellen Großhans, Sprecherin des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft aber teilt mit: Die Lebensmittelwerbung sei in Deutschland seit langem durch den Staatsvertrag der Bundesländer reguliert, welcher durch die Verhaltensregeln des Werberates ergänzt werde.

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Chance verpasst

"Erst vor wenigen Monaten ist der Medienstaatsvertrag in Kraft getreten. Zusätzlich zur Werbung in klassischen Medien erfasst er auch digitale Medien wie Videoplattformen", erinnert Klöckners Sprecherin. "Die Länder haben es versäumt, eine verantwortungsbewusste Regelung zu finden und durchzusetzen, um den Schutz von Kindern wirksam zu gewährleisten."

Die derzeitigen Verhaltensregeln des Deutschen Werberates halte auch das Bundesministerium nicht für ausreichend, um Kinder ausreichend zu schützen. "Deshalb hat Bundesernährungsministerin Julia Klöckner den Werberat aufgefordert, die Verhaltensregeln an den genannten Punkten zu verschärfen", heißt es weiter. Freiwilligkeit, Verantwortung der Anderen, lasche Appelle: Klöckner scheint die Chance verpasst zu haben.

Verwendete Quellen:

  • Presseanfrage an Foodwatch
  • Presseanfrage an Bundesministerin Julia Klöckner (CDU)
  • Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz: "Gutachten Juni 2020: Politik für eine nachhaltigere Ernährung. Eine integrierte Ernährungspolitik entwickeln und faire Ernährungsumgebungen gestalten."
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