• Mit einer vorerst überstandenen Infektion ist für viele Corona-Patienten das Leid noch nicht ausgestanden.
  • Schätzungsweise zehn Prozent der Erkrankten sind von Long COVID betroffen.
  • Wir haben mit Betroffenen gesprochen, die ihren schwierigen Alltag mit der Erkrankung schildern.

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Atemnot, totale Erschöpfung oder neurologische Störungen – einige Patienten leiden noch Monate unter den Langzeitfolgen einer Infektion mit SARS-CoV-2 und sind oftmals nicht arbeitsfähig. Da das Coronavirus verschiedene Organe schädigen kann, können bei "Long COVID" über 200 verschiedene Symptome auftreten .

Experten gehen davon aus, dass zehn Prozent der an COVID-19 Erkrankten von Long COVID betroffen sind. Hierbei handelt es sich vermehrt um Frauen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren. "Die häufigsten Symptome sind die Fatigue, also übermäßige Erschöpfbarkeit, die Belastungsintoleranz 'Post Exertional Malaise' und neurokognitive Symptome wie Kopfschmerzen, Aufmerksamkeits- oder Gedächtnisstörungen und Schlafstörungen", weiß Doktor Claudia Ellert aus Erfahrung.

Die Gefäßchirurgin aus Wetzlar war im November 2020 selbst an COVID19 erkrankt, leidet seither an einigen der typischen Symptome und kann ihren Beruf aktuell nicht ausüben. "Man weiß mittlerweile von Long COVID, dass es bei mindestens 50 Prozent der Betroffenen zu eingeschränkter Arbeitsfähigkeit oder Arbeitsunfähigkeit führt."

Keine Belastung mehr möglich

Viele Symptome von Long-COVID-Patienten sind von ME/CFS bekannt. Die Myalgische Enzephalomyelitis beziehungsweise das Chronische Fatigue-Syndrom ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, von der in Deutschland schätzungsweise 250.000 Menschen betroffen sind.

Die Ursachen sind, ebenso wie bei Long COVID, noch nicht ausreichend erforscht. "Ich war eine sportliche Triathletin", blickt Ellert zurück. "Etwa drei Wochen nach der Corona-Erkrankung kam dann der Leistungseinbruch, und bis heute kann ich höchstens kurze Spaziergänge machen."

Bei der Gefäßchirurgin führen körperliche und geistige Anstrengungen zu Muskel- und Kopfschmerzen, die über Tage anhalten. "Diese sind als Symptom der Long-COVID-Erkrankung zu verstehen", schildert die Ärztin ihre Erfahrungen. "Der Körper hat nur eine reduzierte Energiemenge zur Verfügung, so dass für viele Betroffene bereits der normale Alltag zu viel ist und die Erholungsphasen nicht ausreichen."

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Fatigue – Die schleichende Erschöpfung

Nach zwei COVID-Infektionen mit jeweils schwerem Verlauf leidet Sabrina Klabunde unter dem Chronischen Fatigue-Syndrom. "Im November hatte ich mich mit der ursprünglichen Variante infiziert und litt unter einem schweren Verlauf", erzählt die Radiologieassistentin. "Kurz nach der Reha wurde bei mir die britische Mutation diagnostiziert."

Seit der ersten Infektion leidet die 41-Jährige unter Geruchs- und Geschmacksverlust, verfügt heute nur noch über 29 Prozent ihrer Lungenkapazität und kämpft mit postviralen Herzrhythmusstörungen. "Ohne Aktivität schwankt mein Puls zwischen 40 und 160", sagt Klabunde. "Das kann kardiologisch aktuell nicht behandelt werden."

Wegen ihrer Vorerkrankung, einer spastischen Hirnlähmung, betrieb die junge Medizinerin neben ihrer Arbeit täglich Sport. "Heute bin ich überhaupt nicht mehr belastbar und muss nach jeder Reha-Einheit schlafen", erzählt Klabunde. "Mein Umfeld ist schockiert, weil sie wissen, wie aktiv ich vorher war. Jetzt kann ich mich weder körperlich noch geistig anstrengen, und die Ärzte prüfen hier in der Reha, ob ich überhaupt wieder arbeitsfähig werden kann."

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Entspannungstechniken statt Sport

In der Regel treten Long-COVID-Symptome ein bis vier Monate nach der Corona-Infektion auf. "Ich habe es zunächst mit moderater Bewegung versucht, doch mein Zustand verschlechterte sich dadurch", erzählt Claudia Ellert. "Aktuell hilft nur Pacing, also eine Art Ermüdungs- und Selbstmanagement, bei dem Betroffene genau ermitteln, wie viel Belastung ohne Folgeerscheinungen möglich ist, und sich entsprechend einschränken."

Derzeit fehlt es noch an konkreten Behandlungsansätzen und Therapieformen. "Die Tatsache, dass ich in meinem eigentlichen Beruf aktuell nicht tätig sein kann und die Expertise, die ich mir mittlerweile zum Thema angeeignet habe, haben mich dazu bewegt, eine Anlaufstelle für Long-COVID-Patienten zu schaffen", sagt die Gefäßchirurgin.

"Dies ist mir zügig in Zusammenarbeit mit unserem Reha-Zentrum an den Lahn-Dill-Kliniken in Wetzlar gelungen. Hier bestehen drei Gruppen mit jeweils zwölf Patienten, die sich einmal pro Woche treffen." Auf dem Programm stehen atemtherapeutische Techniken und Entspannungsübungen, die jedoch den Körper nicht belasten.

Weiterhin richten erste Kliniken Post-COVID-Ambulanzen ein, die sich um Betroffene mit Langzeitfolgen kümmern, wie beispielsweise die Universitätsmedizin Essen Ruhrlandklinik oder das Universitätsklinikum Jena. In Jena hatte fast die Hälfte der Hilfesuchenden ihre Erkrankung ohne Hospitalisierung überstanden. Hier wurden vor allem die Long-COVID-Symptome Fatigue (60 Prozent), Depression (40 Prozent) und kognitive Störungen (20 Prozent) beobachtet.

Aktuelle Studie: Corona-Infektion verändert Blutzellen langfristig

Aktuell gibt es eine Vielzahl an Untersuchungen und Hinweisen auf die Ursachen von Long COVID. Laut Ellert verursacht COVID eine Entzündung der Gefäßinnenwand und kann dadurch für Gefäßverschlüsse und Minderdurchblutung verantwortlich sein.

Forscherinnen und Forscher des Max-Planck-Zentrums haben zudem deutliche und lang anhaltende Veränderungen von roten und weißen Blutkörperchen gemessen – sowohl während einer akuten Infektion als auch danach. Größe und Verformbarkeit roter Blutkörperchen schwankte bei Erkrankten stärker als bei Gesunden. Das deute auf eine Schädigung der Zellen hin und könnte das erhöhte Risiko von Gefäßverschlüssen erklären.

Weiterhin kann dadurch die Sauerstoffversorgung beeinträchtigt werden, so dass die notwendige Mehrdurchblutung der arbeitenden Muskulatur nicht erfolgt und dem Körper nicht die notwendige Energie bereitsteht. "Vor diesem Hintergrund sind Aktivierungstherapien nicht zielführend", weiß Ellert aus eigener Erfahrung.

"Wir müssen daher verstärkt forschen und notwendige Therapiestudien durchführen, um den Betroffenen zukünftig helfen zu können." Eine wichtige Rolle spielen auch flächendeckende und niederschwellige Angebote für Patienten und Programme zur beruflichen Wiedereingliederung.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Dr. Claudia Ellert, Leitende Oberärztin und Fachärztin für Chirurgie und Gefäßchirurgie an den Lahn-Dill-Kliniken in Wetzlar
  • Interview mit Sabrina Klabunde, Long COVID Erkrankte
  • Max-Planck-Zentrum für Physik und Medizin: "Wie eine Corona-Infektion Blutzellen langfristig verändert"
  • Deutsche Gesellschaft für ME/CFS e.V.: "ME/CFS gehört zu den letzten großen Krankheiten, die kaum erforscht sind"
  • Bundesministerium für Gesundheit: "Long Covid – Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung". https://www.zusammengegencorona.de/informieren/koerperliche-gesundheit/long-covid-langzeitfolgen-einer-covid-19-erkrankung/
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