• Am Donnerstag erfährt Dirk Nowitzki die größte Weihe: Die Dallas Mavericks heben sein Trikot mit der Nummer 41 unters Hallendach.
  • Es wird der finale Akt in der unglaublichen Weltkarriere der deutschen NBA-Legende.

Mehr Sportthemen finden Sie hier

Irgendwo im Chase Center, der Heimstätte der Golden State Warriors in San Francisco, hängt eine Art Dirk-Nowitzki-Schrein. Nowitzki hat zwar nie für die Dubs gespielt, aber er hat ihnen in ihrer alten Halle in Oakland mal ein faustgroßes Loch in die Wand gehauen. Dem Vernehmen nach unter Zuhilfenahme einer Getränkedose.

Das war in den Minuten nach Dallas‘ Playoffs-Aus gegen den krassen Außenseiter Golden State. Die Mavs waren das beste Team der Regular Season, Nowitzki als erster Europäer in der Geschichte der Liga als Most Valuable Player ausgezeichnet, der Spieler der Saison. Das Ausscheiden war eine mittelschwere Sensation und Nowitzkis Wutausbruch so einmalig, dass die Franchise den Teil der Wand mit dem Auszug aus Oakland einfach mitgenommen und im Chase Center eingebaut hat.

Dirk Nowitzki hat über zwei Jahrzehnte in der besten Basketballliga der Welt gespielt und ist dabei ganze drei Mal "negativ" aufgefallen:

  • Mit der Finalniederlage der Mavs 2006 gegen Miami, nach einer Zwei-Spiele-Führung und dann vier Niederlagen in Folge.
  • Als er auf die Hochstaplerin Crystal Taylor hereingefallen ist.
  • Und eben mit dem Aus als turmhoher Favorit, ganze zehn Monate nach der großen Enttäuschung der Niederlage in den Finals 2006.

Unglaubliche Zahlen und ein eigener Wurf

Diese niederschmetternden Ereignisse haben ihm die Amerikaner lange angehängt. In einer Sportwelt, wo wie in kaum einer anderen nur das Gewinnen zählt und der zweite Platz schon der des ersten Verlierers ist, galt Nowitzki als zu soft in der crunch time, wenn es also wirklich darauf ankommt. Hohn und Spott musste er ertragen, die Jahre danach wurden nach jeder weiteren Enttäuschung auf der Jagd nach dem NBA-Titel zu einem medialen Spießrutenlauf. Dabei war Nowitzki auch ohne Ring schon ein Spieler, die die Liga in ihrem Verlauf nachhaltig prägte.

Nowitzki war nie der filigrane oder besonders spektakuläre Spieler. Kein Bewegungstalent wie Kobe Bryant, keine Assistmaschine wie sein Kumpel Steve Nash, kein Rebound-Monster wie Kevin Garnett und keiner, der es Dreier regnen ließ wie Steven Curry. Aber es dürfte wenige Akteure in diesem Sport geben, die so hart und diszipliniert trainiert haben wie Nowitzki das tat.

Und der zusammen mit seinem Mentor Holger Geschwindner einen völlig neuen Wurf entwickelt hat: Nowitzkis Fade-Away-Jumper - die Bewegung weg vom Gegenspieler und vom Brett, nach hinten gelehnt, damit außerhalb der Reichweite des Blockversuchs und in einem speziellen Winkel abgefeuert - hat die Gegner das Fürchten gelehrt. Nowitzki hat sich damit mit 31.560 Punkten auf Platz sechs der ewigen Bestenliste der erfolgreichsten Korbjäger der Liga geschossen. Nur Kareem Abdul-Jabbar, Karl Malone, LeBron James, Kobe Bryant und Michael Jordan waren oder sind noch besser. Der nächste Nicht-Amerikaner ist der Spanier Pau Gasol auf Platz 39 mit mehr als 10.000 Punkten weniger als Nowitzki.

1999 ist Nowitzki aus seiner Geburtsstadt Würzburg in die NBA gegangen, hat 21 Spielzeiten für die Mavericks gespielt, 1.667 Spiele. Er war nie woanders, bis zum Ende der Karriere im Frühjahr 2019. Er ist so etwas wie der Charly Körbel der NBA - nur, dass sie in der besten Basketballliga der Welt vermutlich noch nie vom Idol der Frankfurter Eintracht gehört haben dürften.

Der Finals-Sieg war die Erlösung

Zum Helden, nicht nur in Dallas, haben ihn aber weder sein Erfindergeist noch seine persönlichen Statistiken gemacht - sondern der Titel mit den Mavericks 2011. Es war wie das Ende einer langen, schmerzvollen Reise. Nowitzki hatte die Mavs schon durch die Runden davor getragen, die Lakers gesweept, Oklahoma in vielen engen Spielen in Schach gehalten. Während der Finals – erneut gegen die Miami Heat - wurde Nowitzki krank, spielte mit Fieber und Husten und einem Sehnenriss im Mittelfinger der linken Hand.

Dwayne Wade, der ihm fünf Jahre zuvor die Krone entrissen hatte, und LeBron James machten Nowitzki lächerlich, veralberten ihn wegen seiner angeschlagenen Gesundheit. Und in den Staaten waren die Artikel schon formuliert vom zu weichen Dirk, der die Mavs nie zum Titel würde führen können. Und dann ging Dallas trotz aller Widrigkeiten und mit der auf dem Papier schlechteren Mannschaft mit einem 3:2-Vorsprung in Spiel sechs in Miami - und Nowitzki erlegte die Heat und seine Dämonen in der Halle des Gegners.

Man kann wohl nur erahnen, wie befreiend dieser Moment für den Spieler und seinen Klub gewesen sein muss. Dallas‘ durchaus exzentrischen, ganz sicher aber extrovertierten Besitzer Mark Cuban verband immer eine fast liebevolle Verbindung zu seinem wichtigsten Spieler. Obwohl der das Gegenteil von dem war, was die NBA und ihr Geschäftsmodell auszeichnet. Vielleicht ist das die noch größere Leistung Nowitzkis: dass er in der Glitzerwelt nicht mitglitzern musste, kein Star sein wollte, sondern halt Dirk.

Nowitzkis Normalität war einzigartig

Dirk Nowitzkis Normalität war eine Seltenheit in der NBA und irgendwie als Alleinstellungsmerkmal nicht zu toppen. Seinetwegen sind die Menschen in Deutschland mitten in der Nacht aufgestanden und haben mit einem Team mitgefiebert, das sie auf der Landkarte vermutlich nicht mal ungefähr verorten konnten. Nowitzki benötigte für diese ungeheure Popularität keine Inszenierung, wie man sie heute von den meisten Sportgrößen kennt - das verschaffte ihm neben seinen sportlichen Leistungen wohl den größten Respekt. Der war sogar so groß, dass ihm vor seinem letzten Spiel in der Halle des größten Rivalen Standing Ovations zuteilwurden.

Die Zuschauer in San Antonio jedenfalls erhoben sich von ihren Sitzen, als Nowitzkis größte Momente aus Spielen gegen die Spurs gezeigt wurden - also gegen die eigene Mannschaft. Das wäre in etwa so, als würden im Dortmunder Westfalenstadion Thomas Müllers Karriere-Highlights und seine Tore gegen den BVB gezeigt - und 70.000 BVB-Fans klatschen begeistert dazu.

Am Donnerstag hängen sie im American Airlines Center in Dallas das Trikot mit der Nummer 41 unter die Hallendecke. Der Ritterschlag im US-Sport, die Rückennummer wird in Dallas nie wieder vergeben. Der Hashtag in den sozialen Medien lautet #41forever. Mehr geht nicht für einen Kerl aus Deutschland.

Teaserbild: © imago images / Icon SMI/Brian Rothmuller/Icon Sportswire