Der französische Präsident trägt Kapuzenpulli im Élysée-Palast. Doch das ist kein modischer Fauxpas, sondern politisches Kalkül.

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Ein Foto aus dem Élysée-Palast macht im Netz die Runde: Emmanuel Macron mit Dreitagebart, Aktenstapel unter dem Arm und lässig hochgezogener Augenbraue. Besonders auffallend ist jedoch sein Outfit: Statt Anzug und Krawatte trägt er diesmal einen schwarzen Kapuzenpulli.

Emmanuel Macron: Volksnah und leger

Wozu die Aufregung, schließlich war Wochenende! Da rasiert man sich nicht unbedingt und kleidet sich schließlich auch etwas bequemer, oder?! Dass Macrons Fotografin auf Instagram expliziert darauf hinwies, dass das Foto an einem Sonntag entstand, lässt durchblicken, welche Message dahintersteckt: Im weltpolitischen Ausnahmezustand macht ein französischer Präsident selbstverständlich Überstunden – auch am Wochenende.

Dabei ist der Lässig-Look des 44-Jährigen weder Zufall, noch modischer Fauxpas. Anfang April steht in Frankreich die erste Runde der Präsidentschaftswahlen an; um wiedergewählt zu werden, muss sich Macron gut verkaufen. Wie das geht, weiß der routinierte Selbstdarsteller und gibt sich deshalb gerne locker, cool, volksnah – bei jungen Wählerinnen und Wählern kommt so ein Hoodie bestimmt gut an.

Starke Botschaft des französischen Staatschefs

Und dann ist da noch der Schriftzug auf der Brust: "CPA 10". Die Abkürzung steht für "Commando parachutiste de l'air no 10", eine Fallschirmspringer-Elitetruppe der französischen Luftwaffe, zuständig für Anti-Terror-Operationen, Eroberung hochwertiger Ziele ("High Value Targets"), Neutralisierung, Sabotage…

Kein Zweifel, was der französische Staatschef der Welt damit sagen will: In Kriegszeiten muss man (militärische) Stärke zeigen. Ob das modische Säbelrasseln in Moskau ankommt?

Internationale Vorbilder

Da kommt es Macron sicher nicht ungelegen, dass seine Inszenierung viele an seinen ukrainischen Amtskollegen erinnert. Womöglich ist es sogar Kalkül, um das eigene Image zu boosten? Immerhin steht ein Großteil Europas aktuell hinter Wolodymyr Selenskyj, der in Videobotschaften und auf Fotos hauptsächlich Pullis und Shirts in Camouflage trägt.

Viele feiern Macron jedenfalls für seinen entspannten Look, andere finden seinen Auftritt unseriös bis anbiedernd. Eine ähnliche Erfahrung machte auch Olaf Scholz. Der trug auf dem Rückflug aus den USA einen grauen Pulli, der für so manchen Geschmack etwas zu leger wirkte.

Womöglich inspiriert vom deutlich lässigeren Dresscode im Weißen Haus? Man denke nur an Barack Obama, der sich im gemütlichen Zipper-Pulli um Staatsgeschäfte kümmerte und bei öffentlichen Auftritten ständig neue coole Bomberjacken trug. Darauf angesprochen antwortete er übrigens mal: "That’s what I do." Von soviel Coolness darf man sich getrost inspirieren lassen. Und auch wenn nicht: Solange sich Scholz und Macron nicht mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd präsentieren, ist alles gut.

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