Vó ist Vorreiter im Kampf gegen das Coronavirus. Die Behörden stellten die norditalienische Kleinstadt als einer der ersten Orte Europas unter strikte Quarantäne, Mediziner testeten zudem fast alle Einwohner. Die Ergebnisse der Untersuchungen erstaunen Experten – und sie helfen, die Tragweite der Pandemie besser zu verstehen.

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In Vó nahm die Katastrophe ihren Anfang. In der zwischen den Euganeischen Hügeln eingebetteten Kleinstadt nicht weit entfernt von Padua war am 21. Februar ein 78-jähriger Mann gestorben. Er war der erste von bisher über 27.000 Corona-Toten in Italien.

Experten machten den 3.300-Einwohner-Ort schnell als einen der Infektionsherde in Norditalien aus. "Jeder kannte mindestens eine Person mit Coronavirus", sagte Bürgermeister Giuliano Martini. Der Präsident der Region Venetien handelte: Luca Zaia ließ das Dorf sofort abriegeln und alle Einwohner unter Quarantäne stellen.

Hineingelassen nach Vó wurden allerdings Forscher. Ihr Ziel: Herausfinden, wie das Coronavirus innerhalb einer geschlossenen Gesellschaft funktioniert.

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Eine einzigartige Gelegenheit

Systematisch testeten die Wissenschaftler fast alle Bewohner bis zum 8. März. Und das gleich zweimal. "Vó stellte eine einzigartige Gelegenheit dar, die Epidemiologie von SARS-CoV-2 und seine Übertragungsdynamik in einer noch nie dagewesenen Ausführlichkeit zu verstehen", betont das Forscherteam um Enrico Lavezzo in einer Mitte April veröffentlichten Preprint-Studie.

Die Ergebnisse der Gruppe von Wissenschaftlern und Medizinern der Universität und des Krankenhauses von Padua sowie des in der Epidemiologie renommierten Imperial College London wurden bisher zwar noch nicht durch die Fachgemeinde begutachtet.

Die Untersuchungen zu dem italienischen Örtchen fanden allerdings schon breite Anerkennung. So hält der Virologe Christian Drosten viel von den Erkenntnissen aus der Studie, wie er in seinem Podcast für den NDR bereits mehrmals betonte. Dort erklärte der Direktor des Instituts für Virologie der Charité in Berlin auch ausführlich, warum die Studie aus Vó durchaus für Furore sorgt.

Aufschlussreiche Ergebnisse

Die Behörden hatten Vó nicht nur schnell abgeriegelt, sondern auch entschieden alle Einwohner zu testen – einmal unmittelbar vor dem Lockdown und einmal zwei Wochen später. So konnten die Forscher die Ausbreitung des Virus ohne äußere Einflüsse untersuchen.

Die Forscher sammelten dabei auch Daten zur Demografie, Symptomen, Krankenhausaufenthalten und den Kontakten der Einwohner. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, aber dennoch aufschlussreich:

  • In der ersten Testreihe wurden 2.812 Personen getestet (85,9 Prozent der Einwohner), davon waren 73 positiv (2,6 Prozent).
  • In der zweiten Testreihe, zwei Wochen später, wurden 2.343 Personen getestet (71,5 Prozent der Einwohner), davon waren 29 positiv (1,2 Prozent).
  • "Die Infektion war über alle Altersgruppen verteilt", sagte der an der Studie beteiligte Mikrobiologe Andrea Crisanti dem TV-Sender Euronews.
  • Die meisten von insgesamt acht Neuinfektionen hätten sich bereits vor der Sperrung von Vó angesteckt oder sie lebten mit positiv getesteten Personen ohne Symptome zusammen.
  • Kein einziges der 234 getesteten Kinder im Alter von null bis zehn Jahren wurde positiv getestet. Und das, obwohl mindestens 13 von ihnen in Familien mit Corona-Infizierten lebten.
  • Fast die Hälfte der bestätigten Fälle (43,2 Prozent) waren asymptomatisch, wobei es keine Auffälligkeiten bei den verschiedenen Altersgruppen gegeben habe. Zudem hätten die Forscher keine großen Unterschiede in der Menge der Viruspartikel zwischen Infizierten mit und ohne Symptome festgestellt.
  • "Dieses Virus ist ein sehr, sehr ungewöhnliches Virus", sagte Stefano Merigliano der britischen Wochenzeitung "New Statesman" mit Blick auf die außergewöhnlich hohe Rate. Merigliano wirkte ebenfalls an den Untersuchungen mit. Bei den meisten Viren "infiziert man sich und überträgt die Infektion, wenn man krank ist", erläuterte Merigliano. Ganz anders bei SARS-CoV-2.

Auch Menschen ohne Symptome übertragen das Virus

Aus Sicht der Forscher hätten ihre Analysen gezeigt, "dass die Virusübertragung wirksam und schnell unterdrückt werden könnte, wenn man eine frühe Isolierung der Infizierten mit der Abriegelung der Gemeinschaft kombiniert".

Besonders ernst zu nehmend ist eine weitere Erkenntnis: Viele der Bewohner hatten eine Corona-Erkrankung ohne die bekannten Symptome durchlebt. Ohne Husten. Ohne Fieber. Offenbar ohne jegliche Beschwerden. Wäre Vó nicht abgeriegelt gewesen, hätten diese Infizierten unweigerlich und völlig unbewusst weitere Menschen angesteckt.

"Wenn die Quarantänemaßnahmen nicht eingehalten werden, kann ein ganzes Dorf symptomfrei sein, aber die Infektion kann trotzdem wieder kommen", bemerkte der Mikrobiologe Crisanti. Er warnte davor, dass Menschen ohne Symptome das Virus übertragen könnten.

Auf der Spur der Dunkelziffer?

Mit Blick auf die "gute Informationslage", die "hohe Durchtestungsrate" und "der Präzision der Datenerhebung" hält der Virologe Drosten den hohen Anteil von asymptomatische Fällen in Vó auch geeinigt als generelles Richtmaß in der Corona-Pandemie. "Ich denke, das ist eine Zahl, mit der man jetzt arbeiten kann in Zukunft."

Es wäre ein entscheidender Schritt in Richtung der Schätzung einer Dunkelziffer.

In Italien wie in Deutschland und allen anderen von der Pandemie erfassten Ländern rechnen Experten mit einer hohen unbekannten Zahl nicht erfasster Fälle. Doch gerade die reale Einschätzung der Größenordnung der Infiziertenzahlen braucht es, um Gegenmaßnahmen hochzuschrauben oder wieder zu lockern. Je näher diese Schätzungen der Realität kommen, desto zielgerichteter können Politiker und Behörden ihre Entscheidungen fällen.

"Kein Test ist perfekt"

Allerdings bleiben bei der Studie in Vó Fehlerquellen. "Kein Test ist perfekt", betonte Drosten. Die Mediziner in der Kleinstadt führten Nasen-Rachen-Abstriche an den Einwohnern durch. Sowohl diese PCR-Tests als auch Antikörpertests mit abgenommenen Blut haben Fehlertoleranzen, können also in einigen wenigen Fällen zu einem falschen Ergebnis führen.

Darüber hinaus können Abstriche die Existenz SARS-CoV-2 nur bei aktiven Infektion nachweisen, wie die Studienautoren selbst anmerken.

Die Experimente In Vó gehen derweil weiter. Die Gemeindeverwaltung hat die Bürger aufgerufen, Anfang Mai an einer neuen Untersuchung der Universität von Padua teilzunehmen.

Denn noch immer haben Forscher die über die Welt hereingebrochene Corona-Pandemie nicht vollends verstanden. Es braucht mehr Wissen, um das Virus einzudämmen und letztlich auch besiegen zu können.

Verwendete Quellen:

  • Enrico Lavezzo u.a.: "Suppression of COVID-19 outbreak in the municipality of Vo’, Italy"
  • NDR: "Coronavirus-Update. Folge 33"
  • Euronews: "Studie zeigt klar: Das Coronavirus ist auch ohne Symptome ansteckend"
  • "New Statesman": "How one Italian town beat coronavirus"

Wie die Coronavirus-Pandemie mit der Zerstörung der Tierwelt zusammenhängt

Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass die Coronavirus-Pandemie eine Folge der Zerstörung der Tier- und Pflanzenwelt ist. Die Pandemie sei demnach außerdem wahrscheinlich das Resultat einer Zoonose. (Teaserbild: Ulet Ifansasti/Getty Images)