• Das Münchner Institut für Zeitgeschichte arbeitet an einer kommentierten Edition der Reden Adolf Hitlers von 1933 bis 1945.
  • Der stellvertretende Direktor des Instituts, Magnus Brechtken, leitet das Projekt und forscht schon seit Jahrzehnten zum Nationalsozialismus.
  • Im Interview erklärt Brechtken, warum die Hitler-Reden der Forschung helfen, das Dritte Reich und den Aufstieg des Diktators besser zu verstehen.
Ein Interview
von Matthias Kohlmaier

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Herr Brechtken, haben Sie manchmal Adolf Hitlers Stimme im Kopf, wenn Sie nachts nicht schlafen können?

Magnus Brechtken: Nein, die professionelle Distanz klappt recht gut. Bei den Reden geht es in erster Linie um Rhetorik – das viel Schlimmere sind ja im Nationalsozialismus die Taten, die aus dieser Rhetorik erwachsen sind. Für meine Doktorarbeit vor 35 Jahren und als Forscher seither habe ich mich intensiv mit dem Holocaust beschäftigt. Das nimmt einen bei aller wissenschaftlichen Distanz bisweilen sehr mit.

Sie haben fast Ihre ganze Karriere als Historiker mit der Erforschung des Dritten Reiches verbracht. Warum nun eine Edition der Hitler-Reden von 1933 bis 1945?

Das hat eigentlich zwei Gründe. Jeder Forscher, der sich mit der NS-Zeit befasst, beklagt seit Langem, dass es eine solche Edition der Hitler-Reden noch nicht gibt. Für die Zeit bis 1933 ist alles gut dokumentiert. Ab dann gibt es nur die mangelhafte Zusammenstellung von Max Domarus aus den 1960er Jahren. Der hat vor allem aus dem "Völkischen Beobachter" abgeschrieben, willkürlich gekürzt und problematische Kommentare dazu gesetzt. Als ich vor Jahren an meiner Biografie zu Albert Speer gearbeitet habe, musste ich die einschlägigen Hitler-Reden mühsam zusammensuchen. Diese Lücke in der Erforschung des Nationalsozialismus wollen wir schließen.

Und der zweite Grund?

Seit ich in den 80er Jahren studiert habe, ging es um die Frage: Wie bedeutend war Hitler tatsächlich im NS-Machtapparat? Welche Rolle spielte er bei der Entwicklung der politischen Ziele und ihrer Umsetzung? Um solche Fragen beantworten zu können, sind die Reden zentral, weil sich in ihnen die Kontinuität von Hitlers Weltanschauung zeigt. Wir haben Passagen, die tauchen in Reden 1933, dann wieder 1938 und erneut im Krieg fast identisch auf. Es ist immer wieder die gleiche Ideologie, die über die Jahre mehr und mehr in der politischen Praxis ankam.

War Hitler ein guter Redner?

Hitler war ein hervorragender Redner mit Instinkt für sein Publikum. Er spürte, wie er es für seine Thesen begeistern konnte. Hitlers Aufstieg und auch der des Nationalsozialismus wären ohne sein Redetalent schwer denkbar gewesen.

Der Führer als Menschenfänger, sozusagen.

Richtig. Zentral für Hitlers Erfolg als Redner ist vor allem seine Mischung aus ideologischer Mission und praktischer Anpassungsfähigkeit. Er hat ja bisweilen mehrere Reden pro Tag vor sehr unterschiedlichen Publika gehalten. Aber egal, ob er nun auf Reichsparteitagen in Nürnberg sprach, auf Treffen von Wirtschaftsbossen oder vor der Münchner High Society, um Parteispenden einzuwerben: Im Kern ist seine Botschaft dieselbe, er passt aber den Tonfall an. Das gilt etwa für den Antisemitismus. Diese Mischung aus Festhalten an Grundüberzeugungen und Anpassungsfähigkeit hat Hitler bei seinen Zuhörern eine hohe Glaubwürdigkeit eingebracht.

Historiker Brechtken: "Wenn Hitler heute aufträte, würden die meisten wohl den Kopf schütteln und ihn auslachen"

Könnte der Redner Hitler auch heute noch die Massen von sich und seiner Ideologie überzeugen?

Nein, das glaube ich nicht. Natürlich sind die rhetorischen Mittel - Tempo, Lautstärke, Aufbau eines Arguments -, die eine gute Rede ausmachen, noch immer die gleichen. Aber wenn Sie heute einen Redner wie Hitler in Deutschland auftreten lassen würden, mit seinem missionarischen Eifer, den befremdlichen Metaphern und Welterlösungsfantasien, würde das kaum mehr funktionieren. Für seine Zeitgenossen war diese Art von religiöser, völkischer und ideologischer Aufladung noch alltäglich. Das war deren Welt. Unsere ist das nicht mehr. Wenn Hitler heute aufträte, würden die meisten wohl den Kopf schütteln und ihn auslachen.

Welche Rolle spielte Improvisation in Hitlers Reden?

Seine Vorträge folgten meistens einem Stichwortmuster, waren eine Mischung aus auswendig Gelerntem und freiem Sprechen. Durch häufiges Wiederholen hat Hitler dies über die Jahre immer weiter perfektioniert. Sie müssen bedenken: Damals gab es noch kein Social Media. Wer also Menschen erreichen wollte, musste tatsächlich physisch zu ihnen gehen - und wie Hitler die gleiche Rede immer und immer wieder halten.

Hat sich durch die ständige Übung beim Redner Hitler ein bestimmtes Merkmal ausgebildet, das im Gegensatz zu anderen Politikern seiner Zeit heraussticht?

Wenn Sie an das Brüllen denken, das man aus gängigen Ausschnitten kennt: Das macht nur einen winzigen Teil der Reden aus. Wenn Hitler eineinhalb Stunden redete, dauerte dieses Crescendo zum Schluss vielleicht ein paar Minuten. Meist spricht er in einem leicht österreichischen Singsang und mit ruhigem Bariton. Wir wissen aus vielen Berichten, dass so ein Charisma entstand, das die verschiedensten Zuhörer in seinen Bann zog.

Fällt Ihnen ein konkretes Beispiel ein?

Im Sommer 1944 hat Albert Speer die Teilnehmer einer Konferenz zu Rüstungsfragen zur Belohnung zu Hitler auf den Obersalzberg eingeladen. Das waren alles Großindustrielle mit Zehntausenden Angestellten. Und obwohl Hitler zu dieser Zeit mit 55 Jahren körperlich schon ein ziemliches Wrack war, spürt man bei seiner Rede, wie diese Menschen an seinen Lippen hängen. Zu einer Zeit, als der Krieg längst verloren war, bekommt er am Ende frenetischen Beifall. Es ist ein rhetorisches Bindungserlebnis, das Hitler erzeugen konnte.

Von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels hat sich die Frage "Wollt ihr den totalen Krieg?" aus seiner Rede im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 im kollektiven Gedächtnis eingebrannt. Gibt es in all den Hitler-Reden eine Passage, die für Sie ähnlich zentral ist?

Da gibt es einige. Am bekanntesten ist vermutlich seine sogenannte Prophezeiung aus der Rede vom 30. Januar 1939, rund sieben Monate vor Kriegsbeginn: "Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann würde das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa." Hier zeigt sich die intensive Verbindung von Außenpolitik, Antisemitismus, Kriegsvorbereitung und Hitlers eigener Lebensplanung. Er hat das schließlich nicht vor ein paar Parteigrößen gesagt, sondern vor den Reichstagsabgeordneten, für jedermann hörbar. Und die Parlamentarier haben nach dieser klaren Morddrohung gejubelt.

Ist eine Erkenntnis aus der Erforschung von Hitlers Reden ab 1933 also auch, dass Weltkrieg und Holocaust frühzeitig absehbar gewesen sind?

Wer Hitler über die Jahre zugehört hat, konnte zumindest wissen, dass er seine Ideologie ernst meint und deren Umsetzung immer weiter anstrebte.

Und später, als mit dem Kriegseintritt der USA und dem Misserfolg des deutschen Feldzugs gegen die Sowjetunion klar war, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden kann: Ist da ab etwa Ende 1941 eine Resignation in Hitlers Reden zu hören?

Nein, auch da ist Hitler nicht von seinem Weltbild abgewichen. Für ihn und seine Unterstützer ging es im Krieg nicht um rationale politische Fragen, sondern um einen ideologisch getriebenen Kampf um Leben und Tod. Der Sieg sollte durch fanatischen Willen erreicht werden. Der Politiker Hitler war nie zu Verhandlungen über einen Waffenstillstand bereit, weil der Ideologe Hitler überzeugt war: Wenn sich das deutsche Volk in diesem Krieg nicht durchsetzen kann, ist das eben auch ein Zeichen der Natur, dass es für den Sieg zu schwach ist. Diese Einstellung hat Millionen Menschen das Leben gekostet.

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