Erst vor ein paar Wochen legte ein internationales Forscherteam Beweise dafür vor, dass sich der Golfstrom im Atlantik in den vergangenen 70 Jahren um 15 Prozent abgeschwächt hat. Doch was passiert wirklich, wenn der Golfstrom abbricht? Steht uns dann eine neue Eiszeit bevor?

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Zur Erinnerung aus dem Erdkundeunterricht: Als Teil eines großen Strömungssystems, welches den gesamten Atlantik betrifft, versorgt der Golfstrom unter anderem Nordeuropa mit warmem Wasser. Palmen in Irland wären zum Beispiel ohne den Golfstrom nicht denkbar.

Der Golfstrom entspringt vor Westafrika, zieht über den Atlantik zur Karibik und trägt das warme Wasser von dort über Florida Richtung Europa in den Nordatlantik bei Grönland. Dort gibt er Wärme ab, wird kälter, fällt Richtung Meeresboden und zirkuliert in einem Zickzackkurs zurück in die Tropen.

Vermutlich bedingt durch den Klimawandel, so die Forscher der jüngsten Studie des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), verlangsame sich der Golfstrom.

Der Ozean südlich von Grönland kühle sich durch die zunehmende Eisschmelze ab, da das heranströmende Wasser nicht mehr so rasch in die Tiefe sinken könne. Gleichzeitig erwärme sich die Meeresregion entlang der US-Ostküste. Kommt der Golfstrom also in absehbarer Zeit ganz zum Erliegen?

"The Day after Tomorrow" - Wird das Horrorszenario Realität?

Was angeblich passieren soll, wenn der Golfstrom versiegt, hat der Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow" 2004 bildgewaltig gezeigt.

Die Szene der zu Eis erstarrten Freiheitsstatue in New York blieb im Gedächtnis haften. Doch wie steht es um den Wahrheitsgehalt? Könnte tatsächlich eine neue Eiszeit über die nördliche Hemisphäre hereinbrechen?

Ulf Karsten, Professor für Angewandte Ökologie und Phykologie an der Universität Rostock, ist mit derartigen Prognosen vorsichtig. Er betont, dass der Golfstrom eine natürliche Variabilität und Schwankungen habe. "Man geht derzeit nicht davon aus, dass der Golfstrom irgendwann zum Erliegen kommt", so Karsten.

Würde der Golfstrom zum Erliegen kommen, so Karsten, wäre das Szenario aus dem Film durchaus realistisch. "So könnte die nördliche Hemisphäre im Atlantik bei einem Zusammenbruch in der Tat aussehen", so Karsten. Es könne sich eine neue Eiszeit entwickeln.

Levke Caesar vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) war die Leitautorin der oben genannten Studie. Sie betont, dass Daten aus der Klimageschichte der Erde zeigen, dass die Atlantische Umwälzbewegung schon mehrfach durch starken Schmelzwasserzufluss zum Erliegen gekommen sei.

Dass der Golfstrom irgendwann versiegt, liegt für sie also durchaus im Bereich des Möglichen. "Allerdings können wir nicht quantifizieren, wie groß die globale Erwärmung sein muss, damit dies passiert.

Durch Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad, wie im Pariser Klimaabkommen vorgesehen, könnten wir das Risiko aber minimieren", so Caesar.

Gemäß den aktuellsten Forschungsergebnissen sei es zwar sehr wahrscheinlich, dass sich die Atlantische Umwälzbewegung im Verlauf des 21. Jahrhunderts weiter abschwäche, aber es sei sehr unwahrscheinlich, dass das System in dieser Zeit komplett zum Erliegen komme.

Welche Länder wären besonders betroffen?

Der gesamte nordöstliche Atlantik wäre von einem Zusammenbruch betroffen, so Ulf Karsten. "Ganz Westeuropa, Skandinavien, die Ostküste von Nordamerika, in gewisser Weise aber auch das nördliche Westafrika."

"Wenn wir uns ansehen, welches Klima in den nördlichen Vereinigen Staaten und in Kanada im Winter vorherrscht, dann sehen wir, was es für uns bedeuten würde, wenn die Warmwassermassen vor unserer Haustüre nicht mehr zur Verfügung stünden", so Karsten.

"Eine Landwirtschaft, wie wir sie heute haben, wäre dann sicherlich nicht mehr möglich", betont der Experte. "Es würde deutlich kälter werden, wir hätten strengere Winter und auch die Sommer wären kälter. Wir hätten ein wirklich ganz anderes Klima."

Anstieg des Meeresspiegels, neue Intensität von Stürmen

Schon die Abschwächung des Golfstroms, so Levke Caesar, bringt Veränderungen mit sich.

"Mehrere Studien haben beispielsweise gezeigt, dass eine Verlangsamung des Golfstromsystems den Anstieg des Meeresspiegels an der US-Küste für Städte wie New York und Boston verschärft. Andere zeigen, dass die damit verbundene Veränderung der atlantischen Meeresoberflächentemperaturen das Wetter in Europa beeinflusst, wie zum Beispiel die Zugbahnen und Intensität von Stürmen, die vom Atlantik kommen", so Caesar.

Würde die Strömung komplett zum Erliegen kommen, ist sich die Expertin sicher, wären die Auswirkungen wesentlich drastischer.

Weltweite Auswirkungen des Zusammenbruchs

Ein Zusammenbruch des Golfstroms könnte globale Trends mit fatalen Konsequenzen auslösen.

Welche das sein könnten, sei allerdings noch nicht vollständig geklärt, so Levke Caesar. "Ein Versiegen des Golfstromsystems würde zu einem verstärkten Anstieg des Meeresspiegels in großen Teilen des Atlantiks führen. Aber auch die Monsun-Zirkulation, zum Beispiel in Afrika und Asien, sowie die Position der Intertropischen Konvergenzzone [Tiefdruckband in Äquatornähe, Anm. d. Red.] werden durch das Golfstromsystem beeinflusst."

Ulf Karsten betont, dass der Golfstrom Teil eines globalen Strömungssystems sei. "Wenn der Golfstrom tatsächlich zum Erliegen käme, dann hätte das zur Folge, dass dann die anderen Strömungssysteme auch nicht mehr funktionieren."

Die globale Erwärmung und der Treibhauseffekt könnten durch den Zusammenbruch des Golfstroms somit weiter verstärkt werden, betont Caesar. "Modellstudien zeigen, dass eine starke Abschwächung des Golfstromsystems die Aufnahme von atmosphärischen Kohlendioxid durch den Ozean verringert, wodurch die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre schneller steigt."

Paradox: Erwärmung schreitet voran und wir müssen frieren

Die fortschreitende globale Erwärmung könnte zu dem paradoxen Phänomen führen, dass gleichzeitig extreme Winter auf der Nordhalbkugel vorherrschen werden.

Wie kalt es genau werden würde, sei laut Ulf Karsten schwer zu sagen. "Viele Orte, die wir jetzt als Menschen bewohnen können, wären dann nicht mehr so leicht bewohnbar. Auch die Sommer würden natürlich in Folge eines Zusammenbruchs deutlich kühler werden", so der Experte. "Die Jahreszeiten, wie wir sie seit Jahrtausenden kennen, wären dann hinfällig."

Bei der letzten Kaltzeit seien Mittel- und Nordeuropa nicht bewohnbar gewesen, weil sie unter einem Eispanzer lagen, so Karsten.

"Wenn es zu so einer massiven Abkühlung kommen würde, hätte das drastische Konsequenzen für viele Menschen auf der Erde. Wir in Mitteleuropa, in Deutschland, wären davon sehr stark betroffen.´"

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