Die Diskussionen um Bayern-Trainer Pep Guardiola nehmen immer mehr Fahrt auf, seine Zukunft in München erscheint ungewiss. Dabei ist Guardiola seit seinem ersten Tag mehr als nur der Trainer einer Profi-Mannschaft - mit ihm steht und fällt die neue Identität des Klubs. Deshalb wäre ein frühzeitiger Abschied nahezu fatal für die Bayern.

Sie hätten es vorher wissen können, nein: müssen! Es war im Januar 2013, als sich der FC Bayern München den begehrtesten Trainer der Welt, Pep Guardiola, geangelt hatte, die Projektionsfläche eines neuen Typus des Fußballlehrers. Seitdem läuft die Maschinerie unaufhaltsam und fast immer hochtourig.

So extrem wie in diesen Tagen war das Brennglas aber auch auf den sturmerprobten Guardiola noch nie gerichtet. In Barcelona war er sakrosankt, sein Abschied selbstgewählt. Mit dem FC Bayern hat er zweimal die Konkurrenz in der Liga in Grund und Boden gespielt, einmal den DFB-Pokal gewonnen und ist zweimal ins Halbfinale der Champions League eingezogen.

Keine schlechte Bilanz, möchte man meinen. Und trotzdem nehmen die Gerüchte um Guardiola und dessen Halbwertszeit bei den Bayern derzeit immer neue Dimensionen an. Zu Recht? Zu Unrecht? Eine Einordnung.

Ist Guardiola noch der Richtige für den FC Bayern München?

Seine Erfolge sind nachweisbar, ebenso wie die Art des Fußballs, die die Bayern pflegen. Guardiolas Stil ist nicht der pragmatisch-zynische andere hochkarätiger Kollegen. Die Bayern spielen Spaß-Fußball, offensiv, mutig, facettenreich, in taktischer Hinsicht State-of-the-Art. Jahrzehntelang haben sich die Bayern ihre Titel pflichtbewusst abgeholt. Jupp Heynckes hat dann das Triple gewonnen und eine Richtmarke gesetzt. Guardiola hat diese faktisch (noch) nicht erreicht. Aber er hat sein Team zu einer besseren Mannschaft geformt, zur wohl besten, die der große FC Bayern jemals hatte.

Dass einige wichtige Spieler jenseits der 30 sind und damit auch anfälliger werden für Verletzungen, ist zunächst nicht Guardiolas Fehler. Er muss den Umbruch moderieren und gleichzeitig die entsprechenden Erfolge im Tagesgeschäft einfahren. Barcelona, das die Bayern aller Voraussicht nach aus der Königsklasse kegeln wird, hat zwei Jahre gebraucht, um wieder auf Spitzenniveau konkurrenzfähig zu sein. Real Madrid hat zwölf Jahre benötigt, um "La Decima", also zehn CL-Titel zu vervollständigen. Juventus steht nach über einer Dekade erstmals überhaupt wieder im Halbfinale. Die englischen Klubs, einst so dominant, laufen der Musik seit Jahren hinterher und müssen sich neu orientieren. Kurzum: Es ist schier unmöglich, beide Seiten der Medaille so zu bespielen, dass man kurzfristigen Erfolg hat und langfristig eine glänzende Perspektive anbietet.

Auf der anderen Seite stehen für Guardiola zwei gewaltige Niederlagen auf europäischem Top-Niveau, gegen Real und Barca. Seine Mannschaft hat in einigen kleinen Momenten entscheidende Fehler gemacht, genauso wie er. Das bleibt hängen, das Gros der Fans und einige schlaue Experten definieren seine Zeit in München nun darüber. Das ist legitim - aber es ist nicht richtig.

Pep Guardiola - mehr als ein Trainer!?

Im Sommer 2013, pünktlich zu Guardiolas Amtsantritt, haben die Bayern auch ihre Internationalisierungs-Strategie forciert. Die Bayern machen sich auf zu neuen, noch nahezu unerschlossenen Märkten. Ein Büro in New York City kümmert sich um den nord- und südamerikanischen Markt, bald gibt es eine Dependance in Fernost. Pep Guardiola ist das Zugpferd dieser Anstrengungen, seine exzellenten Beziehungen zum Nahen Osten (Katar) lassen auch in diesem Teil der Welt Wachstum für den FC Bayern als Verein zu.

Wohl noch entscheidender: Die Bayern müssen ihr wohlfeiles Motto "Mia san mia" auch mit Inhalten füllen. Der Slogan ist nett, bodenständig, ehrlich, er ist bayerisch. Aber er steht nicht für eine tiefgreifende Philosophie innerhalb des Klubs. Das, was zum Beispiel der FC Barcelona den Bayern deutlich voraus hat. Die fußballerische Basis steht, geprägt vom "Cruyffismo", veredelt von Guardiola in dessen Zeit als Trainer. Von diesen Strukturen lebt Barca heute mehr denn je und wird es auch in Zukunft. Das ist es, was die Bayern auch für ihren Klub benötigen. Der Rekordmeister hat stets nach seinen großen Trainern und deren Leitmotiven gelebt. Das hat für die heimische Liga fast immer gereicht. Jetzt bastelt sich der Klub aber ein personenunabhängiges Gerüst, das auch in Jahren und vielleicht Jahrzenten noch tragen soll. Und dafür gibt es kaum einen Besseren als Guardiola.

Wo wäre Pep Guardiola besser aufgehoben?

Die Gerüchte um seinen Abschied bereits nach dieser Saison halten sich, wenngleich sie bisher noch nicht einmal ansatzweise mit glaubhaften Fakten unterfüttert wurden. Dass Guardiola vorzeitig aus seinem bis 2016 datierten Vertrag aussteigt, ist unwahrscheinlich. Auf der Pressekonferenz vor dem Rückspiel gegen Barcelona dementierte er sogar klar und deutlich - mit bereits genervter Miene.

Für die Zeit nach seinem Kontrakt geistert Manchester City als Arbeitgeber durch die Medien, ein paar Jahre danach die Nationalmannschaft von Katar. Wegen Guardiolas engen Kontakts zu den Geldgebern des Wüstenstaats sind diese Denkmodelle nicht abwegig und sie rufen (wohl zu Recht) jene auf den Plan, die Guardiola neben seiner Leidenschaft für das perfekte Spiel auch nüchternes Kalkül vorwerfen.

Davor hat der 44-Jährige in München aber noch eine Mission zu erfüllen. Bei den Bayern findet er alles vor, was er braucht. Ein Wechsel vor seinem Vertragsende in München würde keinen Sinn ergeben. Vor allem weil sogar Pep Guardiola selbst auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den FC Barcelona die Gerüchte bereits zerstreut hat: "Oh, Jungs. Ich habe es 200 Millionen Mal gesagt an der Säbener Straße. Ich habe noch ein Jahr mehr Vertrag. Ich werde nächste Saison hierbleiben. Das ist alles"

Für die Zeit danach allerdings erscheint im Moment alles offen.