Im "Tatort – Der Welten Lohn" aus Stuttgart verwandelt sich ein alter Korruptionsfall in einen brutalen Machtkampf zweier Männer, die nichts und alles zu verlieren haben.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Iris Alanyali dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Im Wald liegt eine Joggerin, aber diese Tote ist nur Nebensache. Der neueste "Tatort" aus der Wirtschaftsmetropole Stuttgart ist der eiskalte Ringkampf zweier Manager, die ihre Talente für ein ganz anderes Business einsetzen: der gegenseitigen Vernichtung.

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Für die Zuschauer wird dieser Kampf zu einem spannenden und emotional packenden Schauspiel – und auch den aufrechten Beamten Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) fällt es nicht leicht, ihren Zorn über die Arroganz der Mächtigen im Zaum zu halten.

"Tatort" aus Stuttgart: Stereotyp eines unsympathischen Chefs

Mächtig ist erst einmal nur einer der beiden Kontrahenten, der Vorstandsvorsitzende Joachim Bässler von der Firma Rückert-Brenner in Stuttgart-Möhringen. Die tote Joggerin war Personalleiterin in seinem Unternehmen, einem international agierenden Autozulieferer. Bässler ist einer dieser Oberbestimmer, die glauben, Herr über 2000 Arbeitskräfte zu sein erteile die Befugnis und Befähigung zur Weltherrschaft.

Ob es in Sachen toter Personalleiterin denn immer noch kein Ergebnis gebe, werden die Kommissare angeschnauzt: "Wirtschaft ist Krieg", "Unser guter Ruf ist unser Kapital".

Von "der deutschen Vollkasko-Mentalität" hält er natürlich nichts, die Polizei wird "von meinen Steuergeldern bezahlt", und er selbst kann selbstverständlich alles besser: "Wenn ich so arbeiten würde wie Sie, wären hier aber die Lichter schneller aus als Sie am Schalter sind."

Der Wunsch nach Rache

Bässlers Gegner ist sein ehemaliger Mitarbeiter Oliver Manlik. Der war mal ein wichtiger Mann im Unternehmen, "Key Account Manager", zuständig für die Schlüsselkunden. Dann hat Bässler ihn geopfert. In einem Korruptionsskandal brauchte die Firma einen Schuldigen, den man den amerikanischen Behörden zum Fraß vorwerfen konnte.

Drei Jahre und vier Monate lang war Manlik im US-Gefängnis, "14 Körperverletzungen, zwei versuchte Vergewaltigungen" hat er hinter sich. Jetzt ist Manlik zurück. Und will Vergeltung – eigentlich nur im ursprünglichen Sinne: Er will ein Entgelt. In der Firmengarage fängt er seinen früheren Chef ab. Ordentlich hat Manlik die Posten auf einem Blatt Papier aufgelistet, das er Bässler überreicht: 8.485.851,91 Millionen für entgangenes Gehalt, Haftentschädigung, Anwaltskosten. 5,9 Millionen Euro Schmerzensgeld. Eine öffentliche Entschuldigung. "Das können Sie vergessen", sagt Bässler, steigt in sein Auto und fährt davon. Und diese Arroganz entzündet in Manlik den Wunsch nach Rache.

"Wie du mir, so ich Dir"

Der Kampf kann beginnen. Manlik mag zwar die Gründlichkeit eines schwäbischen Managers behalten haben, aber jetzt ist sie gepaart mit der Entschlossenheit eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat. Und mit speziellen Fähigkeiten, die er im Gefängnis gelernt hat. Barnaby Metschurat spielt Manlik mit der Coolness des einsamen Wolfes, der seinen Kriegszug aber plant wie früher die Power-Point-Präsentation.

Was sich nun in "Der Welten Lohn" entwickelt, ist eine rasant eskalierende Gewaltspirale, die die ordentlich und gesetzestreu agierenden Kommissare Lannert und Bootz erst einmal zu kaum mehr als sprachlosen Zuschauern verdonnert. Als auf Bässler ein Anschlag verübt wird, gerät Manlik in den Fokus der Beamten. Aber gleichzeitig ist er plötzlich der Verfolgte, als der Vorstandschef zum Gegenschlag ausholt.

Ein wahrer Widerling

Es gehört zu den Stärken dieses "Tatort", dass Autor Boris Dennulat und Regisseur Gerd Schneider (beide haben die Folge gemeinsam entwickelt) Bässler so ungebrochen als Widerling anlegen. Stephan Schad spielt Bässler mit einem frappierend unsympathischen Selbstbewusstsein, das umso wirkungsvoller ist, als es so nonchalant daherkommt. Bässler ist ein selbstherrlicher Widerling, der das Gespräch sucht, weil er sich so gerne reden hört: Um Befehle zu erteilen oder das einfache Volk an seiner geballten Worthülsen-Weisheit aus dem Motivationsseminar und vom Manager-Stammtisch teilhaben zu lassen.

Dieser Bösewicht ist vor allem deshalb so schrecklich, weil er so menschlich daherkommt – nur eben nicht mit jener Sorte Menschlichkeit, die Mitgefühl erregt, sondern die, die Angst macht. Die, bei der das Lachen über die Chuzpe im Halse stecken bleibt, weil die Figur so glaubwürdig ist. Ja, genau solche Typen gibt es – inzwischen wissen wir ja, dass solche Typen sogar Präsident werden können.

Gelungener "Tatort" mit einer mitreißenden Story

Oliver Manlik fliegen als Zielscheibe von Bässlers Kaltschnäuzigkeit erst einmal alle Sympathien zu, ein David, der gegen Goliath kämpft. Aber klug dosiert erfahren wir auch hier von Schattenseiten, von einer Familie zum Beispiel, die der ehrgeizige Workaholic vernachlässigt hat, lange bevor sie ihm den Rücken zukehrte. Wir sehen ein verwundetes Alphatier, das wild um sich zu beißen beginnt.

Und dann dürfen endlich Lannert und Bootz zum Zuge kommen. Die Kommissare arbeiten akribisch und korrekt – das mag vielleicht spießig sein, ist in diesem Fall aber eine ziemliche Beruhigung. Schließlich geht es um den Kampf des Rechtsstaates gegen eine entfesselte Wirtschaft. "Der Welten Lohn" zeigt ihn als packendes menschliches Drama, in dem der Kampf der Helden so unterhaltsam ist wie ihr Untergang tröstlich.

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