• Anhänger von Donald Trump verbreiten seit Jahren die Verschwörungserzählung QAnon.
  • Fast ebenso lange warnen Experten vor den Gefahren, welche von dem rechtsextremen Mythos ausgehen.
  • Die Erstürmung des US-Kapitols hat endgültig deutlich gemacht: QAnon-Anhänger sind zu allem bereit.

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Mit nacktem Oberkörper, bemaltem Gesicht und einer Fellmütze mit Büffelhörnern steht der Trump-Fan im Flur des Kapitols. Dem tätowierten Mann, der sich als Schamane ausgibt, baumelt ein Megafon von der Schulter, in der Hand hält er eine US-Flagge. Das ikonenhafte Bild geht um die Welt.

Bei dem 33-Jährigen handelt es sich um Jacob Anthony Chansley, der sich selbst Jake Angeli nennt. Er ist ein bekannter Anhänger der rechtsextremen Verschwörungserzählung QAnon und damit unter den Fans von Noch-US-Präsident Donald Trump alles andere als eine Ausnahme. Chansley wurde am Samstag wegen gewaltsamen Eindringens in das US-Kapitol sowie "ordnungswidrigen Verhaltens" angeklagt – wie Dutzende andere Männer auch, die vergangenen Mittwoch das Parlament der Vereinigten Staaten von Amerika gewaltsam gestürmt hatten.

Chansley beschreibt sich selbst als "digitalen Soldaten" der QAnon-Bewegung. Diese sieht Trump als Kämpfer gegen eine kriminelle und satanistische Organisation von Pädophilen, der demokratische Politiker, der Milliardär George Soros sowie diverse Hollywoodstars angehören sollen. Für all das gibt es keinerlei Belege oder auch nur Indizien. Chansley sagte laut Polizei, er sei "der Bitte des Präsidenten an alle 'Patrioten'" gefolgt, am 6. Januar nach Washington zu kommen.

Anhänger der Verschwörungserzählung werden oft als Verrückte abgestempelt. Experten warnen jedoch vor der drastisch gestiegenen Gefahr, die von der QAnon-Bewegung ausgeht.

Q-Anhänger beim Sturm auf das Kapitol vorne dabei

Das große "Q" ist ihr Markenzeichen. Besonders häufig ist es bei Demonstrationen und Protesten für Trump zusehen. Sie zeigen sich mit entsprechenden T-Shirts und Postern oder halten den ausgeschnittenen Buchstaben "Q" in die Höhe. So war es auch am Mittwoch: Auf Fotos sind immer wieder Flaggen und Symbole der QAnon-Bewegung zu sehen. Videoaufnahmen zeigen laut "Washington Post" zudem, dass aus dem Mob neben Morddrohungen gegen Politiker auch immer wieder Behauptungen aus dem Verschwörungsmythos gerufen wurden. Darunter etwa jene, dass führende Demokraten Pädophile seien.

Der US-Präsident sah und sieht darin kein Problem. Von seinen Anhängern, die die abstruse Erzählung verbreiten, hat er sich nie distanziert. Im Gegenteil, er verharmloste sie: "Wie ich verstehe, mögen sie mich sehr, was ich zu schätzen weiß", sagte Trump im August auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus. Er wisse zwar nicht viel über die Bewegung, aber: "Ich habe gehört, dass es Leute sind, die unser Land lieben."

Das ist auch das Bild, das Chansley und andere QAnon-Anhänger von sich zeichnen wollen. Der Mittwoch hat allerdings die gewalttätige Seite der Bewegung gezeigt – und das nicht zum ersten Mal. Bereits im Dezember 2016 schoss ein Mann auf Besucher eines Pizza-Restaurants in Washington, weil er glaubte, dass von dort aus ein Kinderschänderring der Demokraten operieren würde. Der Schütze folgte den Erzählungen von QAnon.

Bereits Mitte Dezember schlug der abgewählte republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus, Denver Riggleman, bei CNN Alarm: Eine Menge Leute würden über QAnon spotten und die Anhänger abstempeln als "Haufen von Idioten, die alles im Internet glauben". Riggleman habe aber eine deutliche "Sprache der Radikalisierung" in den Nachrichten von QAnon erkannt. "Das ist sehr gefährlich", sagte er. "Ich denke, wir sind im Moment auf Messers Schneide."

Eine Frau als Lady Liberty verkleidete Frau bei den Protesten am Kapitol. Sie trägt ein Hemd mit dem Buchstaben Q, der sich auf QAnon bezieht.

QAnon: "Die gefährlichste Bewegung unserer Zeit"

Dann kam das Fanal des Sturms auf das US-Kapitol. Der Terrorismus-Experte Peter Neumann sieht die Bewegung als die "größte inländische Terrorgefahr" in den USA und "gefährlichste Bewegung unserer Zeit". Das FBI hält Verschwörungserzählungen wie QAnon bereits seit dem Sommer 2019 für eine Bedrohung für die US-Sicherheit und warnt vor Inlands-Terrorismus.

"Die Bewegung [hat] mehr Unterstützer als ISIS oder Al-Kaida", schreibt Neumann in einem Gastbeitrag für den "Spiegel". Er schätzt die Zahl der QAnon-Unterstützer auf eine Million, davon seien etwa 10.000 gewaltbereite Gefährder.

Viele Anhänger sind wegen der laschen US-Waffengesetze schwer bewaffnet und bei Bürgermilizen aktiv, erklärt der Politik-Professor vom Londoner King's College. Unter den Menschen, die am Mittwoch in das Herz der US-Demokratie einbrachen, befanden sich viele ehemalige und noch aktive Soldaten sowie Sicherheitskräfte. "[Ein Typ] zog seine Dienstmarke heraus und sagte: 'Wir machen das für Sie.' Ein anderer Kerl trug seine Dienstmarke", berichtete einer der Polizisten, die sich dem rechten Mob entgegenstellten, dem US-Nachrichtenportal "Buzzfeed News".

Und die Tageszeitung "Philadelphia Inquirer" schildert den Fall einer Polizistin, gegen die ein Verfahren eröffnet und die freigestellt wurde, weil sie an der Belagerung des Kapitols teilgenommen haben soll. Auf einem ihrer Facebook-Beiträge zu sehen: Ein Bild, bei dem Blitze in das Washington Monument hinter dem Buchstaben "Q" einschlagen. Dazu der Satz: "Der Sturm ist da".

QAnon-Unterstützerinnen sitzen im US-Repräsentantenhaus

Die Fälle zeigen: QAnon ist alles anderes als eine harmlose politische und gesellschaftliche Randerscheinung. Mehr als die Hälfte der Unterstützer der Republikaner glaubt die Verschwörungserzählung ganz oder teilweise, fast jeder fünfte hält sogar den Sturm auf das Kapitol für gerechtfertigt. Mit Marjorie Taylor Greene und Lauren Boebert sind zudem QAnon-Unterstützerinnen bei der US-Kongresswahl im November ins Repräsentantenhaus gewählt worden.

"Die Gewalt und der Aufruhr, die wir beim Kapitol sahen, war ein Ergebnis von Jahren der Desinformation", twittert Jonathan Greenblatt, Chef der Bürgerrechtsorganisation Anti-Defamation League, die in den USA gegen die Diskriminierung und Diffamierung von Juden eintritt. "QAnon hat seit Jahren zu dieser Art von Wahnsinn aufgerufen", sagte Greenblatt der Nachrichtenagentur AP.

Terror-Experte Neumann warnt: "Der Sturm aufs Kapitol war deshalb kein Schlusspunkt, sondern spektakulärer Auftakt einer massiven terroristischen Bedrohung, die Amerika noch Jahre beschäftigen wird."

Verwendete Quellen:

  • Material der Nachrichtenagentur AFP
  • Washington Post: "‘Nothing can stop what’s coming’: Far-right forums that fomented Capitol riots voice glee in aftermath"
  • CNN: "How QAnon's lies are hijacking the national conversation"
  • Salzburger Nachrichten: "Sturm auf Kapitol: Warum die QAnon-Bewegung so gefährlich ist"
  • Yahoo News: "Exclusive: FBI document warns conspiracy theories are a new domestic terrorism threat"
  • Der Spiegel: "Die gefährlichste Bewegung unserer Zeit"
  • Buzzfeed News: "These Black Capitol Police Officers Describe Fighting Off "Racist-Ass Terrorists"
  • The Philadelphia Inquirer: "Philadelphia police detective subject of Internal Affairs investigation after allegedly attending D.C. rally"
  • Forbes: "Majority Of Republicans Believe The QAnon Conspiracy Theory Is Partly Or Mostly True, Survey Finds"
  • Marist Poll: "PBS NewsHour/Marist Poll Results & Analysis: Insurrection at the Capitol"
  • Washington Post/AP: "Experts: Capitol riot product of years of hateful rhetoric"
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