Weit im Norden liegt die zu Norwegen gehörende Inselgruppe Svalbard, im Deutschen Spitzbergen genannt. Sie besteht aus weitgehend unberührter Natur. Hier wurde 2008 die weltweit größte Lagerstätte für Saatgut aus aller Welt eingerichtet – der Global Seed Vault. Damit soll die Ernährungsgrundlage dauerhaft gesichert werden. Das ist auch für Deutschland wichtig.

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Mehr als hundert Meter tief in einen Berg eingeschlagen befinden sich drei mit zahlreichen Regalen versehene Lagerhallen unter 40 bis 60 Metern dicken Gesteinsschichte - der Global Seed Vault, auf Deutsch: globaler Saatgut-Tresor. Der Permafrost hält die gesamte Anlage konstant ein paar Grad unter dem Gefrierpunkt. Die Hallen selbst werden künstlich auf minus 18 Grad Celsius heruntergekühlt, so ist es Standard bei Genbanken. Im Fall eines Stromausfalls stehen Generatoren bereit.

Die per Fernwartung überwachte Anlage braucht kein Personal. Ihre Gesamtkapazität liegt bei 4,5 Millionen Samenproben, von denen jede 500 Samen einer Pflanze enthält. Derzeit sind erst etwa 900.000 Proben untergebracht. Die Lagerung ist kostenlos, der norwegische Staat und der Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt kommen für den Unterhalt auf.

Weltweit wird das Angebot gut genutzt. Manche Staaten wie China oder Indien wollen aber lieber eigene Reservelager aufbauen. In Spitzbergen werden die Proben nur verwahrt, sie bleiben im Besitz des jeweiligen Spenders. Er kann sie bei Bedarf zurückfordern, um neue Pflanzen nachzuzüchten.

Keine Arche Noah, aber wichtiges Back-up

Was wie eine Art Arche Noah für die nächsten Jahrhunderte klingt, hat nur einen Haken: Pflanzensamen werden nach einer gewissen Zeit unfruchtbar. Der Global Seed Vault ist somit vor allem ein großes Back-up-System, in dem die Genbanken für Pflanzen rund um den Erdball Kopien ihrer Bestände einlagern können, die immer wieder durch neue ersetzt werden müssen.

Deutschland ist daran mit dem Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben, Sachsen-Anhalt, beteiligt, der größten Pflanzen-Genbank innerhalb der Europäischen Union und auch einer der größten weltweit.

"Wir schicken immer nur Material hin, das aus dem entsprechenden Vermehrungszyklus kommt", erklärt Dr. Andreas Börner, der dortige Genbank-Manager im Gespräch mit unserer Redaktion. "Wir haben etwa 6.000 Proben in der Vermehrung und ein Teil des frisch geernteten Saatguts geht nach Spitzbergen." In etwa 10 bis 15 Jahren werden dann die Bestände des IPK als Kopie auch auf Spitzbergen vorliegen.

Spitzbergen war Rettung für Syrien

Dass sich der Aufwand durchaus lohnt, zeigte sich erstmals 2015: Durch die Kampfhandlungen in Syrien war das in der Hauptstadt Aleppo gelegene International Center for Agricultural Research in the Dry Areas (Icarda) gezwungen, in den Libanon zu fliehen, musste aber seine Genbank hitzeresistenter Pflanzen dort zurücklassen.

Um die Arbeit aber weiter fortsetzen zu können, wurde ein Teil der in Spitzbergen gelagerten Bestände zurückgeholt, um in den Icarda-Forschungsstationen in Marokko und im Libanon nachgezüchtet zu werden.

Dass Deutschland in eine ähnliche Lage gerät, ist derzeit unwahrscheinlich, die Vorteile einer externen Lagerung von Samen hat das IPK aber bereits selbst miterlebt: Vor Jahren sammelte das Institut Samen in Äthiopien, die dem Land später verloren gingen. Auf Anfrage konnte das IPK mit Nachzüchtungen aushelfen.

Langzeitexperiment zur Keimfähigkeit

Auf Spitzbergen will das IPK derzeit mit anderen Genbanken in einem Langzeitexperiment erforschen, wie lange Saatgut wirklich überleben kann. Hierzu hat das Institut Proben von fünf weltweit bedeutenden Kulturpflanzen - Weizen, Gerste, Erbsen, Salat und Kohl - beigesteuert. Die nächsten hundert Jahre wird ein Teil davon alle zehn Jahre auf Keimfähigkeit getestet. So könnten wertvolle Erkenntnisse über die langfristige Lagerung gewonnen werden.

Ob es möglich ist, Saatgut über einen längeren Zeitraum zu erhalten, ist noch ungewiss. Börner verweist auf die Technik der Kryokonservierung, dem Einfrieren in flüssigem Stickstoff.

"Das könnte man natürlich auch mit Samen machen, dort wären sie – wenn immer genug flüssiger Stickstoff vorhanden ist – theoretisch unbegrenzt haltbar", meint er. Da die Methode sehr aufwendig ist, wurde sie noch nicht für Saatgut angewendet.

Reaktion auf den Klimawandel: Zucht hitzebeständigerer Sorten

Durch den Klimawandel sieht Börner die Arbeit der Genbanken nicht beeinträchtigt. Da die Proben grundsätzlich künstlich gekühlt werden spielt die Außentemperatur keine Rolle.

Dennoch gibt Börner zu bedenken: "Was im Zusammenhang mit dem Klimawandel aber ins Spiel kommt, ist, dass sich dadurch die Wachstumsbedingungen der Pflanzen ändern. Sorten, die heute in Deutschland wachsen, können das möglicherweise in 50 Jahren nicht mehr tun."

Doch auch hier könnten Genbanken helfen: Es könnten etwa hitzebeständigere Sorten aus anderen Erdteilen in die deutschen Sorten "eingekreuzt" werden.

Über den Experten:
Dr. Andreas Börner ist Genbank-Manager am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben, zudem lehrt er als außerplanmäßiger Professor am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Im September 2020 wurde er zudem zum Präsidenten der Europäischen Gesellschaft für Züchtungsforschung (Eucarpia) gewählt.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Dr. Andreas Börner
  • Offizielle Homepage des Global Seed Vault
  • Pressemeldung des IPK vom 4. August 2020: "Saatguttresor Global Seed Vault startet 100-jähriges Langzeitexperiment mit IPK-Proben"
  • ICARDA Compound and GeneBank facilities in Syria remain intact, Pressemeldung des Icarda vom 7. Oktober 2015
  • Ahmed Amri: From Morocco to Syria … and back again, Pressemeldung des Icarda vom 26. November 2019

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