Lässt sich ein Fall nicht lösen, legen ihn Ermittler früher oder später zu den Akten. Dann wird aus einem Fall ein Cold Case. Um solche Taten kümmern sich auch in Deutschland immer häufiger spezialisierte Polizei-Einheiten.

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Eine unbekannte DNA-Spur, unpräzise Zeugenaussagen, eine fehlende Leiche: Selbst erfahrene Kriminalisten stoßen manchmal an ihre Grenzen. Bei etwa fünf Prozent der Tötungsdelikte wird in Deutschland kein Täter gefunden, obwohl allen Spuren und Hinweisen nachgegangen wurde.

Um diese Altfälle oder Cold Cases (deutsch: "kalte Fälle") doch noch zu lösen, setzen die Ermittler vermehrt auf eine Polizeitaktik aus den USA.

Was sind Cold-Case-Fälle?

Unaufgeklärte Tötungsdelikte gelten im Polizeijargon als Altfälle oder Cold Cases. Seltener zählen Banküberfälle, Vergewaltigungen oder Langzeitvermisstenfälle in diese Kategorie.

"Eine zeitliche Grenze, wann ein Verbrechen zum Cold Case wird, existiert nicht", erklärt Christian Soulier, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter in Rheinland-Pfalz und Leiter der Mordkommission in Trier. Das geschieht oft automatisch, wenn die Hinweise abgearbeitet sind und aktuellere Verbrechen in den Fokus der Ermittler rücken.

Blickt man auf die Zahlen einiger Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, wo 2018 900 unaufgeklärte Mordfälle erfasst wurden, Niedersachsen (268), Hamburg (rund 350), Berlin (knapp 270) und Bayern (rund 200), dürfte die Gesamtzahl 2.000 Fälle deutlich überschreiten. Eine bundesweite Statistik liegt nicht vor.

Seit wann gibt es Cold-Case-Ermittler?

Die US-Bundespolizei FBI gilt als Wegbereiter dieser Ermittlungsform. 1996 wurde erstmals ein entsprechendes Team, eine Cold-Case-Unit, aufgebaut. Durch die neue DNA-Analysetechnik gab es neue Perspektiven, alte Fälle doch noch zu lösen.

Die Idee der Spezialeinheiten setzte sich durch den Ausstausch polizeilichen Know-hows allmählich in Europa durch. In Deutschland wurden in den Jahren 2015 und 2016 vermehrt Cold-Case-Einheiten – manchmal auch als "Soko Altfälle" bezeichnet – gegründet.

Darunter in Schleswig-Holstein, Thüringen und Hamburg. Erst den vergangenen Wochen haben die Polizeidirektion Hannover und Göttingen die Gründung von Cold-Case-Units angekündigt. Wo es keine solche Einheit gibt, werden die Verbrechen im Rahmen der normalen Polizeistrukturen bearbeitet.

Wer kümmert sich um die Altfälle?

In den Cold-Case-Einheiten, die Landeskriminalämter oder lokale Polizeidienststellen einsetzen können, arbeiten meist erfahrene Ermittler. Unterstützung bekommen sie von Spezialisten wie Psychologen, Biologen, Chemikern und sonstigen Experten.

Ob ein Fall noch einmal neu bewertet wird, entscheidet beispielsweise der Leiter der Mordkommission. "Die Bearbeitung von Cold Cases erfolgt in Wellenbewegungen, je nachdem, wie viel Personal gerade zur Verfügung steht", erklärt Ermittler Soulier aus Trier, wo es wegen der geringen Fallzahl keine Spezialeinheit gibt.

In Städten oder Bundesländern mit Spezialeinheiten sollen diese Wellenbewegungen durch beständige Ermittlungsarbeit ersetzt werden.

Wie wird an die Altfälle herangegangen?

Die Ermittler wenden bei den Cold Cases neue Betrachtungsweisen und Analysetechniken an: Moderne kriminalistische Methoden bei der Spurensicherung oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse hinsichtlich Tatort- oder Täterverhaltensanalyse.

Die DNA-Technik etwa hat sich seit Ende der 1990er Jahre erheblich weiterentwickelt. Als der genetische Fingerabdruck aufkam, waren viele Altfälle schon einmal überprüft worden. Auch Gespräche mit früheren Ermittlern und Aktenstudium gehören zur Arbeit. Durch die Distanz können neue Blickwinkel entstehen, die im Idealfall zu neuen Erkenntnissen führen.

Welche Emittlungserfolge haben die Cold-Case-Einheiten zu verzeichnen?

Die Soko Altfälle der Landespolizeiinspektion Jena fand 2018 beziehungsweise 2019 die mutmaßlichen Mörder von Stephanie D. aus Weimar und Ramona K. aus Jena. Beide Mädchen waren in den 90er-Jahren verschwunden.

Die 2016 eingesetzte Hamburger Sonderermittlungsgruppe "Cold Cases" konnte bis Ende 2018 schon sechs von 18 bearbeiteten Fällen aufklären. Darunter den Mord an der dreifachen Mutter Beata S. aus dem Jahr 1981.

Spezialeinheiten in anderen Bundesländern oder Städten haben ebenfalls teils Jahrzehnte zurückliegende Fälle gelöst. "Die Arbeit an Cold Cases", sagt Kriminalist Soulier, "sind wir Opfern und den Hinterbliebenen schuldig." Schließlich sei Mord das schlimmste denkbare Verbrechen.

Verwendete Quellen:

  • diepresse.com: "Cold-Case-Management: Neues Licht in alte Fälle"
  • www.sueddeutsche.de: "Wie Cold-Case-Spezialisten Mörder überführen"
  • www.thueringer-allgemeine.de: "Soko "Altfälle": Hoffnung in ungeklärten Mordfällen an Jenaer Kindern"
  • www.badische-zeitung.de: "Ungeklärte Mordfälle: Wie Ermittler sich um "Cold Cases" kümmern
  • Interview mit Christian Soulier, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter in Rheinland-Pfalz.
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