• Mit einem Durchschnittsalter von 50,8 Jahren ist Suhl die älteste Stadt Deutschlands.
  • Wie wirkt sich das auf die Lebenswirklichkeit der jungen Generationen aus?
  • Ein Besuch in einer Stadt, die gegen die Überalterung kämpft.

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Lukas Prautsch sprüht vor Energie, wenn er von seiner Musik erzählt. Der 22-jährige Suhler produziert unter seinem Künstlernamen "Leftlukas" Tracks, die elegant zwischen Elektropop, Hip Hop und Singer-Songwriter changieren.

Er sei ständig in ganz Deutschland unterwegs, sagt Lukas, um sich mit Produzenten zu treffen und an neuen Ideen zu basteln. Etwa die Hälfte seiner Zeit verbringt er in Berlin bei seiner Freundin. Und seine Heimat Suhl?

"Im Alltag bin ich nicht mehr oft in Suhl unterwegs", sagt Lukas. "Ich habe gerne auch Zeit für mich. Und da schätze ich Suhl als eine ruhige Ecke, wo ich entspannen und Energie tanken kann."

Generell beobachte er nicht mehr so oft, dass sich seine Altersgenossen in der Stadt treffen. Viele sind weggezogen, um zu studieren oder weil sie einen Job gefunden haben. Die alten Freunde wohnen jetzt in Berlin oder Leipzig.

Ein Trend, der bereits seinen Anfang nahm, bevor Lukas Prautsch überhaupt geboren war. Und bis heute anhält. 1988 erreiche Suhl mit 56.345 seine höchste Einwohnerzahl. Doch seit der Wende geht es stetig bergab. 2018 waren es nur noch 34.835 Einwohner. Zurück bleiben meist die Alten.

Überalterung zeigt sich im Stadtbild

"Wenn man durch Suhl läuft, merkt man auch als Außenstehender schnell, dass das keine junge Stadt ist." Das sagt Justin Walther, Vorsitzender der Jusos Südthüringen.

Es fehle einfach die Altersgruppe der Mittzwanziger bis Anfang Dreißiger, erklärt Walther. "Die machen hier nur einen Bruchteil aus, weil Suhl leider stark von Abwanderung betroffen ist."

Die Gründe liegen für Walther auf der Hand: "Es fehlt seit Jahren und Jahrzehnten eine Einrichtung, wo sich Jugendliche in der Freizeit treffen können." Zwar gebe es durchaus Jugendeinrichtungen, "aber solche Sachen wie Clubs und Bars sind rar geworden, weil die nach und nach schließen mussten."

Einerseits beschreibt Walther Suhl als eine familienfreundliche Stadt. "Es gibt genügend Wohnraum, Einkaufsmöglichkeiten, gesundheitliche Versorgung, Schulen, Kindergärten. Suhl versucht attraktiv für Familien zu sein, indem man Wohnraum schafft." Doch andererseits fehlten einfach die Freizeitmöglichkeiten. Und die sind für junge Erwachsene eben entscheidend.

Es ist ein Teufelskreis. Junge Menschen finden keine attraktive Angebote und ziehen weg. Dadurch sterben auch die Clubs und Bars, die sich bis dahin noch gehalten haben.

Fehlende Hochschule, wenig Kultur – junge Leute haben es schwer in Suhl

Auch Lukas Prautsch kennt das Problem. Es gebe in Suhl keinen Club für junge Leute, berichtet er. Ein Freund von ihm hatte es probiert, musste mit seinem Lokal aber schnell wieder schließen. Immerhin seien die Menschen kreativ und organisierten Festivals, berichtet der Musiker. Beim Straßentheaterfestival sei er regelmäßig dabei und präsentiere seine Musik. Und diesen Sommer fand erstmals das SOS-Festival statt, bei dem Lukas als Opener für die Band Glasperlenspiel auf der Bühne stand.

Trotz all dieser Bemühungen sieht Justin Walther in Suhl völlig andere Voraussetzungen als etwa im benachbarten Ilmenau. Diese Stadt ist fast exakt so groß wie Suhl, hat aber laut Walther einen entscheidenden Standortvorteil – eine Hochschule. "Dort hat man ein ganz anderes Bild", so Walther. Die Technische Universität Ilmenau ziehe junge Leute an, wodurch es mehr kulturelle Angebote gebe.

Zumindest an Arbeitsplätzen scheint es nicht zu mangeln in Suhl. So wurden über ein vom Bundesarbeitsministerium gefördertes Programm jungen Menschen aus Kroatien, Bulgarien und Griechenland Ausbildungsplätze in Suhl vermittelt.

In Suhl kann man einen Blick in die Zukunft Deutschlands werfen

"Suhl und die Region sind durch mittelständische Unternehmen geprägt", sagt Justin Walther. "Eine größere Firma fehlt." Vor allem gebe es viel Handwerk und Produktion, seltener moderne Digitalunternehmen. "An möglichen Arbeitsplätzen scheitert es nicht, die Region und Suhl haben eine niedrige Arbeitslosenquote. Aber es fehlen junge Leute, und deswegen muss um junge Arbeitskräfte geworben werden."

Insgesamt sei Südthüringen jedoch eine ländliche Region, die Berufsperspektiven nicht wie in den großen Städten, das Lohnniveau niedrig. "Da ist der Hang zu größeren Städten oder westlichen Bundesländern einfach vorhanden", so Walther.

Abwanderung der Jugend, Überalterung der Gesellschaft – in Suhl kann man einen Blick in die Zukunft werfen, wie sie vielen kleinen und mittelgroßen Städten bevorsteht. Eine Zukunft, vor der Wissenschaftler immer wieder warnen.

2019 (im letzten Vor-Corona-Jahr), wurden in Deutschland ca. 778.000 Kinder geboren. Die Geburtenrate von 1,54 lag etwas unter dem europäischen Durchschnitt. Lange nicht genug, um der Umkehrung der Alterspyramide entgegenzuwirken.

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Wie Überalterung die Städte prägen wird

Das stellt auch das Statistische Bundesamt fest. Nach einer Erhebung ist die Zahl der 65-Jährigen und Älteren von 12 Millionen im Jahr 1991 auf 18 Millionen im Jahr 2019 deutlich angestiegen. Gleichzeitig stieg der Anteil der Über-65-Jährigen von 15 % auf 22 %. Tendenz steigend.

Diese Entwicklung hat massive finanzielle Folgen. Immer mehr Menschen im Rentenalter, immer weniger Erwerbstätige – das Rentensystem steht unter Druck. Und auch die Krankenkassen stehen vor Finanzierungsproblemen, wenn die Gesundheitskosten steigen.

Städte werden sich verändern und der Bevölkerung anpassen. In einer Stadt mit hoher Altersstruktur könnte das zum Beispiel heißen: mehr barrierefreies Wohnen, bessere öffentliche Verkehrsmittel, mehr Arztpraxen, aber weniger Schulen und Spielplätze.

Dass sich die Altersstruktur in Suhl in der Politik widerspiegelt, beobachtet auch Justin Walther: "Es gibt hier den Seniorenbeirat, ein Gremium, das dem Stadtrat zuarbeitet. Es fehlt aber an einem Gegengewicht für die Jugend."

So kämpft Suhl gegen die Überalterung

Walther engagiert sich deshalb als jugendpolitischer Sprecher der Suhler SPD-Stadtratsfraktion. Dabei will er einen Stadtratsbeschluss für eine kinder- und jugendfreundlichere Stadt erreichen. Ziel ist es, Projekte für Kinder und Jugendliche anzustoßen – "von Spielplätzen, Renovierungen von Turnhallen und Schulen bis hin zum freien WLAN in der Innenstadt", wie es auf der Website der Jusos heißt.

Generell wünscht er sich mehr politische Beteiligung von jungen Menschen. "Man kann auf jeden Fall mehr für die Jugendpolitik tun", so Walther. Immerhin existiert ein Jugendförderplan der Stadt, der Kinder-, Jugend- und Schulsozialarbeit fördert. Und im Jugendhilfeausschuss sitzen Schülersprecher mit beratender Stimme.

Eine ganz andere Art von Jugendpolitik findet zum selben Zeitpunkt in der Jugendschmiede statt. In dem Suhler Jugendkulturzentrum haben sich Jugendliche versammelt, um an den U18-Wahlen zum Bundestag teilzunehmen.

Danach diskutieren Mitja, Chrissi und Shenja mit Sozialarbeiterin Dorothea Roth über die Stadt Suhl. Wie fühlt es sich an, als junger Mensch hier zu leben?

Ist eine Hochschule die Lösung gegen die Überalterung in Suhl?

"Verglichen mit Großstädten begegnen einem im Alltag mehr ältere als junge Menschen", ist die erste Antwort. "Ab 19 Uhr sind die Straßen und die Innenstadt ziemlich leer." Und auch das Hochschulthema kommt wieder auf. Da es eine solche nicht gebe, fehle es auch an studentischen Clubs und subkulturellen Gruppierungen. Was letztlich auch den Fortschritt bei Themen wie der Digitalisierung ausbremse. Car-Sharing, E-Scooter – so etwas gibt es in Suhl nicht.

Und wie könnte man die Stadt wieder attraktiver machen für junge Menschen? Ein soziokulturelles Zentrum, attraktive Ausbildungsplätze, besserer öffentlicher Nahverkehr sind einige der Punkte, die genannt werden. Vor allem aber der politische Wille, eine Stadt für junge Menschen zu werden und diese in ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen.

Auch Justin Walther hat klare Vorstellungen zu dem Thema: "Ideal wäre eine Hochschulansiedlung", sagt der Jungpolitiker. "Wenn man bessere Ausbildungs- und Studiumsmöglichkeiten schafft und den Jugendlichen zeigt, dass man von der Stadt auch möchte, dass sie hier bleiben, dann zieht das viel nach sich. Dann siedeln sich Clubs, Bars, Freizeitmöglichkeiten an."

Lukas Prautsch bastelt derweil an einem neuen Video. Noch tut er das in seinem kleinen Heimstudio im elterlichen Haus. Doch das wird sich bald ändern. Wohin sein Weg führen wird, weiß Lukas ganz genau: Nach Berlin.

Über die Gesprächspartner:

  • Lukas Prautsch ist Musiker und Produzent aus Suhl und tritt unter dem Künstlernamen Leftlukas auf.
  • Justin Walther studiert Museumspädagogik in Leipzig. Er ist Vorsitzender der Jusos Südthüringen.
  • Dorothea Roth ist Sozialarbeiterin im Jugendkulturzentrum "Jugendschmiede" in Suhl.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Lukas Prautsch
  • Gespräch mit Justin Walther
  • Gespräch mit Dorothea Roth
  • Website des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales: Sonderprogramm MobiPro-EU
  • Website des Statistischen Bundesamtes: Ältere Menschen
  • Blog der Jusos Südthüringen: "Kinder- und Jugendstadt Suhl"
  • Freies Wort (15. August 2019): Chance für junge Menschen und Unternehmen
  • mdr.de: Alterung in Thüringen schreitet immer weiter voran

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