In einer Studie wurden Hunderte TV-Beiträge und Zeitungsartikel über Gewalttaten in Deutschland analysiert. Das eindeutige Ergebnis: Die Berichterstattung ist mit Blick auf die Herkunft von Tatverdächtigen stark verzerrt – mit gravierenden Folgen.

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Zuletzt hat der gewaltsame Tod eines Augsburger Feuerwehrmanns bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Mehrere Jugendliche attackierten den Mann, der durch einen einzigen, heftigen Schlag starb. Obwohl die Polizei die mutmaßlichen Täter innerhalb kurzer Zeit ermittelte und festnahm, dominierte der Fall noch tagelang die Berichterstattung – wohl auch, weil die Jugendlichen einen Migrationshintergrund haben.

Eine Studie der Hochschule Macromedia zur Fernseh- und Zeitungsberichterstattung zeigt nun, wie über Gewaltkriminalität in Deutschland und die Herkunft mutmaßlicher Straftäter berichtet wird. Studienautor Thomas Hestermann zufolge zeige der Blick auf die Berichte aktueller TV-Formate und überregionaler Zeitungen vor allem eines: "Der gewalttätige Ausländer ist eine zentrale Angstfigur im deutschen Journalismus."

Wie sehr dadurch das Gesamtbild verdreht wird, zeigt die Auswertung des Journalismusprofessors (siehe nachfolgende Grafik). "Die Herkunft von mutmaßlichen Gewalttätern wird meist nur dann hervorgehoben, wenn sie Ausländer sind", schreibt Hestermann im Fazit seiner Studie. Die Folgen seien eine "verzerrte" Berichterstattung und ein "einseitiger Fokus", wodurch "die Erkenntnisse der Polizei komplett um(gekehrt)" werden.

Auch generell habe sich "die Fernsehberichterstattung über Gewaltkriminalität gravierend verändert". Demnach wurde im Jahr 2014 die Herkunft der Tatverdächtigen nur in etwa fünf Prozent der untersuchten TV-Sendungen genannt, 2019 war das in jeder dritten Ausstrahlung der Fall. Noch höher war in diesem Jahr der Anteil in den untersuchten Zeitungen: 44,1 Prozent. Seit den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/2016 "sind Medien getrieben von dem Anspruch, genauer und umfassend hinzusehen", urteilt Hestermann.

Rassistische Vorurteile

"Aus Menschenrechtssicht ist es fatal, die Herkunft von Tatverdächtigen grundsätzlich zu nennen", sagt Maria Scharlau von Amnesty International unserer Redaktion. Die Völkerrechtsexpertin arbeitet im deutschen Sekretariat der Menschenrechtsorganisation unter anderem zu den Themen Polizei und Rassismus.

Glaubt man Scharlau, dann bedeutet die Erwähnung der Herkunft ein grundsätzliches Problem, da es rassistische Vorurteile verstärke. "Wenn dieses Merkmal genannt wird, suggeriert das einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Herkunft, der so nachweislich nicht existiert." Vielmehr sind sozio-ökonomische Faktoren maßgeblich. Journalisten sieht sie daher in der Pflicht: "Denn das rassistische Vorurteil, wonach Ausländer krimineller als Deutsche seien, wird von den Medien immer wieder neu befeuert."

Doch wie gehen diese im redaktionellen Alltag mit der Nennung der Herkunft von Tatverdächtigen um? Unsere Redaktion hat bei öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern sowie bei Zeitungen nachgefragt. Anders als etwa die "Sächsische Zeitung", die sich vor drei Jahren entschloss, in Berichten über Kriminalität immer die Herkunft der Tatverdächtigen zu nennen (so weit bekannt), orientieren sich alle befragten Medien – wie auch unsere Redaktion – zuallererst am Presssekodex des Presserats.

Dort heißt es in der Richtlinie zur Berichterstattung über Straftaten: Die Zugehörigkeit von Verdächtigen oder Tätern zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten "soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse".

Wir dokumentieren die Antworten der Medien auf unsere Anfrage:

  • An den Leitlinien des Presserats orientiert sich auch RTL. "Wir wägen das von Fall zu Fall ab", erklärt RTL-Chefredakteur Michael Wulf. Er betont: Eine mit der Herkunft des Täters "verbundene Emotionalisierung oder gar Stimmungsmache in der Berichterstattung ist ein striktes Tabu".
  • Thomas Hagedorn, Sprecher des Zweiten Deutschen Fernsehens, stellt klar: "Die ZDF-Redaktionen prüfen intensiv und entscheiden in jedem Einzelfall verantwortungsbewusst, ob für die Nennung einer Gruppenzugehörigkeit ein begründetes öffentliches Interesse vorliegt." Der öffentlich-rechtliche Sender ist zudem gemäß seiner Programmrichtlinien angehalten, "die Zugehörigkeit eines Tatverdächtigen oder Straftäters zu einer Gruppe nur dann zu nennen, wenn dies für das Verständnis der Tatumstände und gesellschaftlichen Hintergründe tatsächlich von Bedeutung ist".
  • Umfangreich antwortet auch der NDR, der unter anderem die "Tagesschau" produziert. Diese sei eine überregionale Nachrichtensendung, die ihren Schwerpunkt auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft legt. "Über Kriminalfälle berichtet die 'Tagesschau' deshalb selten und völlig unabhängig davon, ob mutmaßliche Täter und/oder Opfer deutscher oder anderer Herkunft sind. (...) Bei der Nennung der Herkunft oder der Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen oder anderen Minderheit verpflichtet uns der Pressekodex zu besonderer Vorsicht."
  • Sat.1-Sprecherin Diana Schardt erklärte uns, dass sich der private Sender ebenso am Pressekodex orientiere. "Das heißt, dass es nur dann eine Nennung zur Herkunft, Ethnie gibt, wenn es dafür ein begründetes öffentliches Interesse gibt. Das liegt im Einzelfall und dem Vorgang begründet und ist eine Redaktionsentscheidung."
  • Die Madsack Mediengruppe, zu der unter anderem die "Hannoversche Allgemeine Zeitung", die "Leipziger Volkszeitung" und die "Ostsee-Zeitung" gehören, verzichtet "grundsätzlich auf die Nennung der Nationalität, wenn die Gefahr der diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens überwiegt, wie dies meist der Fall ist, wenn es um minder schwere Straftaten wie zum Beispiel Ladendiebstahl geht". In der schriftlichen Antwort heißt es weiter, dass die Herkunft bei besonders schweren oder "in ihrer Art oder Dimension außergewöhnlichen Straftaten in der Regel" aber genannt würden. Ebenso sei dies der Fall bei Straftaten, die aus einer größeren Gruppe begangen werden oder bei denen die Tatverdächtigen Clan-Strukturen angehören.

Kriminalität von Ausländern: Differenzieren und Einordnen

Unabhängig vom Pressekodex und redaktionsinternen Regelungen stehen Journalisten laut Amnesty-International-Juristin Scharlau aber vor einem komplexen Problem: "Die Medien können nur ein mehrfach verzerrtes Bild verbreiten: Denn erstens erfasst die Polizei nur, was angezeigt wird. Es gibt also eine große Dunkelziffer, gerade auch bei Taten gegen Geflüchtete, People of Colour und Menschen mit Migrationshintergrund. Zweitens werden Tatverdächtige, die als 'fremd' wahrgenommen werden, viel öfter anzeigt. Drittens sind nicht alle Verdächtigten auch Täter. Und viertens werden nicht alle angezeigten Straftaten auch zu einer Pressemeldung.“

Von diesem Ausschnitt ausgehend treffen die Medien nun ihrerseits eine Auswahl. Wichtig sei daher, stellt Scharlau heraus, dass komplexe Zusammenhänge auch komplex dargestellt werden. "Es muss differenziert und eingeordnet werden."

Auf ein weiteres Problem verweist FDP-Innenpolitiker Konstantin Kuhle in einem Gastbeitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Die Geschwindigkeit der medialen Berichterstattung über Kriminalität und die Reflexe in den sozialen Medien heizen die Wahrnehmung von Straftaten an." Ob tatsächlich Anhaltspunkte für einen Migrationshintergrund von Kriminellen bestehen, sei oft egal, führt Kuhle auch mit Blick auf die Debatte nach der Tat in Augsburg aus. Er betont: "Der Vorwurf der Vertuschung von Gewalt durch Menschen mit Migrationshintergrund gehört zum Standardrepertoire der Rechtsextremisten und Verschwörungstheoretiker innerhalb und außerhalb der Parlamente."

Letztendlich beweist die Untersuchung der Hochschule Macromedia aber, wie der Geschäftsführer des Deutschen Journalisten-Verbands Thüringen, Sebastian Scholz, in einer Pressemitteilung deutlich macht, dass "der von Rechtspopulisten bis auf den heutigen Tag erhobene Vorwurf, die Medien würden die Nationalität von Straftätern systematisch verschweigen, völlig haltlos ist".

Dazu kommt: In Deutschland klafft die gefühlte und echte Sicherheitslage weit auseinander. Die Zahlen des Bundeskriminalamts zeigen nämlich: Die Bundesrepublik ist so sicher wie seit Jahrzehnten nicht.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Maria Scharlau
  • E-Mail-Anfrage an TV-Sender und Zeitungen
  • Mediendienst Integration/Hochschule Macromedia: "Berichterstattung über Gewaltkriminalität. Wie häufig nennen Medien die Herkunft von Tatverdächtigen?"
  • Presserat: "Ethische Standards für den Journalismus"
  • "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Keine Kapitulation vor Verschwörungstheoretikern"
  • DJV Thüringen: "Nationalität ausländischer Tatverdächtiger wird überproportional thematisiert"
  • Statista: "Anzahl der registrierten Straftaten in Deutschland von 1991 bis 2018"

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