Glaubt man dem Ostbeauftragten der Bundesregierung, sind die Menschen in Ostdeutschland heute generell viel besser dran als vor der Wiedervereinigung. Doch ein Blick auf die Statistiken zeigen: So pauschal lässt sich das nicht behaupten.

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Man muss nur auf Wahlergebnisse schauen, auf Tariflöhne, Langzeitarbeitslose, Wirtschaftskraft oder Kitaplätze: In vielen Fragen ist Deutschland ein geteiltes Land.

30 Jahre nach dem Mauerfall aber findet man diese Unterschiede nicht mehr nur zwischen Ost- und Westdeutschland, sondern genauso zwischen Nord und Süd, oft noch eher zwischen Städten und Land.

Trotzdem fühlen sich nicht wenige Menschen in Ostdeutschland deklassiert, manche trauern der Vergangenheit nach. Vor allem bei ihnen sorgt eine Aussage des Ostbeauftragten der Bundesregierung jetzt für Aufsehen: "Jedem Bürger in Ostdeutschland geht es heute besser als 1990", hat Christian Hirte in einem Zeitungsinterview behauptet. Kann das stimmen?

30 Jahre Mauerfall: Hirte sieht "außergewöhnlichen Wohlstandsschub"

"Wir haben alle einen außergewöhnlichen Wohlstandsschub seit 1990 erlebt", erläuterte der CDU-Politiker seine Aussage der dpa. Der Lebensstandard sei deutlich gestiegen, die beruflichen Möglichkeiten seien angesichts der guten Wirtschaftsentwicklung deutlich besser geworden, dazu höhere Lebenserwartung, bessere Umweltbedingungen. Natürlich sei auch heute noch einiges unbefriedigend.

"Aber im Vergleich zum Lebensstandard bis 1989 haben wir deutliche Fortschritte erzielt, die diese positive Bilanz rechtfertigen", sagt Hirte.

Statistiken zeichnen ein zwiegespaltenes Bild

Ein Blick in 30 Jahre alte Statistiken offenbart jedoch ein nicht ganz so eindeutiges Bild:

Einkommen

Im ersten Halbjahr 1990 konnte ein Arbeiterhaushalt in der DDR mit meist zwei Verdienern im Schnitt rund 2.300 Ost-Mark pro Monat ausgeben. Die Statistik schlüsselt genau auf, was die Menschen dafür kauften: Fleisch und Fisch für 131 Mark, frisches Gemüse für 20 Mark, Kleidung für 146 Mark, Spielzeug für 5,44 Mark, dazu Miete und Versicherungen. Einiges war durch staatliche Subventionen deutlich billiger als im Westen, anderes teurer.

Die aktuellsten Daten des Statistischen Bundesamts sind nicht so detailliert. Sie zeigen aber: Bundesweit hatte 2017 ein durchschnittlicher Arbeitnehmerhaushalt ein ausgabefähiges Einkommen von 4.229 Euro. Für die ostdeutschen Bundesländer lagen keine aktuellen Daten vor. In den Vorjahren lag der Wert etwas unter dem bundesweiten Durchschnitt. Trotzdem gelte: "Das verfügbare Einkommen hat sich in den rund 30 Jahren in Ostdeutschland mehr als verdoppelt", sagt der Dresdner Ökonom Marcel Thum. Obwohl die Preise gestiegen seien, könnten sich die Menschen heute deutlich mehr leisten.

Arbeit

Arbeitslosigkeit kannte man in der DDR offiziell nicht, jeder Bürger hatte das Recht auf einen Arbeitsplatz. Um das zu erfüllen, schuf der Staat selbst viele Jobs - das Resultat: zu viele Angestellte für zu wenig Arbeit. Nach der Wiedervereinigung wurden deshalb Millionen Menschen arbeitslos - ein Karriereknick, der sich bis heute auf die Renten auswirkt. "Es gibt Generationen, die es nicht leicht hatten", sagt Thum, der die Dresdner Niederlassung des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo leitet. "Menschen, die lange aus dem Beruf raus waren und jetzt Mitte/Ende 50 sind."

Tatsächlich gebe es in Ostdeutschland noch immer überdurchschnittlich viele Langzeitarbeitslose. Die Arbeitslosenquote insgesamt nähert sich dagegen dem Westen an. Schon heute stehen Thüringen und Sachsen hier besser da als Nordrhein-Westfalen, Hamburg, das Saarland und Bremen.

Wohnen

1990 zahlte der typische DDR-Arbeiterhaushalt im Monat 50 Mark Miete - laut Statistik nur etwas mehr als drei Prozent des Einkommens. Mieterhöhungen gab es auch so gut wie nie. Davon kann man heute nur träumen: Als vertretbar gilt inzwischen eine Mietbelastung von 30 Prozent des Nettoeinkommens. Viele Mieter müssen noch viel tiefer in die Taschen greifen - auch im Osten Deutschlands, obwohl die Wohnkosten hier tendenziell noch niedriger sind. Dafür muss man heute aber auch nicht mehr jahrelang warten, bis man eine moderne Wohnung zugeteilt bekommt - oder in maroden Altbauten leben.

Gesundheit

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung meint: Wäre die Mauer nicht gefallen, würden die Ostdeutschen heute mehrere Jahre früher sterben. Tatsächlich war die durchschnittliche Lebenserwartung 1989 in der DDR mehr als zwei Jahre niedriger als in Westdeutschland. Inzwischen hat sich das angeglichen. Ob die Lebenserwartung in einer Region höher oder niedriger ist, hängt eher mit strukturellen ökonomischen Problemen zusammen.

Realität versus Gefühl

Bei vielen anderen Dingen ist das Bild ähnlich: Reisen ist jetzt einfacher - aber für jeden siebten Bundesbürger unbezahlbar. Ein Auto ist leichter zu bekommen. Dafür war in der DDR die Kinderbetreuung kostenlos. Hat der Ostbeauftragte also recht oder unrecht? Sicher stehe nicht jeder Ostdeutsche heute besser da als 1990, sagt Thum - "aber im Schnitt geht es den Leuten besser, das stimmt".

Warum fühlen viele Menschen dann anders? "Manchmal gibt es die Vorstellung 'In Nachbars Garten ist es noch ein bisschen schöner'", meint Thum. Und diese Unterschiede sind gewachsen. Zu DDR-Zeiten hatte der Nachbar meist eine ähnlich kleine Rente, musste genauso auf seinen Trabi warten, konnte genauso wenig durch die Welt reisen.

Das ist heute anders - und zusätzlich der Vergleich mit den westdeutschen Bundesländern allgegenwärtig. (dpa/szu)

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