• Seit zwei Wochen gelten in Österreich Lockerungen.
  • Schulen, Friseure und manche Geschäfte haben wieder geöffnet.
  • Das hat zu einem starken Anstieg der Neuinfektionen geführt.

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Wenn Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz in Wien vor die Öffentlichkeit tritt, dann fällt auf: Seine Haare sind akkurat geschnitten. Die Zeiten, in denen Regierungsmitglieder mit teils abenteuerlichen Frisuren Pressekonferenzen gaben, sind vorbei – zumindest vorerst.

Denn seit gut zwei Wochen sind in Österreich Friseurbesuche unter strengen Sicherheitsauflagen wieder erlaubt. Auch andere körpernahe Dienstleistungen wie Fußpflege- oder Masseurstudios können grundsätzlich Kunden empfangen.

Das gilt auch für den Handel: Baumärkte, Möbelgeschäfte und Kleiderläden sind mit Einschränkungen wieder geöffnet. Kinder und Jugendliche gehen seit 8. Februar wieder in die Schule, außerdem steht eine Öffnung von Kneipen und Kaffeehäusern ab April im Raum.

Österreich mit hoher Sieben-Tage-Inzidenz

Die türkis-grüne Bundesregierung in Wien fährt im Umgang mit der Corona-Pandemie eine ganz andere Strategie als Berlin. Und das schon seit fast einem Jahr. Österreich hat im Vorjahr früher als Deutschland - bereits Anfang März - einen harten Lockdown verhängt. Bundeskanzler Sebastian Kurz setzte zunächst auf eine stark angstbesetzte Rhetorik: "Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist“, erklärte Kurz. Die martialische Warnung verfing: Der erste harte Lockdown in Österreich war sehr erfolgreich, bereits im Mai wurden die Maßnahmen weitgehend aufgehoben.

Im August schließlich machte der Kanzler in Wien seinen Leuten Hoffnung: "Es gibt schon langsam Licht am Ende des Tunnels", sagte er. Das erwies sich als Trugschluss: Nur wenige Wochen später wurde Österreich von der zweiten Welle hart getroffen. Seit November befindet sich die Alpenrepublik beinahe durchgehend im Lockdown. Nun werden die harten Maßnahmen erneut gelockert.

Friseurtermine nur mit negativem Corona-Test

Friseurtermine sind nun wieder möglich, wenn man einen amtlich bestätigten negativen Corona-Test vorweisen kann, der nicht älter als 48 Stunden ist. Möglich ist das in einer der insgesamt 2.000 Teststationen: 80 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher können eine solche innerhalb von maximal 15 Autominuten erreichen. Die Antigentests sind kostenlos.

Getestet wird auch an den Schulen: Zwei Mal pro Woche müssen Kinder und Jugendliche zum verpflichtenden Test. Verweigern die Erziehungsberechtigten ihre Einwilligung zu den "Anterio-Nasal-Tests", müssen die Schülerinnen und Schüler zu Hause bleiben.

Strenge Auflagen gelten auch im Handel: Wie in allen öffentlichen Einrichtungen ist eine FFP2-Maske Pflicht, die Betreiber müssen sicherstellen, dass jedem Kunden 20 Quadratmeter zur Verfügung stehen. So soll das Risiko einer Ansteckung minimiert werden. Diese Regel führt dazu, dass sich besonders vor kleineren Läden mitunter Schlangen bilden.

Mit "Hammer und Tanz" durch die Pandemie?

Der junge Regierungschef in Wien befolgt eine Corona-Strategie, die der US-Autor und Silicon-Valley-Berater Tomas Pueyo vor gut einem Jahr als "Hammer und Tanz" beschrieben hat: Ein harter Lockdown wird immer wieder durch Phasen der vorsichtigen Öffnung unterbrochen. Die Regierung in Wien tastet ab, man probiert etwas aus und wartet ab, was passiert. Es ist wohl kein Zufall, dass Pueyo Start-ups berät.

Die Koalition in Berlin fährt eine andere Linie: keine Experimente. Angela Merkel führt die Regierung nicht wie ein Start-up, sondern wie ein solides, deutsches Traditionsunternehmen.

Die beiden Regierungschefs verfolgen völlig unterschiedliche Strategien. Aber welche ist die bessere? "Schwer zu sagen", meint der auf Pandemien spezialisierte österreichische Public-Health-Experte Martin Sprenger im Gespräch mit unserer Redaktion. "Wir sind derzeit alle Passagiere von einem Geschehen, das wir nur bedingt beeinflussen können."

Der Corona-Experte Sprenger gehörte einst zum engsten Beraterkreis von Sebastian Kurz, überwarf sich dann aber mit dem Kanzler. Dennoch will er dessen Politik der vorsichtigen Öffnung nicht verdammen: "Es ist wichtig, die Verhältnismäßigkeit zu wahren."

Österreichs Fehler: Kaum Transparenz durch Zahlen

Die Lockerungen seien auch eine Reaktion auf den zunehmenden Leidensdruck der Bevölkerung: Die Corona-Infektionszahlen seien nicht die einzige gültige Währung. Auch die psychische Gesundheit der Bevölkerung spiele eine Rolle, ebenso wirtschaftliche Überlegungen. "Darüber kann und soll man streiten."

Was Sprenger der Regierung Kurz allerdings ankreidet, ist die mangelnde Transparenz: "Anders als in Deutschland werden viele Daten nicht veröffentlicht, es gibt keine Wochenberichte, wie sie das Robert-Koch-Institut veröffentlicht." Das fördere das Misstrauen der Bevölkerung und gebe Verschwörungstheoretikern Auftrieb.

Die Regierung in Wien betreibe "Message Control": Information werden gefiltert, nach konkreten Daten suche man oft vergeblich. "Das führt zu Vertrauensverlust und Polarisierung."

Tatsache ist jedenfalls: Die österreichische Strategie der Öffnung ist riskant. "Ein Ritt auf der Rasierklinge" nannte sie der Landeshauptmann der Steiermark, Hermann Schützenhöfer schon vor zwei Wochen.

Denn der Lockdown in Österreich wurde gelockert, obwohl das Ziel der Bundesregierung – eine Sieben-Tage-Inzidenz von unter 50 – bei weitem nicht erreicht ist. Derzeit stecken sich pro Woche rund 130 von 100.000 Österreichern mit COVID-19 an. Das ist fast doppelt so viel wie in Deutschland, wo der Wert laut Robert-Koch-Institut bei 62 liegt.

Anstieg der Neuinfektionen nach Lockerungen

Eine erste Bilanz nach zwei Wochen Lockerung fällt ernüchternd bis durchwachsen aus. Zwar ist die Zahl der Todesfälle sowie der Intensivpatienten im Krankenhaus zuletzt leicht gesunken. Dafür schnellte die Zahl der Neuinfektionen in die Höhe: 1.838 waren es am Sonntag – so viele wie seit Mitte Dezember nicht mehr.

Die Entwicklung der Fallzahlen gehe "in der Tat sehr schnell", warnte auch der Komplexitätsforscher Peter Klimek am Montag im Ö1-Morgenjournal. Schuld daran seien zum einen die wesentlich ansteckenderen Virus-Mutationen, die nun auch Österreich voll erfasst haben. Als weiteren Grund nennt er aber auch die unlängst beschlossenen Lockerungsmaßnahmen. Klimek hält es für "sehr wahrscheinlich", dass die Infektionszahlen "rasch steigen werden".

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Martin Sprenger
  • ORF.at: CoV-Entwicklung geht "sehr schnell"
  • Wirtschaftskammer Österreich: Informationen für Fußpfleger, Kosmetiker, Masseure und Heilmasseure
  • Robert-Koch-Institut: Corona-Fallzahlen Deutschland
  • AGES Dashboard COVID19: Corona-Fallzahlen Österreich
  • Tiroler Tageszeitung: So laufen die Corona-Schnelltestst an Schulen ab
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