• Die Hansestadt Rostock mit ihren 210.000 Einwohnern kann während der Corona-Pandemie dauerhaft mit geringen Corona-Zahlen überzeugen.
  • Der Rostocker Oberbürgermeister führt das auf eine schnelle Anordnung von Schutzmaßnahmen zurück.
  • Von den Bedingungen des Lockdowns, wie er gerade in Deutschland läuft, hält der Rathaus-Chef allerdings wenig.

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Es wird bereits als "Rostock-Phänomen" bezeichnet, dass die Hansestadt dauerhaft niedrige Corona-Ansteckungswerte hat. Es gab nur einen Tag mit einem Inzidenzwert von über 50 und bisher 16 Corona-Tote. Damit steht Rostock während der laufenden Corona-Pandemie weit besser da als Städte vergleichbarer Größe wie Kassel, Freiburg im Breisgau oder Mainz.

Effektiver Shutdown vor der Pandemie

Ein Grund dafür dürfte sein, dass Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen (parteilos) schon weit vor vielen anderen Kommunen in Deutschland auf zwei Punkte setzte: Runterfahren und Testen.

Bereits am 14. März 2020, als es noch keine Bundes- und Landesvorschriften gab, entschied der 48-Jährige, Museen, Bäder, Kitas und Schulen zu schließen und sagte ein Konzert des Sängers Johannes Oerding kurz vorher ab.

Damals gab es vier nachgewiesene Corona-Fälle in seiner Stadt. "Damit griffen unsere Maßnahmen relativ gesehen vier bis sechs Wochen eher als in den damals viel stärker betroffenen süddeutschen Regionen", erklärt Madsen und betont: "Ein Shutdown ist vor der Pandemie effektiv."

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Mit seinen Entscheidungen vom 14. März setzte der Rostocker Stadtchef eine Welle in Mecklenburg-Vorpommern in Gang. Auf Madsens Ankündigung der Schul- und Kitaschließung zog die Landesregierung nach. So wurden die Einrichtungen landesweit am 16. März geschlossen.

Maskenpflicht und Co. werden früher eingesetzt

Viele Mitarbeiter in der Verwaltung wurden in dieser Zeit für die Kontaktverfolgung umgeschult. "Wir konnten immer die Infektionsherde lokalisieren und die Kontakte nachverfolgen und können es bis zum heutigen Tag. So gab es vermutlich auch kaum eine versteckte Ausbreitung", erklärt Madsen.

In der zweiten Welle setzte die Stadtverwaltung früh auf eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum, appellierte in beiden Pandemiephasen an die Bevölkerung für die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln und ließ diese kontrollieren.

"Die Rostockerinnen und Rostocker, aber auch unsere Gäste während der Urlaubssaison 2020, haben sich an die Regeln und Maßnahmen gehalten. Wir haben die Einhaltung kontrolliert, aber immer als erklärende Partner und nicht als Staatsmacht", sagt der Rostocker OB.

Rostock grenzt an kein Risikogebiet

Professor Emil Christian Reisinger, Dekan der Medizinischen Fakultät an der Uni Rostock, sieht weitere Gründe: Der Mediziner führt die niedrigen Corona-Infektionszahlen auch darauf zurück, dass Rostock im Vergleich zu anderen Landkreisen und Städten weniger Pendler habe.

Bis zu typischen Einpendler-Städten wie Hamburg und Berlin sind es zwei Stunden und mehr auf der Autobahn.

Zudem grenzt die Hansestadt an keine Region mit hohen Corona-Fallzahlen. Schaut man auf die Landkarte von Mecklenburg-Vorpommern, weisen die Landkreise mit Außengrenzen zu Polen und zu Brandenburg doppelt bis dreifach so hohe Inzidenzwerte wie die Ostsee-Stadt Rostock auf.

Rostocker nahmen Pandemie von Anfang an ernster

Einen weiteren Grund sieht der Mediziner in der Disziplin der Menschen. "Wenn ich in die Rostocker Fußgängerzone komme, sehe ich viele Menschen mit Masken", sagt der gebürtige Österreicher, der von Berufswegen oft in Deutschland unterwegs sein müsse und das Verhalten der Menschen vergleichen könne.

Für Reisinger sei das Maskentragen auch ein Indiz dafür, wie ernst die Leute die Corona-Gefahr nehmen: "Menschen, die auf der Straße in der Innenstadt eine Maske tragen, haben auch im privaten Bereich eher Verständnis dafür und passen mehr auf", sagt der Wissenschaftler, der auch zur Wirkung von FFP2- und OP-Masken forscht.

Der zweite Teil der Strategie: testen, testen, testen

Zurück ins Rostocker Rathaus: Der zweite Teil der Strategie von OB Madsen hieß Testen. Im März 2020 ließ die Stadtverwaltung ein großes Testzentrum errichten, in dem hätten hunderte Menschen täglich auf das Coronavirus geprüft werden können.

Um lange Schlangen vor den Tests zu vermeiden und die Datenweitergabe zu verbessern, ließ die Stadt einen Online-Fragebogen programmieren, den die potenziell Infizierten vorher mit ihrem Smartphone ausfüllen konnten und somit lange Wartezeiten beim Ausfüllen von Fragebögen vermieden werden konnten.

Anfangs gab es Kritik an Teststrategie

Mit seiner Strategie stieß Madsen auf Kritik. Denn nach der Empfehlung des Robert Koch-Instituts (RKI) sollten damals nur Menschen getestet werden, die im Skiurlaub in Österreich waren, Kontakt zu Infizierten hatten oder die über eindeutige Symptome klagten.

Der Rostocker Stadtchef wollte aber zusätzlich Berufsgruppen prophylaktisch testen, die viel Kontakt zu anderen Menschen haben wie Ärzte, Pfleger, Rettungs-Personal, Feuerwehr, Polizisten und auch Mitarbeiter der Verwaltung.

Von der Landesregierung standen der Stadt Rostock anfangs nur 50 Test-Sets zur Verfügung, woraufhin sich Madsen an ein ortsansässiges Biotech-Unternehmen wandte. Die Firma machte daraufhin kostenlose, allerdings nicht RKI-zertifizierte Tests - ohne Genehmigung der Landesregierung.

Das Innenministerium verbot den Landesbediensteten wie Polizisten und Uni-Mitarbeitern deshalb die Teilnahme. Madsen ließ bei Pflegekräften und Stadt-Angestellten die Tests fortführen. Sein Argument: Bei einem Schiffsuntergang würde man bei einem einzigen Rettungsboot auch nicht fragen, woher es komme.

OB Madsen sieht jetzige Maßnahmen kritisch

Trotz niedriger Inzidenzwerte befindet sich, wie alle anderen Städte auch, Rostock mittlerweile ebenfalls im Lockdown: Geschäfte, Friseure und Restaurants sind zu. Aus dem Rostocker Oberbürgermeister, dem einstigen Befürworter strenger und schneller Maßnahmen, ist mittlerweile ein Kritiker der aktuellen Maßnahmen geworden.

In einem Interview mit der Schweriner Volkszeitung sagte Madsen: "Ich habe noch nie davon gehört, dass sich jemand beim Schuhkauf infiziert hat. Dann verstehe ich nicht, warum man Schuhläden schließt."

Während des Lockdowns habe sich die Sieben-Tage-Inzidenz von Rostock sogar noch verdreifacht, erklärte der 48-Jährige. "Unsere Zahlen waren deutlich niedriger, als noch alles offen war."

Durch Zwangsschließungen wird Risiko im privaten Bereich erhöht

Der Oberbürgermeister hat dafür auch einen Grund: Seiner Einschätzung nach erhöhen Zwangsschließungen das Risiko im privaten Bereich. "Menschen haben auch während des Lockdowns Geburtstag – essen, trinken, sind gesellig. Das findet so oder so statt."

Das Problem: Bei einer Infektion im privaten Bereich würden die Leute nicht zugeben, dass sie auf einer größeren, unerlaubten Partie waren, so Madsen. Deshalb sei auch die Kontaktverfolgung nicht mehr möglich.

Der Stadtchef plädiert deshalb für eine langsame Öffnung mit Abstandsregeln, Belüftungstechnik, Terminvergabe und Kontrolle. "Wir müssen Hygienekonzepte zulassen, denn es ist doch viel sicherer, einen Geburtstag nach festen Regeln in einem Restaurant zu feiern als irgendwo versteckt in einer Garage. Mit den derzeitigen Regeln haben wir quasi das Licht ausgeschaltet und sehen nicht, was hinter den eigenen vier Wänden passiert."

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Professor Emil Christian Reisinger
  • Interview mit Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen in der Schweriner Volkszeitung
  • Schriftliche Antworten von Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen auf Fragen der Redaktion
  • NDR: Streit um Corona-Tests in Rostock
  • Tägliche Lageberichte zur Corona-Pandemie in Mecklenburg Vorpommern
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