• In Großbritannien sind Tankstellen und Supermärkte derzeit Schauplätze von langen Warteschlangen und Rangeleien – Benzin ist knapp, viele Lebensmittelregale bleiben leer.
  • An allen Ecken fehlen Lastwagenfahrer.
  • Die Regierung unter Premierminister Boris Johnson macht dafür vor allem die Pandemie verantwortlich, die Wirtschaft schimpft über den Brexit. Ist es damit schon erklärt?
Eine Analyse
von Marie Illner

Viele Briten sorgen sich um das Weihnachtsfest. Denn in diesem Jahr könnte es ganz anders aussehen als gewohnt, ob Weihnachtsbaum oder Truthahn dazugehören werden, kann jetzt noch niemand voraussagen. Mehrere Branchen sehen das Weihnachtsgeschäft auf der Kippe, Versorgungsengpässe lassen die britische Logistik auf dem Zahnfleisch gehen.

Weil es überall an Lastwagenfahrern mangelt, sind Tankstellen nicht ausreichend mit Benzin versorgt, in Supermärkten bleiben Lebensmittelregale leer. Hamsterkäufe und Rangeleien sind die Folge. Jüngst machten Videos von Gewaltausschreitungen an Tankstellen die Runde. Die Fleischindustrie befürchtet Zehntausende Schweine-Notschlachtungen, weil die Tiere nicht zu den Schlachthöfen transportiert werden können und es an Mitarbeitern und Metzgern mangelt.

Bis zu 100.000 fehlende Fahrer in Großbritannien

Bis zu 100.000 LKW-Fahrer fehlen laut Schätzung des Branchenverbandes Road Haulage Association (RHA). Die britische Regierung unter Boris Johnson reagierte mit dem Einsatz von Soldaten und will vorübergehend befristete Arbeitsvisa an EU-Kräfte ausgeben. Auch von der Anhebung des Lohnniveaus war die Rede. Geht es nach Johnson, ist der angebliche Grund für die derzeitige Lage eine reine Folge der Corona-Pandemie.

Anthony Glees hält diese Ursache für falsch. "Die von Johnson geführte Regierung befasst sich nur ungern mit Tatsachen", sagt der Politologe im Gespräch mit unserer Redaktion. "Es gibt in Großbritannien zwei Arten von Problemen: globale Lieferprobleme, die besonders Waren aus China aufhalten, und Lieferprobleme aus der EU, die besonders Obst, Gemüse, Fleisch und industrielle Waren betreffen", erklärt Glees.

Neue Regeln bei Einwanderung und Zoll

Im Falle der EU ist er sich sicher: "Wenn es den harten Brexit nicht gegeben hätte, gäbe es diese Probleme nun nicht." Von den 100.000 fehlenden Kraftfahrern entfielen 20.000 bis 40.000 Fahrer auf die EU, die unter den Bedingungen nach dem Brexit nun nicht mehr im Land arbeiteten – die Einwanderungsbestimmungen seien eine zu große Hürde.

"Die 5.000 Sondervisa der Regierung sind zu wenig", meint Glees. Auch die Zollbestimmungen, die im Zuge des Brexit in Kraft traten, sieht Glees im direkten Zusammenhang mit den jetzigen Engpässen. "Die Lieferanten aus der EU brauchen jetzt viel mehr Zeit als zuvor, für die sie nicht bezahlt werden", analysiert der Experte. Sie seien nicht bereit, leere britische Lastwagen dann mit EU-Waren für die Rückreise zu füllen.

Experte: "COVID-Jahr war 2020"

Glees ist empört darüber, dass die Regierung unter Johnson diese Zusammenhänge zu ignorieren scheint. "Er versucht dauernd, die Briten zu verdummen und behauptet, es habe keine echten Engpässe gegeben, die hohe Nachfrage oder die Coronakrise sei schuld", sagt der Politologe.

Das "echte COVID-Jahr" sei 2020 gewesen. "Und da gab es diese Schwierigkeiten überhaupt nicht", erinnert Glees. Der Unterschied zwischen 2020 und 2021 liege allein im Eintreten der Brexit-Abmachung. "Mittlerweile hat die Regierung die Probleme immerhin anerkannt und versprochen, die Zukunft werde fantastisch sein, Großbritannien werde das erfolgreichste Land auf dem Planeten – die Briten müssten bis dahin nur ausharren."

Brexit verschärft die Lage

Auch Politikwissenschaftler Klaus Stolz erkennt in der Lieferkrise eine Folgeerscheinung des Brexit. "Man darf es aber nicht nur darauf reduzieren", warnt Stolz. "Energie ist in der gesamten Weltwirtschaft derzeit sehr teuer und mit dem Rückgang der Pandemie herrscht wieder ein verstärkter Arbeitskräftebedarf", erklärt der Wissenschaftler. Das sei nichts spezifisch Britisches.

"Das Problem wird in Großbritannien durch den Brexit aber erheblich vergrößert", ist sich Stolz sicher. Europäer hätten keine freie Arbeitsplatzwahl mehr – viele Polen, Bulgaren und Rumänen arbeiteten deshalb nicht mehr in Großbritannien.

Quittung für Deindustrialisierung

"LKW-Fahrer in Großbritannien kamen aber auch häufig aus Ländern wie der Ukraine, Belarus oder Usbekistan, also außerhalb der EU. Der jetzige Arbeitskräftemangel ist nicht nur auf den Brexit, sondern generell auf die restriktive britische Einwanderungspolitik zurückzuführen", analysiert Stolz.

Die britische Regierung versuche, nur hochqualifizierte Arbeiter ins Land zu lassen - und bekomme nun die Quittung. "Auch in der Landwirtschaft, der Fleischproduktion und in der Pflege mangelt es an Arbeitskräften", sagt der Wissenschaftler.

Hausgemachte Probleme

Stolz sieht weitere hausgemachte Probleme: "Das britische Wirtschaftsmodell mit seinem großen Niedriglohnsektor ist in der aktuellen Situation hochproblematisch." Die Löhne, aber auch die Arbeitsbedingungen und langen Arbeitszeiten in vielen Sektoren seien höchst unattraktiv.

"Weder gewähren sie auskömmliches Einkommen, noch erlauben sie ein geregeltes Familienleben oder gesellschaftliche Teilhabe. Das ist für ein hochentwickeltes Land wie Großbritannien nicht nur politisch ein Armutszeugnis, es führt eben auch zu ökonomischen Problemen", sagt Stolz.

"Marktgläubige Briten"

Außerdem sei der Produktionssektor zu Gunsten des Dienstleistungssektors enorm heruntergefahren worden, es werde wenig vor Ort produziert und es müsse viel importiert werden. Das verschärft die Lage zusätzlich.

"Großbritannien ist deutlich stärker globalisiert als andere Länder, die Wirtschaft wird von internationalen Großkonzernen bestimmt, die häufig die Preise diktieren können", sagt Stolz. Etwas wie den deutschen Mittelstand gebe es nicht. "Die britische Regierung und große Teile der Gesellschaft sind extrem marktgläubig. Premierminister Boris Johnson bringt immer wieder die Hoffnung zum Ausdruck, dass der Marktmechanismus das Problem regelt, dass der Arbeitskräftemangel zu höheren Löhnen und diese wiederum zur Behebung des Arbeitskräftemangels führen. So einfach funktioniert das aber nicht."

Warum der Brexit selten Thema ist

Stolz weiß, warum der Brexit in Deutschland häufig als Ursache thematisiert wird, während der Zusammenhang in Großbritannien häufig abgestritten wird: "Die Regierung Johnson hat schließlich den harten Brexit durchgesetzt und auch die Labour-Party kann den Brexit nicht ins Spiel bringen, weil er für sie ein zentrales Trauma ist: Mit jeder Äußerung über den Brexit entfernen sich die Labour-Politiker weiter von ihrer Stammwählerschaft, die zu großen Teilen für den Brexit war." Meckere sie jetzt ständig über den Brexit, werde sie als schlechter Verlierer wahrgenommen, der nicht akzeptieren will, dass das britische Volk anders abgestimmt hat.

Stolz ist es wichtiger, auf eine andere Frage zu blicken - wie geht es weiter? "Die Ärmsten der Gesellschaft werden am härtesten getroffen. Energie- und Lebensmittelpreise steigen, gleichzeitig gibt es eine Sozialleistungskürzung", sagt Stolz.

Johnson habe bereits deutlich an Zustimmung verloren, künftig dürfte es noch turbulenter werden. "Die Verluste bei den Konservativen sind aber nicht gleichzeitig Gewinne für die Labour-Party, sie verliert aufgrund interner Streitigkeiten selbst an Wählern. Es läuft auf eine Fragmentierung des Parteiensystems hinaus, trotz des britischen Mehrheitswahlrechts", vermutet der Politikwissenschaftler.

Koalitionen und Minderheitsregierungen oder gar lange Sondierungsgespräch wie jetzt in Deutschland seien jedoch noch weitgehend Neuland in Großbritannien und würden das Vertrauen in die britische Politik weiter schwächen. Der gerettete Truthahn an Weihnachten – er wird kaum reichen.

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Über die Experten: Prof. Dr. Klaus Stolz ist Politikwissenschaftler und Professor für Britische und Amerikanische Kultur- und Länderstudien an der TU Chemnitz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Regionen und Regionalismus in Europa und das politische System Großbritanniens.
Prof. Dr. Anthony Glees ist britischer Zeithistoriker und Politologe. Er gilt als international renommierter Experte für europäische Angelegenheiten, Britisch-Deutsche Beziehungen sowie Sicherheits- und Geheimdienstfragen. Er ist emeritierter Professor der Universität Buckingham.

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