Der Beinahe-Zusammenbruch der Credit Suisse fällt in eine Woche, in der die globale Bankenwelt auf dem Kopf steht. Die Worte, mit denen Europas Regierungen die Märkte zu beruhigen versuchen, erinnern an die Finanzkrise 2008. Steht Europa vor einer Bankenkrise?

Eine Analyse
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Es war wohl eines der teureren Interviews in der Fernsehgeschichte. In der Historie der Schweizer Bank Credit Suisse war es gewiss das teuerste.

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Als Ammar Abdul Wahed Al Khudairy, Präsident der saudischen Nationalbank (SNB), am vergangenen Mittwoch gefragt wurde, ob er der Credit Suisse frisches Geld zur Verfügung stellen werde, sagte er: "Absolutely not" - "Auf keinen Fall". Die SNB hält knapp zehn Prozent an der Credit Suisse.

Khudairys genauere Erläuterung, in der er vor allem auf regulatorische Beschränkungen hinwies, interessierte in der Finanzwelt offenbar nur eine Minderheit. Denn was in den Stunden nach dem Interview einsetzte, sprengte sämtliche Erwartungen in einer Woche, in der der Bankensektor ohnehin schon auf dem Kopf stand.

Verunsichert durch Khudairys Worte zogen Anleger ihre Gelder bei der Credit Suisse ab, parallel setzte ein beispielloser Abverkauf von Aktien der Bank ein. Binnen weniger Stunden raste der Kurs um rund 27 Prozent nach unten, rund zwei Milliarden Dollar an Börsenwert wurden innerhalb eines Tages vernichtet. Erst, als die Schweizer Notenbank (SNB) ankündigte, der Credit Suisse unter die Arme zu greifen, stabilisierte sich der Kurs – und schoss wiederum um rund 30 Prozent nach oben. Ähnliche Kursverläufe kennt man sonst nur von kleinen Zockerbuden. Von einer 1856 gegründeten Traditionsbank erwartet man sie eigentlich nicht.

Krise der SVB sendet Schockwellen nach Europa

Doch was sollte man in dieser Woche, die die Bankenwelt in ihrer Unberechenbarkeit zuletzt 2008 gesehen hatte, schon erwarten? Erst am vergangenen Freitag war die amerikanische Silicon Valley Bank (SVB) kollabiert, die so etwas wie die Sparkasse für aufstrebende Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley war. Den blutjungen Unternehmen, die in ihrer Wachstumsphase gewöhnlich viel Kapitalbedarf und wenig Gewinn auszeichnet, lieh die Bank im Tausch gegen Anteile Geld - eigentlich ein lukratives Geschäft.

Zudem investierte die Bank ihre Einlagen geradezu vorbildlich in vermeintlich sichere US-Staatsanleihen, was sich als fatal erwies, als die amerikanische Notenbank in den vergangenen Monaten ihre Zinswende einleitete. Weil im Ergebnis die Kurse dieser Anlageklasse nach unten rauschten, klaffte plötzlich eine milliardenschwere Kapitallücke in den Büchern der SVB. Nervöse Start-ups, teils gedrängt durch noch nervösere Venture-Capital-Geber, begannen letzte Woche damit, ihre Gelder abzuziehen und trieben die Bank in Liquiditätsengpässe, die auch ein eilends anberaumter Anteilsverkauf nicht mehr stoppen konnte. Nun wird die SVB abgewickelt.


Obwohl die US-Regierung zügig handelte und US-Präsident Joe Biden noch am Montag versicherte, die Einlagen von Sparern seien sicher, war das Signal, das die Pleite der SVB in die Finanzwelt sendete, verheerend. Gefördert wurde die Angst auch dadurch, dass kurz darauf zwei weitere amerikanische Banken Schieflage anmeldeten. So entstand der fatale Eindruck, dass in den Büchern weiterer Banken unbekannte Risiken aufpoppen könnten. Minütlich verloren die Investoren mehr an Vertrauen, auch die Titel deutscher Institute, etwa der Deutschen Bank und der Commerzbank, gingen in die Knie.

Keine Bank in Europa wurde von dieser Entwicklung jedoch ähnlich in Mitleidenschaft gezogen wie die Schweizer Credit Suisse. Der Kursrutsch und der Abzug von Einlagen setzte das Institut so stark unter Druck, dass sich die Schweizer Nationalbank noch in der Nacht zu Donnerstag dazu genötigt sah, 50 Milliarden Franken an Liquidität zur Verfügung zu stellen - das erste Mal seit 2008, als die größte Bank des Landes UBS mit Staatshilfe gerettet werden musste.

EZB und europäische Regierungen beruhigten die Märkte

Gleichzeitig sendeten die Europäische Zentralbank (EZB) und europäische Regierungen die Botschaft aus, dass es sich bei der Entwicklung um eine singuläre Anomalie handelt, nicht um eine handfeste Bankenkrise. Was bei Beobachtern wiederum Assoziationen an die Finanzkrise 2008 weckte.

"Ich denke, dass der Bankensektor derzeit in einer viel, viel stärkeren Position ist als im Jahr 2008", sagte EZB-Chefin Christine Lagarde. "Wir können sehr klar sagen: Das deutsche Kreditwesen ist stabil", versicherte Finanzminister Christian Lindner. Und Bundeskanzler Olaf Scholz schob am Donnerstag nach: "Die Einlagen der deutschen Sparerinnen und Sparer sind sicher."

Hatten die damalige Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück 2008 nicht ähnliches behauptet und - wie sich später herausstellte - geblufft? Diesmal, so sehen es zumindest Experten, ist die Lage wohl weniger dramatisch. Nach einem Lehman-Moment, den manch verunsicherter Anleger bereits befürchtete, sieht es aktuell jedenfalls nicht aus.

"Die Lage der Credit Suisse steht nicht repräsentativ für den europäischen Bankensektor", sagt Friedrich Heinemann, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft. "Alle Bankenaktien in Europa wurden in den letzten Tagen abgestraft, aber bei weitem nicht so wie die Schweizer."

Ähnlich sieht es Robert Halver, Chefanalyst der Baader Bank: "Was wir gesehen haben, war das Ergebnis eines emotionalen Kopfkinos bei Anlegern, ausgelöst durch das Misstrauen im amerikanischen Bankensektor. Der Abverkauf im europäischen Markt war alles - aber nicht rational, weil Europas Banken nach massiver Regulierung stabil aufgestellt sind."

Beide Experten weisen darauf hin, dass die europäischen Banken ihre Lehren aus dem Crash 2008 gezogen haben und heute deutlich stärker kapitalisiert sind. Gleichzeitig habe der Crash in Amerika den Druck auf das gesamte Finanzsystem erhöht - und schonungslos Schwächen zutage gelegt. Die wiederum gab es bei der Schweizer Credit Suisse reichlich.

Krise bei der Credit Suisse ist vor allem hausgemacht

Denn in den letzten Monaten taumelte das einstige Edelinstitut vom Zürcher Paradeplatz von einem Skandal zum nächsten, sei es durch verlustreiche Spekulationen, Geldwäsche oder Geschäfte mit der bulgarischen Mafia. Dazu kamen Querelen auf der Führungsebene, die 2020 sogar mit dem Rücktritt des Bankenchefs endeten.

Das Vertrauen der Kundschaft steigerten diese Entwicklungen nicht. Allein im vierten Quartal 2022 hatten vermögende und verstörte Kunden 107 Milliarden Franken abgezogen. Auch für dieses Jahr sieht es bislang nicht besser aus. Im vergangenen Jahr verkündeten die Schweizer ein Umbauprogramm, 9.000 Stellen sollen bis 2025 wegfallen, die Investmentbanking-Abteilung geschrumpft werden.

Trotzdem stand im vergangenen Jahr ein Minus von 7,3 Milliarden Schweizer Franken (rund 7,4 Milliarden Euro) in den Büchern – es war der höchste Verlust seit der Finanzkrise. Die Credit Suisse traf das negative Sentiment also zur Unzeit. "Als die große Verunsicherung in Amerika einsetzte, schauten die Investoren reflexartig auch auf die kleinste Schwäche bei europäischen Banken und richteten ihren Fokus auf die Credit Suisse", sagt Baader-Analyst Halver.

Ähnlich bewertet es ZEW-Experte Friedrich Heinemann. "In der aktuellen Krise werden alle Banken mit großem Misstrauen neu bewertet", so der Finanz-Professor. "Und da trifft es eine ohnehin angeschlagene Bank besonders hart. Insofern zeigt diese Krisenansteckung, dass eine Bankenkrise Schwächen in den Bilanzen und Geschäftsmodellen aller Banken offenlegt und viel stärker bestraft, als das in normalen ruhigen Zeiten der Fall ist." Obwohl Heinemann das Bankensystem angesichts der Inflation und starker Zinserhöhungen unter Druck sieht, ist er vorsichtig optimistisch, dass Europa von einer größeren Bankenkrise verschont bleiben könnte. "Die Hoffnung ist, dass die vielen Lerneffekte und die bessere Bankenüberwachung, die wir nach der Finanzkrise erlebt haben, sich jetzt auszahlen."

Eine Entwarnung ist das jedoch nicht - auch, weil angesichts der weiterhin hohen Inflationsraten die Handlungsspielräume der EZB begrenzt sind. Das zeigte allein schon die Entscheidung von EZB-Chefin Lagarde am Donnerstag, die trotz der Turbulenzen im Finanzsektor die Leitzinsen um 0,5 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent erhöhte. "Das war ein cleverer Schachzug", sagt Analyst Halver zu der Entscheidung. Schließlich habe Lagarde so etwas wie Normalität suggeriert. "Wäre die EZB als Reaktion auf das Marktumfeld auf 0,25 Punkte oder weniger runtergegangen, hätte das womöglich neue Schockwellen ausgelöst."

Für die Zukunft steht die EZB nun aber vor einem Dilemma: Höhere Zinsen sind nötig, um die Inflation zu bekämpfen. Doch sie können auch für Kreditinstitute gefährlich werden. Schließlich war es in den USA das Eiltempo bei den Zinserhöhungen, das gleich drei US-Banken in Schieflage geraten ließ. Ein Szenario, das bei zu aggressiven Zinserhöhungen auch in Europa nicht auszuschließen wäre.

Man darf annehmen, dass Lagarde es nach Kräften vermeiden will.

Über die Experten:
Friedrich Heinemann ist Leiter des ZEW-Forschungsbereichs "Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft" und außerplanmäßiger Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank.

Verwendete Quellen:

  • Schweizer Nationalbank - SNB und FINMA nehmen Stellung zu Unsicherheiten am Markt
  • Credit Suisse - Credit Suisse Group takes decisive action to pre-emptively strengthen liquidity and announces public tender offers for debt securities
  • Europäische Zentralbank - Pressekonferenz vom 16. März 2023
  • Reuters - Credit Suisse shrinks investment bank, focuses on wealth in overhaul
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Top-Aktionär der Credit Suisse will seine Beteiligung nicht aufstocken

Der Top-Aktionär der Credit Suisse schloss eine weitere finanzielle Unterstützung der angeschlagenen Schweizer Bank aus, falls erneut zusätzliche Liquidität angefordert wird. "Die Antwort lautet: absolut nicht. Dafür gibt es viele Gründe, abgesehen vom einfachsten Grund, der regulatorischer und gesetzlicher Natur ist", sagte der Vorsitzende der Saudi National Bank, Ammar Al Khudairy, in einem Interview mit Bloomberg Television. © YouTube
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