• Egal ob Aliens, Klimawandel oder Corona: Verschwörungsmythen breiten sich immer weiter aus.
  • Steckt die Wissenschaft also in einer Krise?
  • Wir haben uns mit dem Physikprofessor und TV-Moderator Harald Lesch über dieses und andere Themen unterhalten.

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Die Coronakrise und der Klimawandel stellen die Menschheit vor gewaltige Herausforderungen. Eine erfolgreiche Bewältigung dieser Probleme ist keineswegs sicher.

Viele Menschen suchen ihre Patentlösung deswegen lieber abseits der Realität in der Welt der Verschwörungsmythen. Oder sie leugnen schlicht die Existenz eines Problems. Ein Schritt, den Harald Lesch nicht nachvollziehen kann. Wir haben uns mit dem Astrophysiker und Fernsehmoderator darüber unterhalten.

Guten Tag, Herr Lesch. Drei einfache Ja/Nein-Fragen zum Einstieg.

Harald Lesch: Gerne.

War die Menschheit auf dem Mond?

Ja.

Gibt es einen menschengemachten Klimawandel?

Ja.

Ist das Coronavirus real?

Ja.

Bei der letzten Antwort würden Ihnen laut einer Umfrage von Mitte Dezember rund 15 Prozent der Deutschen widersprechen. Woran glauben Sie, liegt das?

Ich kann mir das nicht erklären. Ich weiß nicht, wie man angesichts der Ereignisse, die um einen herum passieren, so die Wirklichkeit verneinen kann. Ich hoffe nur, dass die Leute, die sagen "Es gibt das Virus nicht", nicht daran erkranken. Und falls doch, sollten sie vielleicht eine Patientenverfügung unterschreiben, dass sie, falls sie sich doch mit dem aus ihrer Sicht nicht vorhandenen Virus infizieren, dann auch keine Krankenhausbehandlung bekommen. Vielleicht würde das helfen.

"Ich weiß nicht, wie man das zusammenholt, wie die Leute denken"

Sie haben also auch keine Antwort darauf, weshalb Verschwörungstheorien und die Verneinung von Realität einen solchen Zulauf erhalten?

Es ist mir völlig schleierhaft. Ich weiß nicht, wie man das zusammenholt, wie die Leute denken. Anhänger von Verschwörungstheorien haben einfach aufgehört, ihren Apparat, ihren Kopf zu benutzen. Sie benutzen lieber ihre Touchscreens. Sie reflektieren nicht genug.

Das ist ja die ganz große Mondlandeverschwörung, von der wir hier reden. Schon bei der hieß es ja: 250.000 Leute hätten sich zusammengetan und kollektiv geschwiegen über diese Riesengeschichte. Und jetzt müssten das ja sieben Milliarden Menschen ebenfalls tun - ich meine, alle Menschen auf der Welt sind von Corona betroffen … Sowas Irres.

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Sie haben das Thema "Verschwörungstheorien" immer wieder thematisiert: Von den Anfängen bei "alpha-Centauri" über "Leschs Kosmos" bis hin zu "Terra X". Ist das aus Ihrer Sicht immer noch der richtige Weg, dass man Leuten sagt: Es existiert hier aber eine Realität, die man nicht wegdiskutieren kann? Oder müsste man inzwischen nicht einen anderen Weg gehen?

Wenn Sie mir einen sagen können, dann gehe ich ihn. Im Grunde hilft aber nur Humor, wie beispielsweise Giulia Silberberger, die sich professionell mit Verschwörungstheorien beschäftigt, sagt. Dass man eine Art von "Humorschock" im Kopf dieser Menschen erzeugt. Wenn die dann anfangen, über ihr eigenes Zeug zu lachen, dann hätte man es geschafft.

Ich habe das schon versucht, wie beispielsweise letztens in einer Moderation: In den letzten neun Monaten hat die Chemtrail-Verschwörung ja verloren - gegen die Verschwörung eines nicht vorhandenen Virus. Und dann hat man mir gesagt, dass die Chemtrail-Milieus längst eine Antwort darauf haben: Die Chemtrails sind jetzt unsichtbar, wie die Flugzeuge, die dafür sorgen. Wenn die sich selbst argumentativ so unverwundbar machen, da kommt man nicht ran.

Was mich eigentlich interessiert, sind all diejenigen, die hin- und herschwanken und zweifeln. Wenn im Bekanntenkreis oder dem erweiterten Freundeskreis auf einmal so absurde Ideen auftauchen, dann kommen Leute aufgrund des Vertrauens zu ihren Freunden auf den Gedanken: "Der war doch bis jetzt eigentlich ganz normal, wenn der auch sowas sagt, dann muss doch da was dran sein." Im Gegensatz zu allen anderen, die längst da drin sind, sind das die einzigen, die man wirklich noch erreichen kann.

Ansonsten bin ich als Wissenschaftler natürlich verpflichtet, das zu sagen, was ich als Wissenschaftler weiß. Und das tue ich. Ganz einfach.

"Wir erleben momentan eine Art von intellektueller Radikalisierung"

Sehen Sie aufgrund der aktuell vorherrschenden Skepsis die Wissenschaft in der Krise?

Wir erleben momentan eine Art von intellektueller Radikalisierung bei den Verschwörungstheorien. Und dass das so stattfindet, liegt nicht an der Wissenschaft, sondern vor allem daran, dass sich schwachsinnige Theorien mit hoher Geschwindigkeit über den Planeten ausbreiten können.

Wir leben in einem Land, in dem Wissenschaft, Forschung und Technologie eine überragende Rolle spielen, auch wenn man nicht dran glaubt. Das heißt, das ganze Leben wird geprägt von Dingen, die nur deshalb um einen herum sind, weil Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler irgendwann mal Forschung betrieben haben und das dann in unser alltägliches Leben Eingang gefunden hat - gerade heutzutage, die digitale Technologie und dergleichen mehr.

Diese ganzen Querdenker-Leute oder Verschwörungstheoretiker leben zwar gedanklich im Mittelalter, aber mit den Methoden des 21. Jahrhunderts. Und das ist doch überhaupt nicht konsistent. Wissenschaft kann auf diese Widersprüche nur immer wieder hinweisen.

Sind also die sozialen Medien schuld?

Die sozialen Medien sind die Methode. Sie sind das Vehikel, über die sich diese Dinge ausbreiten. Oft genug nehmen die Erfinder einer Verschwörungstheorie diese gar nicht ernst, sondern ihre Anhänger nehmen sie viel ernster. Und dann wird auch oft damit Geld verdient. So gibt es eine ganze Reihe von Verschwörungen, deren Auswirkungen man damit bekämpfen kann, indem man sich irgendwelche "Medikamente" kauft oder sich den Orogonit-Stab in die Wohnung stellt. Es ist viel esoterischer Schwachsinn dabei, der aber immer gleich sehr ökonomisch ausgenutzt wird.

Es ist diese Melange von sehr schneller Verbreitung, einer scheinbaren Attraktivität durch Patentlösungsansätze und einfach auch die Denkfaulheit vieler Leute, die dann zu dieser merkwürdigen Ausbreitung solcher Theorien führt. Früher sind bestimmte absolute Randbereiche der Wirklichkeit gar nicht erst an einen herangekommen. Heutzutage ist man "just a click away" von den größten, absurdesten Monstrositäten menschlicher Triebhaftigkeit.

Hier geht's zu Teil zwei des Interviews mit Harald Lesch. Darin spricht er über die Auswirkungen des Klimawandels und außerirdisches Leben.

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