Im Süden der Ukraine hofft man auf einen schnellen Start der ukrainischen Gegenoffensive. Die Region wird regelmäßig von russischen Luftangriffen heimgesucht.

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Switlana Romatschko beobachtet die Zerstörung ihrer Stadt tagtäglich: "Wenn ich morgens zur Arbeit gehe, sehe ich ein Haus. Abends auf dem Nachhauseweg ist es nicht mehr da", beschreibt die 54-Jährige die Lage in ihrem Ort. "Es ist so traurig!" Romatschko arbeitet als Freiwillige in einem Schutzraum in Orichiw, einer Kleinstadt im Süden der Ukraine. Die Einwohner hoffen auf die angekündigte ukrainische Gegenoffensive – damit das russische Bombardement aufhört.

Große Krater in den Straßen zeugen von den Bomben, die Russland aus Flugzeugen auf Orichiw abwirft. Seit mehr als einem Jahr schon steht die Stadt 60 Kilometer südöstlich von Saporischschja unter Beschuss, seit drei Wochen fallen nun auch die Fliegerbomben. Die Front ist nur sieben Kilometer entfernt, seit Kriegsbeginn hat sich der Verlauf nicht geändert.

Nur noch wenige Zivilisten halten sich in den Orten im Süden der Ukraine auf

Tausend der einst 15.000 Bewohner harren noch in Orichiw aus. Die Bomben machen ihr Leben noch schwerer. "Letzte Nacht habe ich nicht geschlafen", erzählt die 71 Jahre alte Galyna Peletschko. "Bei der ersten Explosion bin ich raus in den Flur gesprungen und gleich danach gab es noch zwei weitere Explosionen." Wie jeden Tag ist Peletschko zum Mittagessen in den Schutzraum gekommen. Es gibt Suppe, Salat, Fleisch und Kompott.

"Sobald das Dröhnen des Flugzeugs zu hören ist, gibt es auch schon eine Explosion. Wenn es einem gelingt, in Deckung zu gehen, bleibt man am Leben. Gott sei Dank", sagt die alte Frau und isst weiter.

Ein Mann geht an einem Bombenkrater vorbei.
Große Krater zeugen von russischen Bombenangriffen auf die Stadt Orichiw. © IMAGO/ZUMA Wire/Andriy Andriyenko

Der Schutzraum im Keller einer Schule ist gut organisiert. Die Menschen können dort nicht nur essen, sondern auch duschen, Wäsche waschen, Handys aufladen, das WLAN nutzen oder einfach nur fernsehen. Dinge, die andernorts in Orichiw kaum mehr möglich sind. Denn fast 80 Prozent der Gebäude wurden zerstört oder beschädigt. 40 Bürgerinnen und Bürger seien getötet, mehr als 200 verletzt worden, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin Switlana Mandrytsch.

"Wir sind so nah an der Front, hier kann es keine Luftabwehr geben. Wir sehen und hören die Flugzeuge und auch die Hubschrauber. Das ist sehr beängstigend", sagt die Bürgermeisterin. "Wir hoffen auf eine Gegenoffensive, damit es nicht mehr so viele Bombenangriffe auf unsere Stadt gibt."

Die Gegend um Orichiw ist für die Ukraine strategisch wichtig und zudem flach – gut geeignet für das Vorrücken von Panzern. Seit Monaten spricht die Regierung in Kiew von einer großen Offensive, mit der sie die besetzten Gebiete zurückgewinnen möchte. Es wird über einen Vorstoß Richtung Melitopol spekuliert, einer Stadt etwa 80 Kilometer südlich von Orichiw, die seit Beginn der Invasion von den Russen besetzt ist. Damit wäre der Landkorridor durchschnitten, der Russland mit der 2014 von Moskau annektierten ukrainischen Halbinsel Krim verbindet.

Ukrainer hoffen auf die Zurückdrängung russischer Streitkräfte

Nicht weit von Orichiw, nahe der ukrainischen Stellungen bei Kamjanske, führt eine Brücke in russisch kontrolliertes Gebiet. Auf dieser Brücke tauschen die beiden Armeen regelmäßig Gefangene oder getötete Soldaten aus. Erst am Sonntag seien Leichen übergeben worden, hieß es von einer militärischen Quelle.

Zwei Soldaten stehen vor einer Brücke.
Auf einer Brücke nahe ukrainischen Stellungen bei Kamjanske tauschen russische und ukrainische Streitkräfte regelmäßig Gefangene oder Gefallene aus. © IMAGO/SNA/Konstantin Mihalchevskiy

Noch weiter westlich, am Ostufer des Flusses Dnipro, liegt das Atomkraftwerk Saporischschja, das seit März 2022 von der russischen Armee besetzt ist. In Erwartung der ukrainischen Offensive kündigte die russische Besatzungsverwaltung am Freitag an, 18 unter ihrer Kontrolle stehende Ortschaften in der Region Saporischschja teilweise zu evakuieren. Die russischen Streitkräfte errichteten zudem Panzersperren, Befestigungen und verminten das Gebiet in Richtung Orichiw.

Auch im Dorf Stepnogirsk in der Nähe von Kamjanske setzt die Bürgermeisterin auf die ukrainische Gegenoffensive. "Wir erwarten und hoffen, dass die Aggressoren zumindest bis zur Grenze der Krim zurückgedrängt werden", sagt Iryna Kondratiuk und ist zuversichtlich, dass der Großangriff bald beginnt. "In Kürze" werde es soweit sein, sagt sie. "Zumindest hoffen wir das." (afp/the)

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels wurde berichtet, dass die Stadt Orichiw 60 Kilometer nördlich von Saporischschja liege. Stattdessen ist richtig, dass Orichiw südöstlich von Saporischschja liegt. Wir haben den Fehler korrigiert.

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