Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander - heißt es oft. Doch so pauschal stimmt das nicht. Dass die Wahrheit komplexer ist, zeigt der neue "Bericht zur weltweiten Ungleichheit" des renommierten Ökonomen Thomas Piketty.

Die Reichen werden immer reicher, die Armen werden immer ärmer, die Welt unterm Strich immer ungerechter. Mit dieser Faustformel avancierte der französische Forscher Thomas Piketty zum "Rockstar der Ökonomen", wie ihn die "Financial Times" einst taufte.

Sein 2013 erschienenes Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" fand reißenden Absatz. Piketty beriet die Regierung des französischen Sozialisten François Hollande und war im Wirtschaftsministerium unter Sigmar Gabriel (SPD) zu Gast.

Jetzt haben Piketty und sein Team mit einem "Bericht zur weltweiten Ungleichheit" nachgelegt - wobei sich zeigt, dass sich das Thema Ungleichheit in seiner Komplexität nicht so mir nichts dir nichts mit dem Bild von der Schere zwischen Arm und Reich abhandeln lässt. Genau hinschauen lohnt sich, besonders mit Blick auf Deutschland.

Die Reichen waren schon noch reicher

Die Forscher haben tief in historischen Daten gegraben und herausgefunden: Das reichste Prozent der Deutschen ist heute relativ betrachtet deutlich ärmer als vor rund 100 Jahren. Während sie 1913 rund 18 Prozent des in Deutschland erwirtschafteten Einkommens erhielten, sind es heute noch 13 Prozent, wie die "Welt" ausführt.

Allerdings: Weltweit hat das reichste Prozent seine Einkünfte seit 1980 mehr als verdoppelt. Privatisierungen im großen Stil haben die Ungleichheit zwischen Topverdienern und Einkommensschwachen massiv verschärft, stellt die Studie fest. Ausgewertet wurden unter anderem Einkommensteuerdaten.

Am deutlichsten zeigt sich die Entwicklung im Nahen Osten, wo die oberen zehn Prozent 2016 über 61 Prozent des nationalen Einkommens verfügten. In Nordamerika waren es 47 Prozent, in Europa immerhin noch 37 Prozent. Deutschland liegt mit rund 40 Prozent leicht über dem europaweiten Durchschnitt.

Zu den oberen zehn Prozent darf sich rechnen, wer pro Jahr 124.498 Euro verdient, zum oberen Prozent, wer 408.418 Euro jährlich mit nach Hause nimmt.

Die Reichen profitieren dabei vor allem vom Unternehmensbesitz, sagt Charlotte Bartels vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), die die deutschen Daten für den Bericht ausgewertet hat. "Über 80 Prozent der deutschen Wirtschaft dürften sich in Familienhand befinden."

Die Mittelschicht behauptet sich

Doch auch hier gibt es wieder ein Aber: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die viel zitierte Schere kaum mehr weiter geöffnet. Nach Angaben von Ifo-Präsident Clemens Fuest hat sich der Anteil der zehn Prozent der am besten Verdienenden und der 40 Prozent mit dem geringsten Einkommen am Gesamteinkommen der Bevölkerung seit 2005 nicht groß verändert. "Deutschland ist durch die Mittelschicht geprägt."

Das bestätigt das Forscher-Team um Piketty. Ihr Anteil am Gesamteinkommen liegt nach dessen Angaben seit den 1970er-Jahren relativ stabil bei etwa 40 Prozent - von einem Schmelzen der Mittelschicht keine Spur.

Die Armen werden ärmer, aber ...

Verlierer ist tatsächlich die Hälfte der Deutschen mit den geringsten Einkommen. "Die unteren 50 Prozent haben massiv an Anteil am Gesamteinkommen verloren. In den 60er Jahren verfügten sie noch über etwa ein Drittel, heute sind es noch 17 Prozent", erläuterte Wissenschaftlerin Bartels.

Im Hinterkopf muss man haben, dass die Berechnung Transferleistungen des Staates wie Arbeitslosengeld, Sozialwohnungen oder Kindergeld nicht berücksichtigt.

"Einschließlich Sozialtransfers, die mit den Bruttoeinkommen nicht erfasst werden, sehen die Zahlen für die unteren Einkommen vermutlich besser aus."


Gründe und Gegenmaßnahmen

Hauptursache des ökonomischen Ungleichgewichts ist den Autoren zufolge die ungleiche Verteilung von Kapital in privater und öffentlicher Hand.

Seit 1980 seien in fast allen Ländern riesige Mengen öffentlichen Vermögens privatisiert worden. "Dadurch verringert sich der Spielraum der Regierungen, der Ungleichheit entgegenzuwirken", argumentieren die Wissenschaftler.

In den USA und Großbritannien war das öffentliche Nettovermögen - Vermögenswerte abzüglich Schulden - den Angaben zufolge zuletzt negativ. In Japan, Deutschland und Frankreich nur noch leicht positiv.

Das internationale Forscherteam um Piketty empfiehlt zur Bekämpfung der Ungleichheit unter anderem die Einführung eines globalen Finanzregisters, um Geldwäsche und Steuerflucht zu erschweren.

Kindern aus ärmeren Familien müsse der Zugang zu Bildung erleichtert werden. Weitere Instrumente seien progressive Steuersätze, die mit dem Einkommen steigen, sowie eine Verbesserung der betrieblichen Mitbestimmung und angemessene Mindestlöhne.

"Wir erwarten nicht, dass alle mit unserer Bewertung übereinstimmen", sagte Thomas Piketty bei der Vorstellung der Studie in Paris. Das oberste Ziel sei es, die Daten zur Verfügung zu stellen. Internationale Organisationen und Statistikbehörden täten noch nicht genug, um Ungleichheit zu erfassen.

Mit Material der dpa