Immerhin trifft er wieder. Drei Tore bei der peinlichen Niederlage im "kleinen Derby" gegen Bochum, zwei Tore beim 3:1 gegen den VfL Wolfsburg - die fünf Spiele andauernde Torflaute von Erling Haaland ist überwunden. Dennoch: Haalands Auftritte strahlen etwas anderes aus als noch vor einigen Monaten.

Christopher Giogios
Eine Kolumne
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Die Dortmunder Liebe zum Norweger hat gelitten

Von seinem unbändigen Willen und dem Ehrgeiz in jeder Aktion ist inzwischen nicht mehr viel zu sehen. Teilweise lustlos trottet der Norweger über den Platz, oft abwinkend, wenn er nicht zu seinen Torabschlüssen kommt, im Gegenpressing nur bedingt involviert. Beim BVB wird traditionell gerne über Körpersprache gesprochen. Haaland war hierfür zuletzt nicht unbedingt ein Positivbeispiel.

In Anbetracht der nahezu täglichen Schlagzeilen über seine Zukunft fällt es schwer, die Wechselambitionen des Stürmers nicht mit diesen Auftritten in Verbindung zu bringen. Die hässliche Wahrheit ist: Es wäre für den Verein am besten, wenn sich die Wege im Sommer trennen.

Die BVB-Fans sind schmerzhafte Abschiede von absoluten Leistungsträgern gewohnt und so spürt man förmlich, wie die Liebe zum 21-Jährigen in den letzten Wochen gelitten hat. Stadionsprecher Norbert Dickel kann noch so enthusiastisch seine Erling-Haaland-Wechselgesänge ins Mikrofon schreien, die Intensität der Sprechchöre lässt dennoch hörbar nach.

Der Umbruch muss ohne Haaland stattfinden

Im kommenden Sommer steht in Dortmund ein großer Umbruch an. Zu viele hoch dotierte Verträge durchschnittlicher Bankspieler, zu wenig Konkurrenzkampf, ein zu unausgewogener Kader - bis auf die zahlreichen Youngster knirscht es an allen Ecken und Enden. Die Vereinsführung glaubt (noch) an Marco Rose, er soll mit einem Kader arbeiten dürfen, der seinem Spielsystem entspricht. Und dann wäre da noch Michael Zorc, der nach 17 Jahren als Sportdirektor das Zepter an Sebastian Kehl übergeben wird.

Wonach sich die Fans sehnen, ist eine Mannschaft, die die viel beschworenen Grundtugenden von Borussia Dortmund verkörpert. Eine Mannschaft, die besser ist als die Summe ihrer (zweifellos hochbegabten) Einzelteile. All das hat der BVB in den letzten Jahren vermissen lassen. Es ist allerdings keine Vision, die sich mit einem Spieler wie Erling Haaland verwirklichen lässt. Einem Spieler, der nicht mehr glaubhaft verkörpern kann, dass er zu einhundert Prozent Teil des Vereins sein möchte.

Er war und ist immer ein wenig größer als der Verein, ob in der Berichterstattung, den Gehaltsvorstellungen, oder der Art und Weise, wie er mit seinem Wechselvorhaben umgeht. Die Kritik am Verein, der ihn angeblich unter Entscheidungsdruck gesetzt hätte, seine Weigerung, sich nach einer Verletzung einer MRT-Untersuchung zu unterziehen – all das spricht Bände über seine derzeitigen Prioritäten. So richtig kann man es ihm nicht einmal übelnehmen, schließlich steht er kurz davor, der bestbezahlte Spieler der Premier League zu werden.

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Mehr Variabilität statt Ein-Mann-Sturm

Auch sportlich würde der BVB seinen Wechsel verkraften. Sicher: Haaland ist ein "generational talent". Die Dortmunder haben allerdings bewiesen, dass sie ohne ihn vielleicht sogar eine variablere Offensive auf die Beine stellen können. Man denke nur an das furiose 3:2 gegen RB Leipzig in der vergangenen Saison, als Marco Reus, Jadon Sancho und Thorgan Hazard die Leipziger Abwehr ohne ihn schwindlig spielten. So sehr man von Haalands irrsinniger Durchschlagskraft als Zielstürmer profitiert hat, Spieler wie Donyell Malen und auch Youssoufa Moukoko könnten das Vakuum für sich nutzen.

Außerdem gibt es da ja noch Gerüchte um einen gewissen Karim Adeymi von RB Salzburg. Mit der kolportierten Ausstiegsklausel in Höhe von 75 Millionen Euro für Haaland wäre sicherlich ein gewisser Spielraum vorhanden, um offensiv auf dem Transfermarkt nachzulegen.

Der BVB wird sich von einem Wechsel erholen. Das hat man auch nach Götze, nach Lewandowski, nach Dembele, nach Sancho. Im Sommer hätte man zudem die Gelegenheit, einen nachhaltigen Kaderplan zu entwerfen. Einen anderen Ausnahmespieler hat man glücklicherweise ja noch in seinen Reihen, der auf und neben dem Platz genau das verkörpert, wofür der BVB stehen möchte. Der hört allerdings auf den Namen Jude Bellingham.