Die japanische Bevölkerung schrumpft. Lesen Sie hier, welche Ursachen dahinterstehen und welche Konsequenzen der Rückgang nach sich ziehen könnte.

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Die japanische Bevölkerung ist im vergangenen Jahr so stark geschrumpft, wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Nachrichtenagentur AFP vermeldet einen Rückgang um 800.523 auf 122,4 Millionen Menschen, wie eine Erhebung des Ministeriums für innere Angelegenheiten ergeben hat. Mit sinkenden Geburtenraten haben viele Industrieländer zu kämpfen. Doch in Japan gestaltet sich die Problematik besonders drastisch: 2022 war das 14. Jahr infolge mit einer sinkenden Bevölkerungszahl.

Nur das Fürstentum Monaco hat eine ältere Bevölkerung als Japan. Das japanische Durchschnittsalter liegt bei rund 49 Jahren, im Stadtstaat Monaco liegt es bei 54,5 Jahren. Dementsprechend drastisch warnte Regierungschef Fumio Kishida bereits im Januar 2023 im Parlament: "Unsere Nation steht am Scheidepunkt, ob sie ihre gesellschaftlichen Funktionen aufrechterhalten kann. Wenn es um die Geburten- und Erziehungspolitik geht, heißt es jetzt oder nie – das ist ein Thema, das einfach nicht länger warten kann." Die Geburtenrate - im Jahr 2022 wurden weniger als 800.000 Kinder geboren - muss also dringend gesteigert werden.

Geringe Geburtenrate: Japan-Expertin erklärt die Ursachen

Doch das wird aller Voraussicht nach alles andere als ein Selbstläufer. Denn wie die Ostasien-Korrespondentin des NDR, Kathrin Erdmann, im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt, hat die geringe Geburtenrate vielfältige Ursachen: "Es gibt verschiedene Gründe: Die Kindererziehung ist sehr kostspielig. Das liegt nicht nur an der Ausstattung wie Schuluniform und Schulranzen, sondern vor allem an den sogenannten Paukschulen, die nahezu alle Kinder nach der Schule besuchen, um in Prüfungen besser abzuschneiden." Laut einem Report des YuWa Population Research Instituts, aus dem Reuters zitiert, sind weltweit nur China und Südkorea noch teurer. Auch diese beiden Länder verzeichnen einen Bevölkerungsrückgang.

Neben den finanziellen Ursachen stünden aber auch soziokulturelle Faktoren, sagt Erdmann: "Junge Frauen sind auch glücklich ohne Kinder und junge Männer sind gerne Single. Darüber hinaus kann man teilweise von einer ’lustlosen Gesellschaft’ sprechen. Der Soziologe Masahiro Yamada von der Chuo Universität hat darüber einen Vortrag gehalten, ich habe mit einem Sexualtherapeuten und einem sexlosen Paar gesprochen und darüber einen Beitrag gemacht. Frauen haben teilweise lieber ein Haustier als einen Mann. Dazu kommt, dass das Konzept ‘Heirat aus Freundschaft‘ relativ verbreitet ist. Ich habe mit Paaren gesprochen, die hatten nicht einmal in der Hochzeitsnacht Sex. Und dann ist die Schlussfolgerung relativ einfach: Wo kein Sex ist, kann – wenn man von künstlichen Methoden absieht – auch kein Kind entstehen."

Weitere Faktoren seien die sehr langen Arbeitszeiten, die jungen Menschen das Kennenzulernen erschweren, sowie unsichere Beschäftigungsverhältnisse: "Es gibt Statistiken, dass sich 40 bis 50 Prozent der Frauen vorstellen können, Hausfrau und Mutter zu werden. Sie wollen aber auch versorgt werden. Das heißt, der Mann braucht ein sicheres Einkommen oder ein großes Vermögen. Das können ihnen die Unternehmen aber nicht bieten, die Verdienste sind dafür zu gering", erklärt Erdmann.

Das sind die Folgen des Bevölkerungsrückgangs

Das hat offenbar auch Regierungschef Kishida erkannt. In seiner Rede vor dem japanischen Parlament hatte er angekündigt, die junge Generation finanziell besser absichern zu wollen. Doch das allein wird nicht reichen, sagt Erdmann: "Vielen Frauen sind sehr gut ausgebildet und wollen erst einmal Karriere machen. Außerdem wird in den Schulen auch nicht gelehrt, dass ein Kind etwas sehr Schönes sein kann. Ein Kind wird nicht als Bereicherung gesehen. Diese Denkweise müsste man langfristig auch ändern." Problematisch sei darüber hinaus der sich selbst verstärkende Kreislauf: Weil es jetzt weniger junge Frauen in gebärfähigem Alter gebe, werde sich die Zahl der Geburten auf absehbare Zeit auch nicht signifikant steigern lassen.

Die Folgen dieser Abwärtsspirale könnten gravierend ausfallen und alle gesellschaftlichen Teilbereiche betreffen. "Japan hat traditionell viele mittelständische Unternehmen, denen jetzt schon Personal fehlt. Wenn die Erwerbsbevölkerung weiter zurück geht, bedeutet das auch immer weniger Steuereinnahmen. Das hat wiederum Einfluss auf die Gesamtgesellschaft. Infrastruktur wird zurückgebaut und Investitionen für Unternehmen rechnen sich nicht mehr", beschreibt Erdmann die Auswirkungen. Laut "Tagesschau" mussten zwischen 2002 und 2020 über 8.500 Schulen schließen und mehr als 1.000 Kilometer Buslinien werden jedes Jahr gestrichen.

Der Rückbau von Infrastruktur hat weitere Folgen, auf die die Japan-Expertin aufmerksam macht: "Die Provinz verödet weiter und die Menschen ziehen weg. Viele Häuser stehen leer und niemand kümmert sich darum." Darüber hinaus seien Unternehmen am Leben gehalten worden, die gar nicht profitabel waren. "Die Reallöhne stagnieren, das Land ist bei seinen Bürgern verschuldet und eigentlich sagt man schon seit Jahrzehnten, dass es einen Ausweg braucht", sagt Erdmann.

Japan ist ein Serviceland

Doch bisher hat das Land keinen Ausweg gefunden. Die jahrelange lockere Geldpolitik, die Haruhiko Kuroda an der Spitze der Bank of Japan unter Schirmherrschaft des ehemaligen Regierungschefs Shinzo Abe durchgeführt hat, soll aber schon bald Geschichte sein. Denn der Yen ist schwach, die Importe sind teuer und der Druck auf die Staatsfinanzen wächst. Der neue Mann an der Spitze der Bank of Japan ist Kazuo Ueda. Die Auswahl eines Wirtschaftswissenschaftlers gilt als Zeichen, dass es Regierungschef Kishida tatsächlich um eine nachhaltige Lösung geht.

Der Ökonom Takahide Kiuchi kommentiert dazu im Magazin "Nikkei Asia": "Anders als Abe versucht Kishida nicht, Wachstum durch Geldpolitik anzufachen." Während die Sanierung der Staatsfinanzen ihre Zeit brauchen wird, spüren die Japaner die schwierige wirtschaftliche Lage auch an Kleinigkeiten.

"Japan ist ein Serviceland. Der Handwerker ist selbstverständlich pünktlich. Wenn er auch nur fünf Minuten zu spät kommt, ruft er an. Handwerker-Termine bekommt man, im Gegensatz zu Deutschland, sehr zeitnah und es gibt auch viele 24-Stunden-Geschäfte. Wenn sich der Service verändert – und da geht es um Kleinigkeiten –, merken das die Japaner. So kann man sich den Koffer vom Flughafen nach Hause bringen lassen; selbst, wenn man in einem Dorf wohnt. Früher ging das am selben Tag, heute dauert es schon einmal zwei Tage," erzählt Erdmann.

Expertin Erdmann: "Man kann das Problem allein mit Geld nicht lösen"

Auch an den Supermarktkassen, die zunehmend auf Selbstzahlung umgestellt würden, und in der Pflege bemerke man die Auswirkungen. "Gerade in der Pflege versucht Japan viel mit Robotern auszugleichen. Aber einen Menschen kann man eben nicht ersetzen", sagt die Ostasien-Korrespondentin. Fachkräftemangel herrsche auch in vielen weiteren Bereichen.

Deshalb will die Regierung viel Geld investieren und ein großes Programm zur Steigerung der Geburtenrate auflegen. Doch Erdmann ist skeptisch, ob das ausreicht: "Man kann dieses Problem nicht allein mit Geld lösen. Es ist zwar gut, wenn beispielsweise jedes Kind einen Kita-Platz bekommt, aber auch die Unternehmen müssen mitspielen und gute Rahmenbedingungen schaffen. Eigentlich hat Japan weltweit mit die besten Bedingungen für Elternzeit – aber das wissen viele Japaner nicht. Ich kann es nur wiederholen: Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das einer gesamtgesellschaftlichen Lösung bedarf."

Weil Japan ein Land mit hohem Arbeitsethos ist, versucht sich die Regierung auch an Gesetzen und Empfehlungen, die Menschen länger in Beschäftigung halten sollen: "Es gibt viele fitte alte Leute, die arbeiten wollen. Darüber versucht man, die Rentenlücke zu schließen. Das wird aber nicht ausreichen. Ein Land wie Japan, das keine Ressourcen hat, braucht Innovationen und Fachkräfte. Und Innovationen – das ist keine Altersdiskriminierung – entstehen eher durch junge Leute", sagt die Expertin.

Viel Geld für In-vitro-Fertilisation: "Tropfen auf den heißen Stein"

Eine höhere Zahl jener jungen Leute versucht das Land primär durch eine Erhöhung der Geburtenrate zu generieren. Dafür stecke die Regierung gerade besonders viel Geld in die In-vitro-Fertilisation, sagt Erdmann: "Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein und eigentlich verschenktes Geld, denn viele Frauen sind dann schon relativ alt. Ein kultureller Wandel wäre viel wichtiger, also dass es beispielsweise auch akzeptiert wird, ein Kind ohne Heirat zu bekommen. Doch das ist bislang sehr unüblich."

Weil ein solcher gesamtgesellschaftlicher Wandel und die Erhöhung der Geburtenrate ein Langzeitprojekt sind, muss sich die japanische Regierung auch dem unliebsamen Thema Einwanderung widmen. Der Mangel an Arbeitskräften veranlasst das Land, über seine vergleichsweise strengen Gesetze nachzudenken.

"Japan ist eine Inselnation mit 125 Millionen Einwohnern und hat Einwanderung einfach sehr lange nicht gebraucht", gibt Kathrin Erdmann zu bedenken. "Außerdem tut sich das Land generell mit Neuerungen schwer. Die Politik wirbt auch nicht offen mit einem solchen Wandel.

Einwanderung nach Japan: Hohe Anforderungen sind das großes Problem

Japan ist im Vergleich zu anderen Industrieländern in seiner Bevölkerungsstruktur sehr homogen. Dementsprechend gering ist der Anteil an Ausländern an der Gesamtbevölkerung. Noch vor der Pandemie hatte die Regierung zwar ein Programm für Hochqualifizierte aufgelegt, doch die Zahlen blieben – auch aufgrund der Corona-Auswirkungen – hinter den Erwartungen zurück. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt muss deshalb über eine Migrationspolitik nachdenken. Es sei "höchste Zeit", die Einwanderungsregeln zu überdenken, sagt Toshihiro Menju, der Direktor der unabhängigen Stiftung "Japan Center for International Exchance", laut "Tagesschau".

Ähnlich sieht das auch Kathrin Erdmann: "Das Fachkräftegesetz zur Einwanderung wurde im Sommer erweitert und zumindest Hochqualifizierte können dauerhafte Aufenthaltsgenehmigungen erhalten. Sie müssen aber hohe Anforderungen erfüllen." So sei das sogenannte Facharbeitervisum, das es für zwölf Branchen gibt, in zwei Klassen aufgeteilt: "Klasse eins erhält ein nicht erneuerbares Visum, darf fünf Jahre bleiben und Familiennachzug ist nicht erlaubt. Darüber sind 150.000 Menschen gekommen. Das Visum der Klasse zwei, das immer wieder neu beantragt werden kann, bei dem der Familiennachzug erlaubt ist und das also eine dauerhafte Bleibeperspektive eröffnet, haben Stand März 2023 ganze elf Menschen erhalten."

Die hohen Anforderungen seien ein großes Problem, sagt Erdmann: "Denn Japan steht auch in Konkurrenz zu anderen Ländern. Im Zweifel gehen Fachkräfte dann eben in Länder mit niedrigeren Hürden." Es gebe in Japan verschiedene Prüfungen, die Sprache und ihre Schrift seien extrem schwierig und teilweise müssten bereits im Vorfeld Sprachkenntnisse nachgewiesen werden.

Deutschland sieht sich als Einwanderungsland – Japan nicht

Im Vergleich zu Japan sei beispielsweise Deutschlands Punktesystem für hochqualifizierte Arbeitskräfte nach einer Studie der OECD mit der Bertelsmann-Stiftung beliebter. "Das könnte auch an der menschlichen Seite von Einwanderung liegen", meint die Korrespondentin. "In Deutschland sprechen viele Menschen Englisch und es gibt viele verschiedene Kulturen. In Japan existiert Vielfalt so nicht. Englisch wird kaum gesprochen und es ist sehr schwierig, anzukommen."

Das Selbstverständnis sei eben ein anderes. "Deutschland sieht sich als Einwanderungsland, Japan nicht. Für viele junge Deutsche ist es selbstverständlich, in einer multikulturellen Gesellschaft aufzuwachsen. In Japan müssen dagegen sogar Asylbewerber, die seit 30 Jahren dort leben und die Sprache beherrschen, oft wieder gehen. Die Anerkennungsquote für Asylbewerber ist sowieso sehr gering. Aus der Abschiebehaft kann man sich mittlerweile, wenn man einen Bürgen hat, freikaufen. Aber es wird einfach viel Potential verschenkt, das Einwanderung bieten würde", erklärt Erdmann.

Eine Debatte über die Staatsbürgerschaft, wie es sie in Deutschland gibt, sei in Japan undenkbar. Die Frage für die Zukunft werde daher auch sein, ob mehr junge Leute Japan verlassen. "Das könnte das Problem noch weiter verschärfen", resümiert Erdmann. Das wäre für die Weltwirtschaft, zu deren drei wichtigsten Stützen Japan gehört, mehr als beunruhigend.

Über die Person:
Kathrin Erdmann ist seit September 2018 Ostasienkorrespondentin für die ARD in Tokio. Sie hat am Otto-Suhr-Institut (OSI) in Berlin Politikwissenschaften studiert. 2011 wurde sie in der Kategorie Reportage mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet.

Verwendete Quellen:

  • bertelsmann-stiftung.de: Deutschland fällt zurück im internationalen Wettbewerb um Top-Talente
  • nikkei.com: Kazuo Ueda: Next BOJ chief inherits world’s toughest central bank job
  • reuters.com: Bringing up a child costlier in China than in U.S., Japan – research
  • tagesschau.de: Japan braucht Kinder – "jetzt oder nie"
  • tagesschau.de: Mehr Zuwanderung – in Japan noch tabu
  • telefonisches Interview mit Kathrin Erdmann



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