Ob Wiesn-Besuch, Karneval oder große Party: Wer sich am Tag danach elend fühlt, hat vermutlich ein bisschen zu heftig gefeiert. Oder aber er gehört zur Gruppe der sozialen Introvertierten.

Anja Delastik
Eine Kolumne
von Anja Delastik, Journalistin, Kolumnistin

"O’zapft is!" Für viele Menschen startete vergangenen Samstag wieder die fünfte und schönste Jahreszeit. Für mich hingegen ist die Maß oft schon nach einem Wiesn-Besuch voll. Oans, zwoa, g’suffa, ein Prosit der Gemütlichkeit? Mich strengt das alles ziemlich an.

Du musst mehr aus dir rausgehen!

Dabei habe ich kein Problem mit dem Oktoberfest an sich. Ich habe ein Feier-Problem. Zum ersten Mal wurde mir das als Teenager bewusst. "Du musst mehr aus dir rausgehen!" fand meine Mutter und überredete mich, der Tanzgruppe des heimischen Karnevalvereins beizutreten, einem Hort der Geselligkeit und Ausgelassenheit.

Gesagt, getan: Ich machte mich zum Narren und hatte sogar Spaß dabei – bis der Programmteil vorüber war und der gesellige Teil des Abends begann. Die vielen Menschen, die weinseligen Verbrüderungen, die Karnevalsschlager, der Smalltalk in der Kloschlange... für mich war das schon damals "Hölle, Hölle, Hölle".

Auch heute noch bin ich zwiegespalten, sobald ich auf eine große Party oder ein Event eingeladen werde. Einerseits freue ich mich darauf, interessante neue Leute kennenzulernen. Andererseits weiß ich schon im Voraus: Urplötzlich – und meist früher als der Anstand es erlaubt – kommt der Moment, an dem mir alles zu viel wird, ich keine Feier-Energie mehr habe und mich ganz schnell verabschieden muss. Da hilft übrigens auch kein Alkohol.

Es heißt wieder: O'zapft is! Wir stellen die schönste Tracht für Mädchen und Jungen vor, die nicht nur auf dem Oktoberfest getragen werden kann.

Auslaugende Ausgelassenheit

Und während andere tags drauf von der tollen Party schwärmen und sich schon auf die nächste freuen, hat mich die ganze Ausgelassenheit ausgelaugt. So sehr, dass ich erstmal keine Menschen mehr ertragen kann und mich erholen muss – ein typisches Zeichen von sogenannter sozialer Introversion.

Was für viele widersprüchlich klingen mag, ergibt für unsereins komplett Sinn: Obwohl soziale Introvertierte gut alleine sein können, sind wir nicht etwa schüchtern, verklemmt oder ungesellig. Wir verbringen sogar gerne Zeit mit anderen, können uns wunderbar auf unser Gegenüber konzentrieren. Solange wir nicht abgelenkt werden.

Von unpersönlichen, großen Gruppen fühlen wir uns schnell überfordert. Setzen wir uns ihnen dennoch aus, müssen wir immer damit rechnen, dass uns das auslaugt. Smalltalk strengt uns besonders an. Nur leider sind Veranstaltungen mit organisierter Geselligkeit für echte Unterhaltungen selten der geeignete Rahmen. Darum ertragen wir Ballermann, Karneval oder Wiesn-Gaudi auch nur in geringer Dosis und mit gewisser Distanz.

Nur dabei statt mittendrin

Andere finden soziale Introvertierte deshalb oft komisch, halten uns für langweilige In-der-Ecke-Steher, die nichts zu sagen haben und keinen Spaß verstehen. Dabei sind wir manchmal einfach lieber "nur dabei statt mittendrin", genießen den Trubel aus der Ferne. Oder vom Riesenrad aus. Mit Abstand betrachtet, können wir dann sogar auf dem Oktoberfest Spaß haben.

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