Die Ausschreitungen von Köln verunsichern Befürworter und Gegner der deutschen Asylpolitik. Aber die neue "Willkommenskultur", auf die viele Deutsche stolz sind, wird sich dadurch nicht wieder verflüchtigen. Denn die deutsche Zivilgesellschaft ist stärker.

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Faktisch hat sich seit den sexuellen Übergriffen am Silvesterabend in Köln nicht viel verändert.

Es sind so wenig alle in Deutschland Schutz suchenden Menschen plötzlich zu frauenfeindlichen Gewalttätern mutiert, wie alle Fußballfans zu Hooligans - oder alle Oktoberfest-Besucher zu potentiellen Sexualstraftätern.

Das Problem der durch nichts zu rechtfertigenden Silvester-Straftaten ist jedoch, dass durch sie ein Jahrhunderte altes Angstmuster bedient wird.

Das Wesen diffuser Ängste


"Der muslimische Mann aus dem Osten, die Vergewaltigungsangst, das sind Topoi, die in der europäischen, auch deutschen Selbstbeschreibung seit Langem vorhanden sind und jetzt zum Schwingen gebracht werden", erklärt der Philosoph Wolfram Eilenberger in einem Interview mit "Spiegel-Online".

Es ist das Wesen solcher diffusen Ängste, dass sie nach Bestätigung suchen. Wer glaubt, in Ostdeutschland leben nur Nazis, kann einen schönen Urlaub in Thüringen verbringen.

Wird er auf der Rückfahrt zufällig Zeuge einer Pegida-Demonstration, in der faktisch auch Rechtsradikale mitlaufen, fühlt er sein Vorurteil bestätigt, nach dem klassischen Motto, "ich habe es ja immer gewusst".

Vor einem Jahr nur Thema für Lokalpresse

Genau deshalb spielen die Übergriffe von Silvester genau jenen in die Hände, die schon immer gegen die neu entdeckte "Willkommenskultur" gewettert haben, auf die ein großer Teil der Deutschen zu recht stolz ist.

"Vor einem Jahr, Silvester 2014, wären die gleichen Übergriffe möglicherweise (und leider) nur ein Thema für die Lokalpresse gewesen.

Doch am Ende dieses schwierigen Jahres, das die Deutschen gegeneinander getrieben hat, wirkt dieser Ausbruch der Gewalt wie ein nationaler Angstbeschleuniger", schreibt der "Spiegel" im Leitartikel.

Eine große Koalition gegen Merkel, die von Pegida und der AfD über die CSU "bis hin zu den Salonhetzern in der FAZ, der Welt, in Cicero reiche", fühle sich in ihrer Ablehnung gegen die Schutz suchenden Menschen bestätigt.

Rechtsradikale machen Jagd auf Ausländer

In Köln sehen sich inzwischen rechtsradikale Gewalttäter ermutigt, gemeinsam auf die Jagd nach Ausländern zu gehen.

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer weiß im Gespräch mit dem Deutschlandfunk schon vor den polizeilichen Ermittlungen ganz genau, was sich in Köln zugetragen hat - und fordert wieder einmal eine Obergrenze für schutzsuchende Menschen.

Die Antwort darauf, was mit der einen aus einem Bürgerkriegsland geflüchteten Familie geschehen soll, die oberhalb der Grenze nach Deutschland kommt, bleibt der CSU-Mann trotz mehrfachem Nachfragen schuldig.

Die Frage jenseits solcher vorhersehbarer Instrumentalisierungen ist, ob es durch die Gewalttaten der Silvesternacht zu einer grundsätzlichen Verschiebung der Positionen in Deutschland gekommen ist.

Verändern auch diejenigen ihre Meinung, die in politischer und in ehrenamtlicher Arbeit bisher maßgeblich die "Willkommenskultur" mitgetragen haben?

Oder radikalisieren sich nur alle jene weiter, die schon vor den Ausschreitungen gegen die Schutzsuchenden gewettert haben?

Bisher sei eine Veränderung nicht zu beobachten, sagte der Europabeauftrage von Pro Asyl Karl Kopp im Deutschlandradio. "Wir haben immer noch einen starken Rückhalt" - und dieser Rückhalt in großen Teilen der Bevölkerung sei auch in den Fakten begründet.

"Deutschland ist ein relativ organisiertes und auch ein sehr reiches Land, und von daher kann Deutschland sicher mehr wuppen, als ein nicht unerheblicher Teil anderer Länder, die beispielsweise im Süden Europas unter einer extremen Wirtschaftskrise leiden", sagte Kopp.

Offenheit und Transparenz in der Politik

Es mache keinen Sinn, jetzt über Obergrenzen zu diskutieren, die weder das Völkerrecht, noch das EU-Recht hergeben würden.

Allerdings sei es Aufgabe der Politik zu verhindern, dass die Stimmung kippt. Dazu gehörten auch Offenheit und Transparenz.

Denn schon der Eindruck, es würden aus politischen Gründen Informationen über Straftaten zurückgehalten, sei extrem schädlich, so Kopp.

"Da macht es auch keinen Sinn, in einem demokratischen Gemeinwesen die Fakten nicht auf den Tisch zu legen und dann eben eine ordentliche Strafverfolgung einzuleiten".

Grundsätzlich vertraut Kopp in der Flüchtlingsthematik auf die deutsche Zivilgesellschaft, die auch die rechte Agitation nach den Vorfällen von Köln überstehen werde.

"Wir haben immer noch die Situation, dass wir eine sehr, sehr bemerkenswerte Zivilgesellschaft haben. Ohne diese Zivilgesellschaft in Deutschland, aber auch in anderen Teilen Europas, wären zum Teil Katastrophen entstanden".

Es wird auch in Zukunft die gemeinsame Aufgabe der in Deutschland lebenden Menschen bleiben, genau diese Katastrophen zu verhindern.

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