In Frankreich macht das Wort Absolutismus die Runde. Derart überwältigend ist die Mehrheit, mit der die Franzosen die Partei von Präsident Emmanuel Macron bei den Parlamentswahlen ausgestattet hat. Doch so einfach, wie die Machtfülle vermuten lässt, wird es für Macron nicht. Auch, weil er mit einem Hofstaat aus Laien antritt.

Die französische Zeitung "Le Figaro" spricht von einer "unverschämten Mehrheit": Nach dem ersten Wahlgang der Parlamentswahlen in Frankreich kann La Republique En Marche (REM), die Partei des im Mai gewählten Präsidenten Emmanuel Macron, mit voraussichtlich 400 bis 455 der insgesamt 577 Sitze in der Nationalversammlung rechnen.

Macron - Frankreichs neuer Monarch?

En Marche hat bei der Wahl am Sonntag derart gut abgeschnitten, dass die "Süddeutsche Zeitung" Parteichef und Präsident Macron "einen republikanischen Monarchen" nennt, mit einer Machtfülle, "wie dies das Land zuletzt unter der Regentschaft von Charles de Gaulle erlebte".

REM wurde mit Abstand stärkste Kraft und wird aus dem zweiten Wahlgang am kommenden Sonntag aller Wahrscheinlichkeit nach mit einer absoluten Mehrheit hervorgehen.

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Frankreich führt Emmanuel Macron feierlich ins Präsidentenamt ein

Vor prunkvoller Kulisse und mit Kanonendonner startet Frankreichs neuer Präsident in sein Amt. Seine Frau Brigitte scheint sich auf dem roten Teppich schon recht wohl zu fühlen.

Unter Umständen könnte die Mehrheit sogar breiter ausfallen, als es in der Geschichte der Fünften Republik, die 1958 gegründet wurde, je der Fall war.

Macron - ein absolutistischer König?

Die "Süddeutsche Zeitung" sieht angesichts so viel Macht eine "absolutistische Versuchung". Doch Frankreich ist und bleibt eine Demokratie - und Macron ist mit dem Versprechen angetreten, die Demokratie zu erneuern und zu stärken.

Um Wort zu halten, muss er dem Parlament, das in Frankreich im Vergleich zu anderen Staaten eher schwach ist, mehr Möglichkeiten zur Kontrolle der Regierung einräumen.

Und noch einen Grund gibt es, weshalb Macron gut beraten wäre, sich nicht wie ein absolutistischer Herrscher zu benehmen: Er ist auf eine Wiederwahl angewiesen, wenn er länger als fünf Jahre im Amt bleiben will.

Wie die belgischen Zeitung "De Tijd" richtig schreibt, bedeutet die große Machfülle auch: "Der Präsident hat keine Entschuldigung mehr, wenn er seine Versprechen nicht verwirklicht. Das ist eine große Verantwortung, denn darauf richten sich die Hoffnungen seiner Wähler."

Bei allem berechtigten Respekt, der Macron und En Marche derzeit zu Teil wird: Die Neuen müssen sich erst noch beweisen. Das wird auch deshalb nicht einfach, weil ein großer Teil der Truppe politisch völlig unerfahren ist.

Ein Hofstaat aus Laien - kann das gut gehen?

Zu Macrons Kabinett zählen viele Quereinsteiger: Eine ehemalige Personalchefin ist jetzt Arbeitsministerin, eine Olympiasiegerin Sportministerin, eine Verlegerin kümmert sich um kulturelle Angelegenheiten.

Ähnlich dürfte es bald in der Nationalversammlung aussehen. Rund die Hälfte der Kandidaten, die sich für En Marche als Abgeordnete bewerben, haben keinerlei parteipolitische Erfahrung.

"Angesichts der allgemeinen Abneigung gegenüber der traditionellen Politik" sei die Nominierung vieler unbekannter Gesichter "ein ausgezeichneter Marketingzug gewesen, kommentiert die slowakische Tageszeitung "Dennik N" am Montag. Jedoch: "Zum Regieren kann gerade das ein großes Problem werden."

Die Neulinge müssen sich erst einarbeiten, Wissen aufbauen, Erfahrung sammeln. Und sie müssen sich auf gemeinsame Positionen verständigen.

Bislang eint sie vor allem der Wunsch nach Veränderung, die grundlegende Hoffnung auf Reformen. Wie die Politik von En Marche konkret aussehen wird, ist noch völlig offen.

Macron selbst hat im Wahlkampf damit geworben, weder links noch rechts zu sein, seine Gefolgsleute stammen aus verschiedenen politischen Lagern. Bei konkreten Entscheidungen einen Konsens zu finden, wird nicht einfach werden.

Und dann ist da noch das Volk.

Was ist aus dem Volk zu erwarten?

Die parlamentarische Opposition ist enorm geschwächt. Sofern die Abgeordneten von En Marche an einem Strang ziehen, haben sie also die Möglichkeit, Macrons radikales Reformprogramm in die Tat umzusetzen.

Sie müssen jedoch darauf gefasst sein, dass gerade die geplanten Umbauten am Arbeitsmarkt und im Rentensystem den Widerstand der in Frankreich sehr mächtigen Gewerkschaften provozieren. Wenn Tausende Franzosen auf die Straße gehen, wird Macron das nicht gänzlich ignorieren können.

Auch das unterscheidet ihn deutlich von den Königen vergangener Jahrhunderte.