Der Islamische Staat warnt: Der Nahe Osten werde für die USA zu einem "neuen Vietnam". Doch was steckt hinter der Drohung der Miliz und welche Risiken birgt der Kampf gegen den Terror?

Wie ein Nachrichtensprecher sitzt der Mann im orangefarbenen Overall hinter dem Tisch und trägt seinen Text vor. Es ist die Botschaft des Terrors, die John Cantlie verkündet. Verkünden muss. Denn der 43-Jährige ist seit fast zwei Jahren Geisel des selbsternannten Islamischen Staats (IS). Nun zwingt die Terrormiliz den Briten dazu, ihre Worte in die Welt zu senden und streut die Videos im Internet.

Diese Worte künden von einem langen Kampf gegen den Terror - einen, den der Westen nicht gewinnen könne, glaubt man den Kriegern des IS. "Seit Vietnam haben wir kein solches Chaos mehr gesehen", muss Cantlie vortragen.

Verzweifelt hatten die USA in den 1960ern und 70ern versucht, Südvietnam zum Sieg über den kommunistischen Norden zu verhelfen. Mehrere Millionen Menschen starben in dem Krieg, der erst 1975 endete, als der Norden den Süden eroberte. Für die USA wurde Vietnam zum Desaster: Trotz unzähliger Bodentruppen und Luftangriffe konnte die Armee den Norden nicht bezwingen. Auch wegen des Einsatzes giftiger Chemikalien wie Agent Orange protestierten hunderttausende Menschen in den USA und der ganzen Welt gegen den Krieg.

Seitdem steht Vietnam als Sinnbild für einen aussichtslosen Kampf, der auch mit massiven Mitteln nicht zu gewinnen ist. Das weiß auch der Islamische Staat, wenn er die Botschaft vom "neuen Vietnam" für seine Propaganda aufgreift. Doch wie ernst ist die Lage für die USA im Nahen Osten wirklich? Droht ein neues Debakel?

Luftangriffe setzen IS unter Druck

Stephan Rosiny vom GIGA Institut für Nahost-Studien in Hamburg ist sich sicher: Die Drohung des IS ist aus der Not geboren. "Der Islamische Staat ist aufgrund der jüngsten Luftangriffe massiv unter Druck." Denn mit der Eroberung von Territorium habe sich die Miliz verschätzt. Erstmals sei sie dadurch verwundbar, werde nun selbst zum leichten Ziel für Angriffe. Die Ansprache sei deshalb vor allem ein Appell an die eigenen Anhänger, durchzuhalten und den Konflikt auszuweiten.

Der Einsatz westlicher Bodentruppen wäre kontraproduktiv, meint der Wissenschaftler. Da die USA dafür kaum ein UNO-Mandat bekämen, müssten sie Völkerrecht brechen – insbesondere in Syrien, wo Baschar al-Assad um seine Macht fürchtet. Ohnehin sei es eine weise Entscheidung, keine Boden-Soldaten zu schicken, glaubt Rosiny. Denn sonst würde nur eine Ansicht gestärkt, die der IS verbreitet: "Das Bild vom Islamischen Staat, der von westlichen Kreuzrittern angegriffen wird." Das würde noch zu einer Solidarisierung anderer Milizen mit dem IS führen.

Einsatz von Bodentruppen verspricht wenig Erfolg

Allerdings könnten weder Luftschläge noch Bodentruppen verhindern, dass der IS wieder in den Untergrund geht und von dort Terroranschläge verübt. Hiergegen bedürfe es einer umfassenderen Strategie. Mit dieser Meinung ist Rosiny nicht allein. "Es geht nicht nur um den Kampf gegen den IS an sich, sondern gegen die Ideologie dahinter", sagt ein ehemaliger Oberst der Bundeswehr. Anders als bei klassischen Aufstandsbewegungen könne die Idee eines Islamischen Staats überdauern, letztlich auch unter anderem Namen. "Ein Wandel muss deshalb von Innen kommen und nicht von Außen", erklärt der Fachmann.

Dennoch wolle er nicht ausschließen, dass doch einmal Soldaten in Syrien oder Irak einmarschieren, etwa kleine Einheiten an Spezialkräften. Denn die IS-Miliz verstehe es bestens, schweres Gerät wie Panzer und Artillerie mit Guerilla-Taktiken zu kombinieren und so gerade den kurdischen Peschmerga zuzusetzen. "Niemand kann sagen, was in den nächsten zwei oder drei Jahrzehnten passiert" – doch so lange könne der derzeitige Umbruch im Nahen Osten noch dauern. Selbst wenn ein "neues Vietnam" im Moment wohl mehr Wunschdenken des IS als Realität ist, dürfte die Terrormiliz die Welt also noch Jahre beschäftigen.