Gesichter, Pyramiden, Knochen: Auf einigen Fotos vom Mars sind merkwürdige Formen und Muster erkennbar. Für manche Menschen ist das ein Beweis, dass es auf dem roten Planeten einst intelligentes Leben gab. Tatsächlich handelt es sich wohl um optische Täuschungen. Aber warum sehen wir etwas, das nicht da ist? Ein Psychologe klärt auf.

Inmitten der scheinbar endlosen Wüste aus Sand und Geröll steht eine Pyramide. Im Gegensatz zu den meisten Steinen um sie herum hat sie glatte Kanten. Zu sehen ist das Gebilde auf einem Foto, das der Mars-Roboter Curiosity 2015 aufgenommen hat.

Aber wie kommt eine Pyramide auf den roten Planeten? Ist sie der letzte Überrest einer hochentwickelten Zivilisation, die einst auf dem Mars existierte? Gab es dort also früher intelligentes Leben? Davon sind selbsternannte Alien-Jäger überzeugt, die sich darüber in sozialen Netzwerken und Foren austauschen.

Schon seit Jahrhunderten spekulieren Menschen darüber, ob auf dem Mars Bakterien, Pflanzen oder gar Tiere existieren könnten. Der Planet ist der frühen Erde tatsächlich sehr ähnlich, zum Beispiel, was das Klima angeht.

Auch Wissenschaftler und Raumfahrtbehörden wie die NASA suchen deshalb nach Hinweisen darauf, dass auf dem roten Planeten Leben möglich sein könnte. Bislang sind sie allerdings noch nicht fündig geworden.

Seltsame Objekte und Formen auf Mars-Fotos

Die Alien-Jäger dagegen konzentrieren sich auf die mitunter seltsamen Bilder vom Mars, die verschiedene Raumsonden geliefert haben. Auf einem Foto ist scheinbar ein winkender Mensch zu erkennen, auf einem anderen sieht es so aus, als würden Skelettteile in der Wüste liegen.

Auch eine Maus, einen Gorilla oder den Geist einer Frau wollen die Alien-Gläubigen schon entdeckt haben. Berühmt geworden ist das "Gesicht vom Mars", das der Viking-Orbiter der NASA schon 1976 verewigte. Aus dem Sand erheben sich scheinbar große Augen, eine Nase und ein Mund.

Wissenschaftler interpretieren die Aufnahmen allerdings anders – und stufen sie als optische Täuschungen ein. Auch das "Gesicht vom Mars" ist aus einer anderen Perspektive keines mehr.

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So bunt ist's auf dem Mars

Eine NASA-Sonde funkt faszinierende Fotos von Eisformationen und Kraterkuppen zur Erde.

Durch Aufnahmen aus verschiedenen Winkeln haben Forscher das bewiesen, wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mitteilte. Der Rückschluss: Die Illusion entstand allein durch den Schattenwurf kleinerer Hügel und Erhebungen.

Die psychologische Erklärung für das Phänomen

Aber warum erkennen wir auf den Bildern Pyramiden oder Köpfe, obwohl wir wissen, dass das unwahrscheinlich oder unmöglich ist? Axel Kohler hat dafür eine Erklärung.

Ein Spezialgebiet des Diplom-Psychologen während seiner Forschungszeit an der Universität Münster waren optische Täuschungen. "Auf dem Mars hat man nur Formationen aus Felsen und Sand. Es gibt kaum sinngebende Strukturen – Objekte, Tiere oder Pflanzen", sagt er.

Doch durch Schattenspiele und zufällig geschaffene Kombinationen ergebe sich eine Ähnlichkeit zu bekannten Objekten. Die sinnvollen Muster seien aber nur ein Zufall.

Kohler nennt ein Beispiel dafür: Kinder und Erwachsene suchen in den Wolken nach bekannten Formen und Mustern – und entdecken plötzlich Schafe oder Schlösser am Himmel. "Wenn man sich nur lange genug Wolkenformationen anschaut, dann wird man an einem Punkt auch eine vertraute Kombination entdecken", sagt der Psychologe.

Zweidimensionaler Schnappschuss einer dreidimensionalen Welt

Optische Täuschungen entstehen, wenn die Informationen, die das Auge an das Sehsystem im Gehirn schickt, nur sehr begrenzt ist. "Ganz grob gesagt, arbeitet das Auge wie eine Kamera", erläutert Kohler.

"Es liefert nur einen zweidimensionalen Schnappschuss von einer eigentlich dreidimensionalen Welt. Diese dreidimensionale Welt soll das Gehirn jetzt aber wieder als Wahrnehmung herstellen – oder zumindest ein möglichst gutes Modell dieser 3-D-Realität."

Das funktioniert nach Angaben des Experten nur, wenn das Gehirn Annahmen über die Außenwelt trifft. Dazu verwende es dann Algorithmen, die es erlaubten, aus sehr reduzierter Information ein fast vollständiges Bild zu berechnen.

Im Verlauf der Evolution habe es sich als nützlich erwiesen, dass das Gehirn solche Annahmen macht, so der Psychologe. Deshalb sei es extrem gut darin, Muster zu erkennen. "Wenn Sie es sich genau überlegen, sehen wir oft nur einen begrenzten Teil eines Objekts. Wir haben ja nie eine vollständige Ansicht aus allen möglichen Perspektiven."

Schaue man beispielsweise schräg auf eine Schüssel mit einem Löffel darin, werde die Öffnung der Schüssel eigentlich eher oval auf der Netzhaut abgebildet. Den hinteren und inneren Teil sehe man fast nicht, vom Löffel darin sei nur ein kleiner Teil sichtbar. "Trotzdem nehme ich ganz natürlich eine vollständige runde Schüssel mit einem Löffel darin wahr", erklärt der Psychologe.

Die optische Täuschung als Normalfall

Es ist also nicht so, dass das Gehirn uns austrickst, wenn wir eine optische Täuschung wahrnehmen, so Kohler. Im Gegenteil: "Wenn man es provokativ ausdrücken möchte, ist die optische Täuschung der Normalfall", sagt Kohler.

Der Grund: "Das Gehirn ,konstruiert‘ in jedem Moment die 3-D-Wahrnehmung aus dem beschränkten 2-D-Abbild der Netzhaut und ist dabei sehr sensitiv für minimal sinngebende Muster."

Doch die Alien-Jäger lehnen solche wissenschaftlichen Erklärungen ab – und glauben eher an Vertuschungsversuche zum Beispiel der Raumfahrtbehörden. Der YouTube-Kanal ArtAlienTV zeigt Dutzende von Videos über angebliche Mars-Mäuse, -Menschen, -Schuhe oder -Autos.

In den Kommentaren spekulieren die Fans aber nicht nur über die Formen und Muster. Viele behaupten außerdem, dass die NASA die Wahrheit unter Verschluss halte – dass es tatsächlich intelligentes Leben auf dem Mars gegeben habe.

Ein Bild der NASA von 1998 zerstört den Mythos des "Gesichts vom Mars" und entlarvt das Gesicht als einfachen Felshügel in der Wüste des Planeten. (Archivbild)