In sozialen Netzwerken kursiert die Behauptung, es habe 2020 in Deutschland trotz der Corona-Pandemie eine "Untersterblichkeit" gegeben. Dazu werden die Todesfälle der Jahre 2017 bis 2020 verglichen. Ein Faktencheck zeigt jedoch: Die verwendeten Zahlen belegen diese Aussage nicht.

Eine Kolumne
von CORRECTIV.Faktencheck - Fakten für die Demokratie

Auf Facebook wird behauptet, dass 2020 in Deutschland weniger Menschen gestorben seien als in den Vorjahren. Es habe eine "Untersterblichkeit" gegeben.

Recherchen von CORRECTIV.Faktencheck zeigen: Die Zahlen, die diese Behauptung stützen sollen, sind größtenteils falsch. Außerdem liegt eine Auswertung der Zahl aller 2020 verstorbenen Menschen durch das Statistische Bundesamt noch gar nicht vor.

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Angebliche Sterbefallzahlen der Jahre 2017 bis 2020.
Ein Facebook-Beitrag vergleicht angebliche Sterbefallzahlen der Jahre 2017 bis 2020.

Noch keine Gesamtauswertung 2020 veröffentlicht

Der Facebook-Beitrag wurde am 29. Dezember veröffentlicht. Die Zahlen, die auf dem Bild zu sehen sind, sollen einem "Stand 23.12.2020" entsprechen.

Auf Nachfrage von CORRECTIV.Faktencheck schrieb ein Sprecher des Statistischen Bundesamtes jedoch: "Daten mit einem Stand vom 23.12. haben wir nicht veröffentlicht."

Weiter sagte der Sprecher, dass eine Gesamtauswertung der Zahlen aus dem Jahr 2020 am 29. Dezember auch nicht vorlag. "Wie auch immer die Zahlen für 2020 errechnet wurden, ob durch Hochrechnung der fehlenden Wochen oder simples Weglassen: Es sind keine amtlichen Zahlen."

Nur vorläufige Zahlen liegen bis Mitte Dezember 2020 vor

Woher die Zahl der 863.175 Todesfälle im Jahr 2020 aus dem Facebook-Beitrag stammt, ist also unklar. Das Statistische Bundesamt hat bisher nur die vorläufigen Sterbefallzahlen für den Zeitraum Januar bis 13. Dezember 2020 veröffentlicht. Bis zum 13. Dezember ermittelte das Statistische Bundesamt 921.989 Todesfälle.

Im Vergleich der wöchentlichen Sterbefallzahlen 2020 mit dem Durchschnitt der Vorjahre 2016 bis 2019 errechnet das Statistische Bundesamt mehrfach eine Übersterblichkeit.

Vor allem seit der 42. Kalenderwoche (Mitte Oktober) stiegen die Zahlen an. In der zweiten Dezemberwoche lag die Zahl der Todesfälle 23 Prozent oder 4.289 Fälle über dem Durchschnitt der Vorjahre. So die vorläufige Auswertung des Amtes.

Die Zahlen für 2017 und 2019 im Bild auf Facebook sind falsch

In den Jahren 2017 und 2019 starben in Deutschland insgesamt weniger Menschen als in dem Bild auf Facebook angegeben.

2017 waren es laut der Datenbank des Statistischen Bundesamtes 932.272 Tote (statt 939.520) und 2019 gab es 939.520 Todesfälle (statt 941.882). Nur die Zahl für das Jahr 2018 stimmt, in diesem Jahr starben tatsächlich 954.874 Menschen.

Es wird außerdem behauptet, dass in Deutschland angeblich 2.650 Menschen pro Tag "am natürlichen Tod" sterben. Dafür gibt es keine Belege. Was der "natürliche Tod" sein soll, wird in dem Beitrag nicht erklärt. Das Statistische Bundesamt nennt als Beispiele für natürliche Todesursachen Herz-Kreislauferkrankungen oder Krebs. Als nicht-natürliche Todesursachen werden Verletzungen oder Vergiftungen genannt.

Im Jahr 2019 starben laut einer Auswertung des Amtes 4,4 Prozent der Menschen (insgesamt 41.779) an solchen nicht-natürlichen Todesursachen. Auf dieser Grundlage lässt sich berechnen, dass 2019 pro Tag durchschnittlich rund 2.459,6 Menschen in Deutschland an natürlichen Todesursachen wie Krankheiten starben.

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