Häufig zitiert zu werden, ist in der Wissenschaft ein wichtiges Kriterium. In der internationalen Mathematik wurden nun offenbar Manipulationen aufgedeckt. Wie funktioniert dieses Vorgehen und wie anfällig ist die deutsche Wissenschaftscommunity dafür?

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In der Wissenschaftswelt gibt es offenbar regelrechte "Zitierkartelle". Dies berichtet zumindest das Wissenschaftsmagazin "Science". Das Vorgehen habe zum Ziel, die Position der eigenen Hochschule in Rankings zu verbessern. Denn dadurch erhöht sich das Ansehen der Institution. Über einen guten Ranglistenplatz steigen die Chancen, mehr Fördergelder einzuwerben. Zudem wirkt es auch auf Studierende anziehend.

Und so soll es funktionieren: Qualitativ mittelmäßige Texte werden in Zeitschriften veröffentlicht, die nur laxe Qualitätsstandards haben. Forscher zitieren sich dann oft untereinander, sodass Texte und Forscher dadurch an die Spitze von Ranglisten aufsteigen. Hierüber soll sich dann die Position der jeweiligen Universität, an welcher der dann oft zitierte Autor arbeitet, in wichtigen Rankings erhöhen.

Die Analyse, die das ans Licht brachte, stammt von dem spanischen Mathematiker Domingo Docampo von der Universidade de Vigo. Ihm fiel etwas an der Liste der am häufigsten zitierten Forscher im Fachbereich Mathematik auf, die vom Unternehmen Clarivate erstellt wird. Diese wurde in letzter Zeit von Personen angeführt, die unter Mathematikern weitestgehend unbekannt waren. Zudem seien immer mehr Texte in unseriösen Zeitschriften veröffentlicht worden.

Zuletzt hatte die China Medical University in Taiwan so renommierte Hochschulen wie die University of California und Princeton aus den oberen Positionen des Clarivate-Rankings verdrängt. Noch ein Jahrzehnt zuvor hatte die asiatische Hochschule keinen einzigen Beitrag in dem Ranking. Als Reaktion auf die Enthüllungen hat das Unternehmen Clarivate den gesamten Bereich für Mathematik aus ihrer letzten Liste herausgenommen.

Zitatquoten spielen in Deutschland eine geringere Rolle

Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hält die Schlussfolgerungen aus den Untersuchungen, die in "Science" veröffentlicht wurden, für plausibel. Die DFG ist die größte und zentrale Förderinstitution für die Forschung in Deutschland. Sie vergibt Fördermittel für Forschungsvorhaben in Hochschulen und Forschungsinstituten. Vermutungen über solche Praktiken bestünden in weiten Teilen der Wissenschaft seit Langem, erklärt die DFG auf Anfrage unserer Redaktion.

Die Forschungsgemeinschaft weist darauf hin, dass es bisher nur wenige Untersuchungen zu dem Phänomen der "Zitierkartelle" gibt. Dennoch hat auch die DFG einzelne Hinweise darauf, dass es solche Kartelle auch gegen Zahlung gibt. Hierbei wird Forschenden das Angebot gemacht, für eine Geldzahlung bestimmte andere Beiträge in den eigenen Texten zu zitieren. Dies gelte unabhängig von der Qualität der fremden Beiträge, die zitiert werden sollen. Ebenfalls zweitrangig sei die inhaltliche Bedeutung des jeweiligen Beitrags für den Fachbereich.

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Doch wie verbreitet ist solch ein Vorgehen in der deutschen Wissenschaftsgemeinschaft? "In Deutschland gibt es - Gott sei Dank - noch keine Automatismen, die hohe Zitationszahlen in Geld, Ämter und Projektmittel übersetzen", sagt Michael Joswig, Professor für Mathematik an der Technischen Universität Berlin im Gespräch mit unserer Redaktion. Wichtig sei aus seiner Sicht auch, dass das deutsche Wissenschaftssystem etwas anders aufgebaut sei als andere im Ausland.

Die deutschen staatlichen Universitäten seien öffentlich finanziert und die Studiengänge in Deutschland an den staatlichen Universitäten weitestgehend kostenfrei. So könnten Forschende in Deutschland seriöser arbeiten. In anderen Ländern spielten hingegen Zitatquoten eine wesentlich höhere Rolle, so etwa in China oder Australien.

Dass in Deutschland maßgeblich wegen hoher Zitatquoten in fragwürdigen Zeitschriften Fördermittel vergeben würden, hält Joswig für ausgeschlossen. Das liege seiner Ansicht nach am Begutachtungssystem. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Begutachtungen für Projekte durchführen, würden die Publikationen akribisch prüfen. Dann werde deutlich, ob ein Text relevant sei oder nicht. Dies sei die Grundlage für die Entscheidung, wohin Fördergelder fließen würden.

Doch warum ist nun eigentlich der Fachbereich der Mathematik von diesem Skandal betroffen? Dies sei kein Problem, was für die Mathematik spezifisch sei, sagt Joswig. In kleinen Fächern mit einer geringen absoluten Zahl von Forscherinnen und Forschern sei schlichtweg die Manipulation einfacher. Innerhalb des Fachs gäbe es aber kein großes Problem, denn dieses manipulative Vorgehen "taucht in erster Linie ohnehin bei Zeitschriften auf, die innerhalb der Mathematik-Community nicht ernst genommen werden", erklärt der Berliner Mathematiker.

Auch im deutschen Wissenschaftssystem gibt es Fehlanreize

Allerdings betrachtet Michael Joswig eine andere Entwicklung mit Sorge. Das Problem komme aus Teilen der wissenschaftlichen Verlagslandschaft, die sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch geändert habe, sagt Joswig. Eine Kombination verschiedener Effekte habe dazu geführt, dass manche Großverlage sich heute in der Hand von Investoren befänden, die nicht immer an wissenschaftlicher Qualität interessiert seien. "Das ist auch ein Grund, dass sich ein Raum öffnet für Manipulation", sagt der Mathematikprofessor.

Auch die DFG sieht "fehlleitende Anreizstrukturen" im Wissenschaftssystem. Wenn Veröffentlichungen primär etwa nach Anzahl und Häufigkeit von Zitierungen gewichtet würden, entstünden starke Anreize, diese Zielwerte auch zu erreichen, auch mit nicht angemessenem Vorgehen. Um dem entgegenzuwirken, habe die DFG seit vielen Jahren die Initiative "Qualität statt Quantität". Diese soll dazu beitragen, dass wissenschaftliche Forschungsergebnisse nach ihrem inhaltlichen Fortschritt beurteilt werden.

Über den Gesprächspartner

  • Prof. Dr. Michael Joswig ist Einstein Professor für Diskrete Mathematik/Geometrie am Institut für Mathematik der Technischen Universität Berlin und leitet die Arbeitsgruppe für Mathematische Software am Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften in Leipzig.

Verwendete Quellen

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