Nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei nehmen die Repressionen gegen die Bevölkerung zu. Wer nur ein kritisches Wort gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan sagt, gerät in Gefahr, als Terrorist oder Staatsfeind abgestempelt zu werden. Beobachter halten nun eine gigantische Abwanderungsbewegung für möglich - auch nach Deutschland.

Die Geschichte könnte sich wiederholen. Als die Türkei 1980 den letzten Militärputsch erlebte, verließen Zehntausende aus Angst vor Verfolgung das Land. Nun erwartet die 75-Millionen-Einwohner-Nation womöglich eine erneute Emigrationswelle.

Nach dem gescheiterten Umsturzversuch ließ Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan tausende Menschen verhaften. Im Militär, bei der Polizei, in der Justiz und im Bildungswesen kam es zu Massenentlassungen - auch von am Putsch völlig Unbeteiligten. Jeder, der derzeit ein kritisches Wort sagt, kann ins Visier der Behörden und fanatischer Erdogan-Anhänger geraten. "Die Verhaftung von 6.000 Menschen, Massenentlassungen und eine Debatte über die Einführung der Todesstrafe. Wenn das so weitergeht, werden viele türkische Staatsbürger das Land verlassen, so wie 1980", sagt die Politologin Bilgin Ayata von der Universität Basel der Nachrichtenagentur dpa.

In diesen drei Theorien lassen sich mögliche Antworten finden.

"Wenn die Hexenjagd gegen jegliche Opposition in der Türkei weitergeht, dann wird es eine Flüchtlingsbewegung Richtung Europa geben", ist auch der stellvertretende "Pro Asyl"-Geschäftsführer Bernd Mesovic sicher. Wie wahrscheinlich ist eine Zunahme der Abwanderung tatsächlich? Und welche Bevölkerungsgruppen könnten am ehesten das Land verlassen?

Immer mehr Türken wollen emigrieren

Der Politikwissenschaftler Thomas Jäger äußert sich im Gespräch mit unserer Redaktion zu einer möglichen Fluchtbewegung eher zurückhaltend. "Die Zahl derer, die die Türkei verlassen wollen, steigt. Der Punkt ist, ob es die politischen Verhältnisse auch zulassen." Jäger fragt: "Lässt die Türkei ihre Bürger raus? Lässt Deutschland die türkischen Bürger rein?" Für den Experten für internationale Beziehungen erscheint es daher völlig offen, wie sich die Lage entwickeln wird.

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Darüber hinaus sieht er die Türkei in einem Zwiespalt. Lässt sie die Auswanderung zu, würde sie einen Teil ihres intellektuellen und wissenschaftlichen Fundaments verlieren. Zudem könnten die Betroffenen außerhalb der Türkei ihre Kritik an Erdogan offener äußern. Nicht umsonst hat der türkische Hochschulrat nun allen Universitätslehrkräften und Wissenschaftlern Dienstreisen ins Ausland verboten und im Ausland tätige Wissenschaftler zurückgerufen. Zwingt die AKP-Regierung die vermeintlichen Kritiker zum Verbleib im Land, kann sie sie besser kontrollieren. Dafür müsste sie aber auch mit potentiellen Unruheherden leben.

"Apathie und politische Depression"

Die Verfolgungen in der Türkei zielen unterdessen auf ganz unterschiedliche Gruppen. Kurden, Aleviten, liberale Kräfte, Linke, die alte kemalistische Elite: Sie alle werden zunehmend an den Rand gedrängt. Darüber hinaus kann der Vorwurf, Mitglied der verbotenen Gülen-Bewegung und damit ein "Terrorist" oder "Verräter" zu sein, derzeit praktisch jeden treffen.

Nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei ist der von Präsident Recep Tayyip Erdogan verkündete Ausnahmezustand in der Nacht zum Donnerstag in Kraft getreten. Was das bedeutet und was Erdogan jetzt alles darf.

Dabei herrschte unter Gegnern der regierenden AKP nach dem Wahlerfolg der pro-kurdischen HDP im Sommer 2015 noch eine gewisse Aufbruchsstimmung. Bei den Neuwahlen sicherte sich die Erdogan-Partei jedoch die absolute Mehrheit - nachdem der Kurdenkonflikt im Südosten des Landes wieder angefacht wurde.

"Bei progressiven, liberalen Kräften erlebt man seither Apathie und politische Depression", sagt Politologin Ayata. Von Intellektuellen wie dem Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hört man derzeit kein Wort. "Es herrscht eine panische Atmosphäre", erklärt ein seit 20 Jahren in der Türkei lebender Deutscher der "Süddeutschen Zeitung". "Das könnt ihr euch in Deutschland überhaupt nicht vorstellen".

Deutschland als wichtiges Zielland

Wegen der politischen und individuellen Freiheiten, der guten Wirtschaftslage und der großen türkischen Gemeinde könnte Deutschland eines der bevorzugten Zielländer werden, sollte es tatsächlich zu einer Auswanderungswelle kommen. 2015 lebten hierzulande knapp drei Millionen türkischstämmige Menschen. "Außerdem ist für Asylbewerber die soziale und ökonomische Versorgung gewährleistet", betont Thomas Jäger.

Dennoch gibt es offene Fragen. Wie entwickelt sich die Lage in der Türkei weiter? Wann beginnt die Auswanderung? Das könne auch erst "in einigen Monaten" geschehen, spekuliert Bernd Mesovic von "Pro Asyl". "Solange Menschen Hoffnung auf Veränderung haben, bleiben sie in ihrem Land." Aktuell steht die Türkei in der Statistik der Asylbewerber in Deutschland auf Platz 19.

Im ersten Quartal 2016 beantragten 456 Türken Asyl. "In der Türkei herrscht ein Klima der Angst. Niemand traut sich, Erdogan zu kritisieren. Viele denken darüber nach, das Land zu verlassen", schreibt der "Spiegel"-Journalist Hasnain Kazim. Der Reporter musste seinen Arbeitsplatz in Istanbul nach kritischer Berichterstattung vor wenigen Monaten selbst räumen. Er lebt nun in Wien.