Donald Trump ist auf Twitter außerordentlich aktiv. Der künftige US-Präsident nutzt den Kurznachrichtendienst offenbar auch, um zu provozieren - mit politischem Erfolg. Ein Politik-Experte erklärt, ob es sich um eine gezielte Kampagne handelt.

Herr Professor Vormann, wie würden Sie das Twitter-Verhalten von Donald Trump charakterisieren?

Professor Boris Vormann: Was Trump dort schreibt, ist abseits der Norm. Es ist auch im Vergleich zu anderen Staatsoberhäuptern sehr ungewöhnlich, dass ein künftiger Präsident so aktiv auf Twitter agiert. Außerdem hält er sich sehr wenig ans Protokoll.

Warum nicht?

Weil Trump sich nicht als typischen Politiker sieht, der sich steif an Vorschriften halten muss, sondern als authentischen Geschäftsmann. Trump will die Ärmel hochkrempeln und die Sachen einfach anders machen.

Was unterscheidet die Texte des Republikaners von denen Barack Obamas oder Angela Merkels?

Er teilt seine persönlichen Gedanken mit wenig Rücksicht auf Verluste mit und beleidigt verschiedene Bevölkerungsgruppen, Politiker und Geschäftsleute. Obama oder Merkel nutzen Twitter einerseits, um eine gewisse Menschlichkeit und Nahbarkeit auszustrahlen, die sie sonst nicht haben als hohe Amtsträger. Und zum anderen, um mit Hilfe eines Social-Media-Teams die eigene politische Botschaft an Bevölkerungsteile zu kommunizieren, die sie sonst vielleicht nicht erreichen über die üblichen Nachrichtenkanäle.

Immer wieder wird Trump vorgeworfen per Twitter zumindest zweifelhafte Fakten und Meldungen zu verbreiten. Steckt da eine gezielte Kampagne dahinter?

Ich glaube, es wäre zu einfach zu sagen, dass Trump nur schreibt, um zu manipulieren. Sein Team besitzt zwar sehr akkurate Daten über das Wählerverhalten einzelner Bevölkerungsschichten. Ich glaube aber nicht, dass Trump jedes Mal schaut, in welche Richtung er argumentieren müsste, um diese oder jene Gruppe anzusprechen. So strategisch scheint er nicht zu handeln. Zumindest spricht alles dagegen, was ich bisher von ihm gehört, gesehen und gelesen habe.

Was sagt das über ihn als Politiker aus?

Das ist klar als demagogisch einzuordnen. Unwahrheiten und Fake-News bringen erhöhte Klickzahlen und können die Wählermeinung beeinflussen. Da hat sich schon im Wahlkampf im politischen Diskurs einiges verschoben.

Als die New York Times eine Trump kritische Geschichte brachte, twitterte er plötzlich: "Wer eine US-Flagge verbrennt, muss bestraft werden". Und plötzlich war die Times-Geschichte fast vergessen. Ist das so eine Strategie von ihm, Nebelkerzen zu werfen?

Das ist nur eines von vielen Beispielen. Auch in den Fernsehdebatten zwischen Trump und Clinton haben wir sehen können, wie er bei brenzligen Fragen auf Gegenattacken ausgewichen ist. Beispielsweise indem er Clinton für ihren fahrlässigen Umgang mit Emails angriff - ganz gleich, wozu genau er ursprünglich gefragt worden war. Wir können uns auf eine Politik der lauten Töne gefasst machen, in der Nebensächlichkeiten überbetont und Gegner bloßgestellt werden, um von den Defiziten der eigenen Politik abzulenken.

Schreibt Trump die Kurznachrichten wirklich selbst?

So konsequent inkonsequent wie er bisher getwittert hat, würde mich das nicht wundern. Selbst von besonders fragwürdigen Tweets, die er nachts abgesetzt hat, hat er sich später nicht distanziert. Das waren scheinbar wirklich seine Texte.

Warum diese fast täglichen Tabubrüche?

Wenn er auf das Protokoll verzichtet und so handelt wie er es möchte, bekräftigt er, dass er ein besonderer Präsident ist. Trump bricht immer wieder ganz bewusst Tabus, um sich als Gegenentwurf zu den alten Eliten, zum sogenannten Establishment zu inszenieren. Das war ein klares Leitmotiv im Wahlkampf und das setzt sich jetzt fort.

Ist es authentisch, was Trump twittert?

Das liegt nicht in meinem Ermessen. Es wird ihm ja sogar von einigen Beobachtern als authentisch ausgelegt, wenn Trump an einem Tag seine Meinung zu einem bestimmten Thema ändert. Es ist aber eigentlich kindisch, dass man einfach sagt, was man möchte, ohne dafür die Konsequenzen mitzubedenken. Trump sieht sich als Vertreter einer überlegenen Weltmacht - und so handelt er auf Twitter. Er denkt, er kann machen, was er möchte.

Hat der Immobilienmogul letztlich einfach kapiert, wie er soziale Medien perfekt zu seinen Zwecken einsetzt?

Trump weiß ganz sicher, wie Politik heute funktioniert. Er hat verstanden, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und ein Bild von Unabhängigkeit vom Establishment zu verbreiten. In diese Vorstellung von Unabhängigkeit werden vielleicht viele seiner Wähler ihre eigenen Wünsche hineinprojizieren, frei zu sein. Das ist aber ein Stück weit Spekulation.

Trump hat ja vor wenigen Tagen per Twitter einen Politikwechsel gegenüber China angedeutet. Werden wir damit rechnen müssen, dass er das Medium vermehrt als eine Art zusätzlichen diplomatischen Kanal benutzen wird?

Er hat sich bisher als recht beratungsresistent erwiesen. Diese stark anmutende Rhetorik und der Paukenschlag sind Teil seines Auftretens. Ich glaube, wir werden das auch während seiner Präsidentschaft weiter sehen. Worauf man jedoch achten sollte, sind die Themen, die nicht mehr angesprochen werden.

Zum Beispiel?

Trump hat ja angekündigt, den sogenannten Sumpf in Washington trocken zu legen und die Eliten an den Pranger zu stellen. Aber jetzt hat er sich ein Kabinett zusammengestellt, das genau diese Menschen vereint. Das ist der große Widerspruch.

Zur Person: Professor Boris Vormann ist Politikwissenschaftler am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. Er ist Mitherausgeber vom "Handbuch Politik USA"