Dass AfD-Chefin Frauke Petry nicht gewusst hat, was sie da in den Mund nahm, scheint unwahrscheinlich. Vielmehr gleicht ihr Verteidigungsruf einer Nazi-Vokabel den perfiden Methoden einer Partei, die immer weiter nach rechts außen treibt.

Es ist ein heikler Begriff, den AfD-Chefin Frauke Petry da "positiv" besetzen will. Der "Welt am Sonntag" hatte die Parteivorsitzende gesagt, es sei eine "unzulässige Verkürzung", wenn gesagt werde, "völkisch ist rassistisch". Zwar verwende sie den Begriff selbst nicht, aber es missfalle ihr, dass er nur in negativem Kontext gebraucht werde. Der Begriff "völkisch" sei letztlich "ein zugehöriges Attribut" zum Wort "Volk", sagte Petry. Fataler Trugschluss oder gezielter Fang von Wählerstimmen?

Begriff von den Nazis zu eigen gemacht

Der Begriff, der 1875 von Schriftsteller Hermann von Pfister als Eindeutschung des Wortes "national" eingeführt wurde, ist in Hochzeiten des deutschen Kaiserreichs entstanden. Eine Zeit, in der man die reine deutsche Sprache fördern wollte – unmittelbar nach dem deutsch-französischen Krieg 1870 bis 1871. Jeder Einfluss etwa des Lateinischen, wie beim Wort "national", sollte vermieden werden. Das Kaiserreich wollte seine Größe feiern. In der Weimarer Republik erlebte er eine Renaissance. Später machten sich die Nazis den Begriff zu eigen.

"Dieses Wort ist historisch belastet", sagt Thomas Niehr vom Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der RWTH Aachen. "Es gehört eindeutig zum Vokabular der Nazis, die sehr viele Zusammensetzungen mit 'Volk-' und 'völkisch' verwendet haben", so der Wissenschaftler weiter, der sich auf die rechtspopulistische Sprache in der Politik spezialisiert hat. Beispiele gibt es genug – das wohl prominenteste dürfte die Nazi-Propagandazeitung der NSDAP, der "Völkische Beobachter" sein.

Niehr glaubt auch deshalb nicht an einen Zufall oder Unbedarftheit seitens Petry: Wer solche Wörter verwende, positioniere sich politisch "ganz eindeutig – und zwar am äußersten rechten Rand".

AfD wählte Begriff wohl bewusst

Ob Petri nicht wusste, was sie tat? Niehr glaubt, dass populistische Parteien bewusst zu derart belasteten Begriffen greifen – "sie sozusagen aus dem Giftschrank holen". Insbesondere Menschen mit "nationalistischem Gedankengut" fühlten sich dadurch angesprochen und sogar "ermuntert, solche Vokabeln verstärkt zu verwenden". Es passt in die Ideologie einer Partei, die sich den einstigen Spruch der Widerständler in der DDR, "Wir sind das Volk" auf perfide Weise zu eigen gemacht hat. Und in die Schiene jener, die schnell dabei sind, zu argumentieren: "Man wird doch wohl noch sagen dürfen", so Niehr.

Dass es gelingen kann, geschichtlich derart belastete Begriffe "positiv zu besetzen", wie Petry argumentierte, hält der Sprachexperte für eine Farce. "Das ist ungefähr so sinnvoll, wie das Wort 'Konzentrationslager' oder Vokabeln wie 'Blut und Boden' oder 'Rasse' positiv umzuprägen", sagt Niehr.

Der Eintrag im Duden jedenfalls ist eindeutig: Der Begriff "völkisch" wird hier wie folgt umschrieben: nationalsozialistisch (in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus) ein Volk als vermeintliche Rasse betreffend; zum Volk als vermeintliche Rasse gehörend.