Vier Tage nach der Verhaftung des mutmaßlichen Drahtziehers der Pariser Terroranschläge, Salah Abdeslam, kommt es in der belgischen Hauptstadt zu mehreren Explosionen. Viele Menschen sterben, Dutzende werden verletzt. Nun wird Kritik an belgischen Behörden laut: Wie konnten die Terroristen so frei agieren?

"Wir haben einen Terroranschlag befürchtet, und es ist passiert", sagte am Dienstag der belgische Premierminister Charles Michel. "Das ist ein schwarzer Tag für Belgien."

Nur vier Tage nach der Verhaftung des IS-Unterstützers Salah Abdeslam in Brüssel, der als Drahtzieher der Pariser Anschläge vom November gilt, wurde die Stadt von einer blutigen Angriffsserie heimgesucht. Viele Menschen kamen ums Leben, Dutzende wurden verletzt. Sind die Attentate womöglich als Racheakt einzustufen?

Rache für Abdeslam

"Das ist zum jetzigen Zeitpunkt ein Stück weit spekulativ, aber ich halte das durchaus für möglich", sagt Florian Wätzel, Terrorismusexperte am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel, auf die Frage nach einem möglichen Zusammenhang mit Abdeslams Festnahme.


Terroranschlag in Brüssel: Ereignisse des Tages in der Ticker-Nachlese.

Nach dessen Verhaftung sei bekannt geworden, dass er ein etwa 30-köpfiges Unterstützernetzwerk um sich geschart habe. "Womöglich wollten dessen Mitglieder nun noch einmal zuschlagen, bevor das Netzwerk von der Polizei zerschlagen wird", erklärt der Politologe im Gespräch mit unserer Redaktion.

Auch Terrorismusexperte Rolf Tophoven hält es für auffällig, dass die Anschläge "nur wenige Tage nach der Polizeiaktion gegen Abdeslam ebenfalls in Brüssel stattfinden."

Belgiens Außenminister Didier Reynders erklärte, Abdeslam habe "wieder etwas vorgehabt" und sei bereit gewesen, "etwas in Brüssel zu tun." Die Pläne setzten seine Unterstützer nun offenbar in die Tat um.

Kritik an belgischen Behörden

Weil sich die Sicherheitsbehörden der Gefahr seit Monaten bewusst waren, zeigt sich Politologe Wätzel verwundert, dass die Polizei offenbar kaum Informationen über die Brüsseler Zelle besessen hat.

Nach den Anschlägen auf das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo" im Januar 2015 gelang es dem belgischen Geheimdienst nicht, die Terrorzelle aufzuspüren. Auch, dass Abdeslam sich Monate nach den Pariser Anschlägen mitten in Brüssel verstecken konnte, sorgt nur für Kritik.

Der mutmaßliche Topterrorist wurde am Freitag im Brüsseler Stadtteil Molenbeek verhaftet – nur 400 Meter von seinem letzten Wohnsitz entfernt. Das Viertel gilt schon länger als Islamisten-Hochburg und soll die Rückzugsbasis der nun gesuchten Terrorzelle sein. Mindesten drei der Paris-Attentäter sind dort geboren oder haben eine Zeit dort gelebt. Die Waffe, mit der im August ein IS-Unterstützer im Schnellzug Thalys um sich schoss, kam ebenfalls aus dem berüchtigten Viertel.

"Es ist schon sehr überraschend, dass die Terroristen jetzt noch so frei agieren konnten", sagt Wätzel. Zumal solche Anschläge viel Logistik benötigen: Ein Objekt muss ausgespäht und Bombenmaterialien vorbereitet werden. Auch die Auswahl von Selbstmordattentätern ist zeitaufwendig.


"Man hätte eher eingreifen müssen"

Auch der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) kritisierte: Der Salafismus im Brüsseler Stadtteil Molenbeek sei seit vielen Jahren gewachsen "und man hätte möglicherweise eher eingreifen müssen". Er zeigte sich erschrocken darüber, dass eine mutmaßliche Terrorzelle in Belgien über Jahre unentdeckt bleiben konnte.

"Es geht nicht um einzelne, sich selbst organisierende Täter, sondern es wurde strukturiert und abgesprochen vorgegangen. Das setzt Zellenbildung voraus", sagte er. "Es ist leichter, solche Zellen zu entdecken, als radikalisierte Einzeltäter. Und das ist das Erschreckende: Dass eine solche Zelle dort nicht entdeckt werden konnte."

Weitere Anschläge möglich

Die Sicherheitsbehörden treibt nun die Frage um, ob weitere Terrorakte zu befürchten sind. "Es gibt zwei Möglichkeiten", erklärt Politologe Wätzel. "Entweder führt die Arbeit der belgischen Polizei zur Austrocknung der Brüsseler Zelle, oder es könnte – wenn das nicht gelingt – durchaus zu weiteren Anschlägen kommen."


Wätzel geht zudem davon aus, dass die europäische Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung künftig noch effektiver koordiniert werden wird. Denn falls tatsächlich das Netzwerk um die Paris-Attentäter für die neuerlichen Anschläge verantwortlich sein sollte, wäre es das erste Mal, dass eine Zelle in Europa zwei Mal zuschlägt. Eine klare Niederlage für die europäischen Sicherheitsbehörden und ein Zeichen der wachsenden Professionalität des IS.

Abdeslam: Verbindungen nach Ulm und Berlin?

Auch die Bundespolizei hat nach den Anschlägen ihre Präsenz an den Grenzen zu Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg sowie an Flughäfen und Bahnhöfen verstärkt.

Laut einem Bericht des Berliner "Tagesspiegels" hatte Abdeslam Verbindungen nach Ulm und Berlin. Der Franzose und seine Mitstreiter, so heißt es, seien für Angriffe auf die Bundesrepublik ausgebildet. "Aber über dieses Netzwerk", betont Wätzel, "ist noch viel zu wenig bekannt."