RB Leipzig hat mit dem Sieg gegen den FC Bayern ein Ausrufezeichen gesetzt. Trotz aller sportlichen Erfolge steht der Verein vor einer ungewissen Zukunft und steuert auf eine Identitätskrise zu. Wie sehr ist er bereit, alte Strukturen aufzubrechen? Es gibt essenzielle Fragen, die der Klub für sich beantworten muss.

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Timo Werner nimmt den Ball von Naby Keita perfekt mit, läuft noch ein paar Meter und schließt trocken ins lange Eck ab. Sven Ulreich ist ohne Chance, das fulminant aufspielende RB Leipzig dreht das Spiel und gewinnt dieses letztlich mit 2:1 gegen den auch in dieser Bundesliga-Saison meist übermächtigen FC Bayern: Am vergangenen Sonntag trug sich ein weiteres Highlight in der imposanten Erfolgsgeschichte eines Vereins zu, der vor einer Dekade nicht mal existierte. Und es ist ein Fingerzeig an die nationale Konkurrenz: Die leichte Formdelle ist passé, die erneute Champions-League-Qualifikation wieder fest im Visier.

Und dennoch: Der Blick des Tabellensechsten und Europa-League-Viertelfinalisten in die mittelfristige Zukunft ist ein ungewisser. Mit Naby Keita wird das Herz des Leipziger Mittelfelds den Klub verlassen und in der kommenden Saison das Trikot des FC Liverpool überstreifen. Zudem gibt es Unruhen um wichtige Akteure, die maßgeblich an der Erfolgsgeschichte des Vizemeisters mitgeschrieben haben.

Es drohen gravierende Veänderungen

Zwischen Trainer Ralph Hasenhüttl und Sportdirektor Ralf Rangnick soll es aller Dementi zum Trotz Differenzen geben. Es heißt, eine vorzeitige Trennung im Sommer ist möglich, sollte sich der Coach zieren, seinen bis 2019 laufenden Vertrag zu verlängern. Der FC Bayern, seit Monaten auf der Suche nach einem Trainer für die kommende Saison, wird diese Entwicklung sehr genau beäugen.

Doch auch beim Spielerkader drohen einschneidende Veränderungen. Um Timo Werner ranken sich seit Monaten Gerüchte um einen Wechsel zu einem Top-Klub. Spielt der 22-Jährige eine erfolgreiche WM, werden diese neue Nahrung erhalten.

Und jüngst meldete ein italienisches Online-Portal, dass auch Emil Forsberg den Verein verlassen könnte. Demnach ist der FC Bayern der Top-Favorit auf eine Verpflichtung des Schweden.

Noch sind dies nur Gerüchte, doch auch diese deuten an, dass die heile RB-Leipzig-Welt künftig gröbere Risse bekommen könnte. Zumal der Verein auf eine Identitätskrise zusteuert und die Verantwortlichen essenzielle Frage für den Verein beantworten müssen: Soll an alten Vorgaben festgehalten werden? Oder ist es mittel- und langfristig das Ziel, den FC Bayern häufiger als nur ein-, vielleicht zweimal pro Saison zu ärgern? Beides lässt sich auf Dauer kaum kombinieren.

Regeln, die auch mal gebrochen werden

In der Vergangenheit hatte sich der von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz gesponserte Klub in den meisten Fällen an seine einst intern gesetzten Regeln gehalten: Kein Spieler verdient mehr als drei Millionen Euro im Jahr und Neuzugänge sollen nicht älter als 23 Jahre alt sein. Eine weitsichtige Transferpolitik, die auch der Sportdirektor zuvor so angekündigt hatte. "Ich gehe mit dem Geld um, als wäre es mein eigenes", versicherte Rangnick bereits vor längerer Zeit und versuchte so, den Kritikern, die RB vornehmlich als Spielball eines Multi-Milliardärs ansahen, den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Dass Leipzig nach dem Aufstieg 2016 45 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben hatte - einzig der FC Bayern und der BVB investierten damals mehr - passte allerdings nur bedingt in dieses propagierte Bild.

Mit der Verpflichtung des damaligen Leverkuseners Kevin Kampl im August 2017 zeigte Leipzig, dass auch selbst gesetzte Regeln hier und da gebrochen werden. Der zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alte Kampl wechselte für 20 Millionen Euro zu den Roten Bullen, die "Bild" nannte ein Jahresgehalt von vier Millionen Euro.

Doch um mit den Großen der Branche - insbesondere aus England und Spanien - im Wettbieten um namhafte Spieler sowie Top-Talente auch künftig mithalten zu können, werden Jahresgehälter im unteren einstelligen Millionenbereich, so wie bisher, kaum mehr ausreichen. Zu überhitzt ist der Transfermarkt - und eine Abkühlung ist derzeit nicht in Sicht.

Altes Mateschitz-Interview zeigt Ohnmacht des Klubs auf

Das beweist auch das Beispiel Naby Keita. Der Mittelfeldspieler wechselte im Juli 2016 von Red Bull Salzburg - der fast wie ein Ausbildungsverein des deutschen Bundesligisten agiert - nach Leipzig. Aufgrund zum Teil famoser Leistungen im Trikot der Sachsen wurde der FC Liverpool schnell auf ihn aufmerksam und lässt sich den 23-Jährigen 75 Millionen Euro kosten. Für Keita lohnt sich dieser Deal am meisten: Er soll bei den Reds ein Jahresgehalt im zweistelligen Millionenbereich verdienen.

Die Ohnmacht, die wohl alle Bundesligisten bis auf den FC Bayern beim Versuch verspüren, wechselwillige Profis zu halten, wird in einem Interview deutlich, das Red-Bull-Boss Mateschitz im Sommer des vergangenen Jahres gegeben hatte. Der "Sport Bild" sagte er damals: "Wir verkaufen auch keine Spieler, die noch unter Vertrag stehen, nur um viel Geld zu verdienen. Ein Beispiel: Kürzlich flatterte uns ein 75-Millionen-Euro-Angebot für Naby Keita ins Haus. No way! Er hat noch einen Vertrag und den wird er auch erfüllen."

Wenige Monate später war der Wechsel fixiert, das Interview kommt mittlerweile wie ein Treppenwitz daher. Und es zeigt: Selbst die Abermillionen, die Mateschitz zur Verfügung stellt, sind kein Allheilmittel. Und es ist nur schwer vorstellbar, dass andere talentierte RB-Profis anders als Keita handeln werden, sollten die Big Player der Branche mit ihren Geldscheinen wedeln.

Bayern-Jagd auf Dauer nur mit Etat-Erhöhung möglich

Dabei hatten auch Hasenhüttl und Rangnick in einem Interview im Oktober vergangenen Jahres - ebenfalls mit der "Sport Bild" - noch betont, dass ihr Verein mehr als nur eine Durchgangsstation für ambitionierte Youngster sei. "Wir bilden sie aus, um mit ihnen erfolgreich zu sein", sagte Rangnick damals. Hasenhüttl ergänzte: "Mir macht es Freude, mit jungen, hungrigen Spielern zu arbeiten und sie an ihr Maximum zu führen. Hier zünden alle die nächste Stufe."

Keita zündete diese Stufe wie kaum ein anderer in Leipzig, sportlich profitieren wird davon bald aber der FC Liverpool. Um aber auch künftig nicht nur ein Ausbildungsverein zu sein, wird die alte RB-Vereinsphilosophie kaum mehr ausreichen. Erst recht, wenn die Ansprüche aufgrund der sportlichen Erfolge weiter steigen.

Mit einem Lizenzspieleretat von kolportieren 45 Millionen Euro ist RB Leipzig in diesem Bereich weit von der nationalen Spitze entfernt. Der FC Schalke 04 pumpt derzeit etwas mehr als 50 Millionen Euro in den Lizenzspielerkader, der BVB hat die 100-Millionen-Euro-Schallmauer vor knapp zwei Jahren durchbrochen, der FC Bayern schwebt diesbezüglich ohnehin in ganz anderen Sphären.

Der aufstrebende Emporkömmling aus Sachsen steht an einem Scheideweg. Ist er künftig bereit, seine einst festgesetzten Regeln über den Haufen zu werfen? Die Beantwortung dieser Frage scheint essenziell für den weiteren Werdegang dieses Vereins zu sein.

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