Immer mehr Menschen infizieren sich mit dem neuartigen Coronavirus. Wir sprachen mit einem Experten über die Gefahr einer Pandemie, möglichen Verhaltensweisen - und eine beängstigende Situation.

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Die neuen Nachrichten über das Coronavirus namens Covid-19 reißen nicht ab: In China stiegen die Fallzahlen massiv auf mehr als 68.500, inzwischen hat das Virus mehr als 1.600 Menschenleben gefordert. Gleichzeitig zeigen Berechnungen: Wenn das Coronavirus nicht effektiv bekämpft wird, könnten sich bis zu 80 Prozent der Weltbevölkerung infizieren. Experte Roger Vogelmann spricht im Interview über Gefahrenpotential, Medikamentenengpässe und die Vorbereitung des deutschen Gesundheitssystems.

Die Fallzahlen in China sind noch einmal rapide angestiegen, nachdem das Diagnoseverfahren ausgeweitet wurde. Anstatt eines Nukleinsäuretests reichen jetzt auch Lungenaufnahmen in Kombination mit dem physischen Zustand und der epidemiologischen Vorgeschichte des Patienten. Wie ist der aktuelle Stand aus ärztlicher Sicht?

Roger Vogelmann: Trotz der steigenden Zahlen in China ist die Einschätzung aus ärztlicher Sicht unverändert. Die Kollegen in China sagten schon vor Wochen, die "Katze sei aus dem Sack" – sprich: Das Virus wird sich in China nicht eindämmen lassen und die Fallzahlen werden noch einmal deutlich ansteigen. Mich hat die Entwicklung der letzten Tage daher nicht wirklich überrascht.

Aber das Robert Koch-Institut warnt seit Kurzem explizit davor, es könne eine Pandemie geben ...

Ja, aber diese Gefahr war von Anfang an da. Sie wurde nur jetzt ausdrücklich formuliert und ist für die Öffentlichkeit vor diesem Hintergrund dramatisch. Rein medizinisch handelt es sich um keine neue oder ungewöhnliche Entwicklung.

Ist denn eine Pandemie im größeren Stil unausweichlich?

Auch wenn ich es gerne könnte; das lässt sich nicht sicher sagen. Bei einer Pandemie würde sich das Virus weltweit ausbreiten – mehr oder weniger unkontrolliert und unaufhaltbar. Die gute Nachricht: Trotz aller Schreckensbotschaften sind die Fälle außerhalb Chinas noch immer sehr überschaubar. Aber: Wenn das Coronavirus in einem Land, welches nicht gut vorbereitet ist, Fuß fasst, dann kann es sich wie ein Flächenbrand ausbreiten. Das wäre bei Ländern auf dem afrikanischen Kontinent wahrscheinlich. Die Vorbereitung der Gesundheitssysteme und das richtige Verhalten der Bevölkerung bleibt also essenziell.

Coronavirus: "Das ist eine beängstigende Situation"

Wäre Deutschland denn auf eine Ausbreitung des Lungenvirus hierzulande vorbereitet?

Jeder der Offiziellen betont, dass Deutschland gut vorbereitet ist und wir haben in der Vergangenheit auch gezeigt, dass wir vorbereitet sein können. Vor wenigen Jahren hat Deutschland eine schwere Grippewelle gut gemeistert. Erkrankungen könnten wir aber dennoch nicht komplett vermeiden. Ich selbst bin in einer Praxis tätig, in der wir damit konfrontiert sind, wie wir mit dem Coronavirus umgehen. Dabei sehe ich: Es ist definitiv eine logistische Herausforderung für jeden Einzelnen im Gesundheitssystem, der daran beteiligt ist. Vor zwei Jahren habe ich mit einer Kollegin untersucht, wie Hausärzte hierzulande auf Ebola vorbereitet waren. Es handelte sich um eine Studie mit einigen hundert ambulant praktizierenden Ärzten. Das Ergebnis: Sie waren unzureichend vorbereitet. Ich hoffe, dass sich das nun geändert hat.

Jens Spahn hat vor Antibiotika-Engpässen gewarnt, weil die Produktion wichtiger Wirkstoffe in China gestoppt wurde. Das könnte auf Dauer zu Lieferproblemen führen. Wie würde man damit umgehen?

Es ist jetzt schon so, dass wichtige Medikamente nicht mehr nachgeliefert werden! Wenn ihr Vorrat aufgebraucht ist, werden wir ein echtes Problem bekommen. Man weicht dann auf Ersatzpräparate aus. Wenn diese aber auch nicht mehr lieferbar sind, kämen wir in eine Lage, in der wir Patienten nicht mehr adäquat behandeln können. Das ist eine wirklich beängstigende Situation.

"Man sollte radikal vermeiden, anderen die Hände zu schütteln"

Gibt es neue Hinweise für die Bevölkerung, wie man sich verhalten sollte?

Das Thema Handhygiene muss noch stärker betont werden, denn das ist wirklich das A und O. Man sollte radikal vermeiden, anderen Menschen die Hände zu schütteln – egal in welcher Situation. Ich würde auch beruflich niemandem mehr die Hand geben. Wenn man draußen war, sollte man sich die Hände waschen und sie desinfizieren. Ebenso jedes Mal, nachdem man sich ins Gesicht gefasst hat. All das wird im Alltag viel zu wenig umgesetzt.

Medizin-Professor Gabriel Leung von der Hong Kong University sagte, eine infizierte Person gebe das Virus durchschnittlich an zweieinhalb weitere Menschen weiter, so könnten sich 60 bis 80 Prozent der Weltbevölkerung anstecken, falls man nicht ernsthaft gegen die Bedrohung vorgeht. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?

Ja, diese Zahlen sind valide. Die sogenannte Basisreproduktionszahl liegt bei 2,6. Wenn man diese Zahl unter den Faktor 1 bringen würde, könnte man die Epidemie aufhalten – aktuell ist das nicht der Fall. Dadurch, dass die Zahlen aus China von außerhalb betrachtet nicht so ganz nachvollziehbar sind und man von einer sehr großen Dunkelziffer ausgeht, könnte sie allerdings noch viel höher liegen. Wenn wir konsequent in unserem Hygieneverhalten wären, könnten wir die Zahl aber unter 1 bringen.

Ist Covid-19 denn weiterhin wie eine "normale" Grippe einzuschätzen oder gibt es eine Anpassung hinsichtlich der Einschätzung der Gefahr?

Nach aktuellem Stand können wir sie in ihrem Gefahrenpotential wie eine klassische Influenza einschätzen. Man orientiert sich bei der Einschätzung der Gefahr an der Mortalitätsrate. Sie liegt in China weiterhin ungefähr bei 2 bis 2,5 Prozent. Das ist mehr als die klassische Influenza – hier liegt die Mortalitätsrate bei unter einem Prozent. Schaut man sich jedoch nur die Fälle außerhalb Chinas an, liegt die Mortalitätsrate bei 0,2 Prozent und damit genau im Bereich der Influenza. Überwiegend sind ältere Menschen oder Menschen mit Begleiterkrankungen verstorben. Die Mortalitätsrate von 2 Prozent in China wird vermutlich sinken, wenn diejenigen Infizierten, die zuvor nicht positiv getestet wurden, identifiziert werden. Das sind jedoch alles Spekulationen.

Gibt es Versäumnisse seitens der Politik? Sollte beispielsweise doch am Flughafen die Temperatur der ankommenden Passagiere gemessen werden? Gesundheitsminister Jens Spahn hält das für Unsinn.

Die Situation ist tatsächlich schwierig. Der Aufwand wäre sehr groß und man könnte nicht sicher sagen, dass das Virus nicht trotzdem nach Deutschland kommt. Jemand der mit dem Coronavirus infiziert ist, muss nicht unbedingt Fieber haben. Wir würden durch das Fiebermessen am Flughafen also diejenigen Menschen, die erkrankt sind, aber kein Fieber haben, nicht entdecken. Das Coronavirus ist außerdem schon ansteckend, bevor man Symptome hat – auch jene Menschen würden durch das Raster fallen. Gleichzeitig würde man viele Menschen erwischen, die Fieber haben, aber kein Coronavirus. Denn es gibt eine Reihe an anderen Krankheiten, die Fieber verursachen.

Sollte die Bundesregierung den Flugverkehr von und nach China einstellen?

Ja, das halte ich für eine sinnvolle Maßnahme. Eine Reihe an Fluggesellschaften machen das auch bereits.

Sollte man denn bald einen Impfstoff bereithalten?

Wir wissen von den Influenza-Impfstoffen, dass der Wirkschutz 14 Tage nach der Impfung kommt. Wenn er also morgen verfügbar wäre, könnte man sich trotzdem noch zwei Wochen anstecken. Weltweit gesehen wäre das eine gute Sache und man könnte die Ausbreitung eindämmen. Die Frage ist jedoch, wann dieser Impfstoff da sein wird und wie schnell man ihn in großer Zahl produzieren könnte. Wenn er erst im Herbst kommen wird, ist es viel zu spät.

Covid-19 wird irgendwann zum Erliegen kommen

Laut Experten sind grundsätzlich drei Szenarien möglich, wie sich der Ausbruch eines neuen Erregers entwickelt: Es kommt zu einer Pandemie, das Virus läuft sich irgendwann tot oder das Virus verhält sich wie eine normale Grippe und taucht jedes Jahr zur Winterzeit wieder auf. Welches erachten Sie als am wahrscheinlichsten?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es wirklich sehr schwierig, hier etwas zu prophezeien. Alle drei Szenarien sind denkbar und es gibt im Moment keine Evidenz, durch die eins am realistischsten erscheint. Ich vermute, dass sich das Virus in China weiter ausbreitet. In Bezug auf den Schutz anderer Länder – also damit die chinesische Epidemie nicht zur weltweiten Pandemie wird – kann man aktuell keine realistische Prognose abgeben. Dennoch wird das Virus auch irgendwann wieder zum Erliegen kommen.

Roger Vogelmann ist Mediziner und Dozent an der Universität Heidelberg. Er studierte Medizin in Ulm, in den USA und in Kanada. Seit 2011 leitet er die HIV- und Infektiologieambulanz der Universitätsmedizin Mannheim und ist selbstständig als HIV-Arzt in der Mannheimer Onkologie Praxis tätig.