• Fred Katzschmann ist Schausteller in sechster Generation.
  • Normalerweise drehen sich seine Kinderkarusselle in dieser Zeit am Erzgebirgsrand auf dem Chemnitzer Weihnachtsmarkt.
  • Bereits zum zweiten Mal wurde der Markt nun abgesagt. Wie geht es jetzt weiter?

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Die Nachricht kam plötzlich und unerwartet: Sachsen sagt alle Weihnachtsmärkte ab. Fred Katzschmann hatte da gerade sein Kinderkarussell auf dem Chemnitzer Weihnachtsmarkt aufgebaut, das andere seiner Schwester Anett stand zur Abfahrt bereit auf dem Hof in der sächsischen Kleinstadt Mittweida. Seine Tochter und sein Sohn räumten zu dieser Zeit die Schmalzbäckerei auf dem Marktgelände ein. In wenigen Tagen sollte es losgehen.

"Ich war fassungslos und wütend", erinnert sich der 64-Jährige an den Moment, als er Ende November von der Absage erfuhr. Nun sollten ihm schon das zweite Jahr in Folge die Einnahmen aus dem Weihnachtsgeschäft wegbrechen. "Das ist für uns ein Desaster." Aufgrund der Corona-Lage habe er zwar damit gerechnet, dass weitere Einschränkungen kommen, sagt Katzschmann, aber eine komplette Absage habe auch er nicht für möglich gehalten. "Dass es dann so knallhart über Nacht kam, das hat uns überrascht."

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Die sächsische Landesregierung hatte noch wenige Tage zuvor erklärt, dass es bei den Einschränkungen im gesellschaftlichen Leben Ausnahmereglungen für Weihnachtsmärkte geben werde, weil diese eine lange Tradition hätten und unter freien Himmel stattfinden. Doch dann der Rückzieher.

Stände an Supermärkten als Alternative

Fred Katzschmann will sich trotz aller Kritik nicht als Coronaleugner verstanden wissen. "Ich bin überzeugt, dass die Pandemie gefährlich ist. Meine ganze Familie ist geimpft. Ich hatte auch im Bekanntenkreis schwere Fälle", erzählt er. Der 64-Jährige sagt aber auch, dass das Ansteckungsrisiko draußen viel geringer sei und die Schausteller in den vergangenen Monaten viel Erfahrung gesammelt hätten. Er selbst war seit Juli auf fünf Festen präsent, und in keiner der Städte habe es eine Erhöhung der Inzidenzen gegeben, so Katzschmann.

Nun, mit der Absage des Weihnachtsmarktes, bleibt dem Sachsen nichts anderes übrig, als die Karusselle wieder in seiner Lagerhalle zu verstauen. Im Hausflur seiner Wohnung in Mittweida stapeln sich Kisten mit Zutaten für Quarkkeulchen und anderes Weihnachtsgepäck. Seinen Mitarbeiter aus Rumänien hat er nach Hause schicken müssen.

Seine beiden Kinder haben für ihre Schmalzbäckerei und ihren Schokoladenverkauf noch Standplätze vor einem Einkaufscenter in Chemnitz organisieren können, um wenigstens einen Teil der Ware zu verkaufen. Aber die Einnahmen aus den beiden Fahrgeschäften kann er komplett vergessen: "Die Weihnachtsmärkte machen bei uns 25 bis 30 Prozent des Jahresumsatzes aus", sagt er.

Familientradition geht ins 19. Jahrhundert zurück

Fred Katzschmann und seine Schwester Anett sind Schausteller in sechster Generation - das glaubt er jedenfalls. Die sächsische Familientradition könnte noch viel weiter zurückgehen als bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. "In der ersten Ausgabe der Schausteller-Fachzeitschrift Komet aus dem Jahr 1886 hatte mein Ur-Ur-Großvater Heinrich Katzschmann bereits als Sohn eines Schaustellers inseriert", sagt der Karussell-Betreiber. Womit die vorherigen Katzschmanns ihr Brot verdienten, ob sie vielleicht auch auf Jahrmärkten arbeiteten, das könne er nicht genau sagen.

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Normalerweise drehen sich Fred Katzschmanns Kinderkarusselle wie dieses in der Weihnachstszeit am Erzgebirgsrand auf dem Chemnitzer Weihnachtsmarkt.

Die Fachzeitschrift Komet gibt es bis heute, den Schaustellerbetrieb Katzschmann in Mittweida ebenfalls. Zwei Kinderkarusselle gehören zur aktuellen Ausstattung. Eins hat Fred Katzschmann gemeinsam mit seinem Vater Alfred kurz nach der Wende gekauft. Das andere, das heute seine Schwester Anett betreut, hatte ihr Vater zu DDR-Zeiten in Eigenarbeit aufgebaut: Ob Hubschrauber, Bus oder Straßenbahn, alles wurde in mühevoller Kleinarbeit zusammengeschraubt und liebevoll gestaltet.

Während Kinder als Pilot und Busfahrer auf den Karussells ihre Runden drehen, werden sie von fröhlichen Klängen der Kirmesorgeln begleitet, die weit über 100 Jahre alt sind. Die Melodien der Orgeln stammen aus einer Zeit, in der noch in jeder Stadt ein großer Jahrmarkt gefeiert wurde. Das ist heute nicht mehr so. Gerade in Ostdeutschland mussten viele Schausteller aufgeben. "Kurz nach der Wende hat es einen Boom gegeben, der dann aber schnell wieder abgeflacht ist", erzählt Fred Katzschmann und erklärt das vor allem mit der Abwanderung vieler Menschen und mit der stark gesunkenen Geburtenrate: "Die Zahl der Feste ist dramatisch zurückgegangen."

Corona-Pandemie bisher schlimmste Zeit

Aber all das sei nicht vergleichbar mit der Corona-Pandemie. "Mein Vater ist im Juni verstorben. Er hat den Anfang der Pandemie miterlebt. Und er hat gesagt, dass es so etwas noch nie gegeben hat. Selbst im Krieg konnte seine Mutter in der Umgebung noch etwas Geld verdienen. Aber ein generelles Berufsverbot für unsere Branche gab es noch nie", sagt Katzschmann, dessen Kinder zeitweise noch von der Corona-Pandemie profitieren konnten.

Sohn Tim leitete vorübergehend ein Corona-Testzentrum in Leipzig, seine Tochter Stefanie Teststationen in Chemnitz und Mittweida. Daneben standen die beiden Kinder bereits voriges Jahr vor Supermärkten und haben die Einkäufe vom letzten abgesagten Weihnachtsmarkt verkauft.

Fred Katzschmann selbst lebt momentan von seinen Ersparnissen. Ein Teil des Geldes, das er sich für seine Rentenzeit zurückgelegt hat, ist aufgebraucht. "Wir bekommen momentan nur die Fixkosten erstattet. Wie es jetzt mit den abgesagten Weihnachtsmärkten weitergeht, ob es andere Hilfen gibt, das wissen wir nicht." Aber es gebe noch schlimmere Fälle in seinem Kollegenkreis. "Mich hat gerettet, dass ich keine Kredite abzahlen muss."

Ans Aufgeben habe er nie gedacht. "Bei den Schaustellern ist es wie im Handwerk, wenn sie darin geboren sind, dann bleiben sie dabei", begründet er. Ihn fasziniere die Abwechslung an seinem Beruf. "Wir sind oft in anderen Städten und kommen mit vielen verschiedenen Menschen zusammen." Dennoch müsse man eins wissen: "Es ist ein knallharter Knochenjob. Es gibt keinen Samstag und keinen Sonntag."


Wo überall Weihnachtsmärkte abgesagt wurden

Sachsen, Bayern, Thüringen, Brandenburg, Baden-Württemberg und mittlerweile auch Mecklenburg-Vorpommern: In diesen Bundesländern haben die Landesregierungen die Weihnachtsmärkte abgesagt. Für Albert Ritter ein Schlag ins Kontor der Menschen, die dort arbeiten und auf die Umsätze angewiesen sind.

Der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes erklärt, welche Bedeutung die Weihnachtsmärkte für die 5.000 Betriebe haben. "Wir haben 3.000 Weihnachtsmärkte mit 160 Millionen Besuchern. Die Weihnachtsmärkte laufen im Gegensatz zu einer Kirmes nicht nur ein Wochenende, sondern vier oder fünf Wochenenden in der ausgabefreundlichsten Zeit der Menschen."

Ritter sagt, dass die Schausteller keine Pandemietreiber seien. Er spricht von einer Ungleichbehandlung gegenüber der Gastronomie, die weiterhin Glühwein und Gebäck verkaufen dürften. "Wir haben ja auch Erfahrungswerte", sagt der Schausteller-Präsident und verweist auf die Möglichkeit von Plexiglas-Wänden, Einbahnstraßensystemen, das Aufstellen zusätzlicher Toilettenwagen und anderen erprobten Methoden.

"Nirgendwo, wo wir waren, hat sich eine Kirmes zu einem Hotspot entwickelt", sagt Albert Ritter und nennt als Beispiel die Innenstadt-Kirmes von Soest im November mit einer Million Menschen. "Fünf Tage lang, und die Inzidenzzahlen im Kreis Soest sind gesunken." Er plädiert für den Weiterbetrieb der Weihnachtsmärkte. "Gerade in diesen Tagen sind wir ein Alternativ-Angebot, die Leute kommen nach draußen und bleiben eben nicht die ganze Zeit in den Innenräumen."

Aufgrund der abgesagten Weihnachtsmärkte in Sachsen und den anderen drei Bundesländern fordert der Schaustellerbund-Präsident einen 100-prozentigen Schadensersatz. Nach der Absage im Jahr 2020 zahlte der Staat einen Betrag von 75 Prozent - berechnet auf die Einnahmen aus dem Weihnachtsmarkt-Geschäft 2019. Doch davon ist gegenwärtig keine Rede.

Für die Absage anderer Feste im Laufe des Jahres können Schausteller eine Überbrückungshilfe beantragen, die allerdings nur die Betriebskosten deckt. Angestellte konnten wie überall sonst auch in Kurzarbeit geschickt werden. "Aber wer zahlt dem Unternehmer die private Miete, wer füllt seinen Kühlschrank?", fragt sich Ritter.

Politik stellt Hilfen in Aussicht

Wie es mit der finanziellen Hilfe weitergeht, ist noch nicht genau geklärt. Der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) erklärte, dass die Überbrückungshilfen verlängert werden. Er sprach auch von Sonderabschreibungs-Möglichkeiten für Saisonwaren. Er sei außerdem mit der Bundesregierung im Gespräch über weitere Hilfsprogramme, so Dulig in einem Interview mit dem Radiosender MDR Sachsen. Dort betonte der Politiker, dass es im Moment wichtig sei, Kontakte zu beschränken und erklärte, dass momentan keine Branche von sich sagen könne, nichts mit dem Pandemiegeschehen zu tun zu haben.

Vielen Schaustellern bleibt momentan nur Hartz-IV, aber der Antrag geht offenbar nicht problemlos. Im Jobcenter hätten sich seine Kollegen von den dortigen Mitarbeitern anhören müssen, dass sie doch ihre Technik verkaufen könnten, sagt Schausteller Ritter. "Aber sie können in dieser Zeit kein Karussell und keine Achterbahn verkaufen, wenn überall Kirmes verboten ist. Und wie sollen sie dann wieder starten? Wir sind nicht an Sozialleistungen interessiert, wir wollen mit unserer eigenen Hände Arbeit unser Geld verdienen."

Albert Ritter weiß, wie seine Kollegen in der schwierigen Zeit kämpfen. Viele hätten ihre Lebensversicherung aufgelöst und Verwandte angepumpt. Die Frauen hätten sich an Supermarkt-Kassen gesetzt und die Männer Lkw gefahren. "Weitermachen wollen sie alle. Es sind Familienunternehmen in fünfter, sechster Generation. Die Kirmes und die Volksfeste sind 1.200 Jahre alt. Wir haben viele Krisen überlebt. Wir überleben auch diese."

Verwendete Quellen:

  • Telefonat mit Schausteller Fred Katzschmann
  • Telefonat mit Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes
  • MDR.de: Martin Dulig: "Wir müssen Kontakte radikal reduzieren."
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