Einer französischen Studie zufolge könnten Raucher besser vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 geschützt sein. In der neuesten Folge des NDR-Podcasts "Coronavirus Update" zweifelt Professor Christian Drosten aber an diesem Effekt. Außerdem spricht er über Schul- und Kitaöffnungen und seine eigene Rolle in den Medien.

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Es war eine Meldung, die nach Fake-News klang. Eine französische Studie kam kürzlich zu dem Schluss, dass ausgerechnet Raucher unter den COVID-19-Patienten unterrepräsentiert seien.

Lediglich rund fünf Prozent der erfassten Patienten in der Studie der Pariser Universität Sorbonne waren tägliche Raucher, während der Anteil von Rauchern an der Bevölkerung in Frankreich bei rund 25 Prozent liegt.

Die französischen Wissenschaftler vermuteten daraufhin vereinfacht gesagt, dass durch Nikotin Rezeptoren blockiert werden könnten, die das neuartige Coronavirus aufnehmen. Kann Rauchen also vielleicht sogar vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 schützen? In Frankreich führte die Meldung jedenfalls dazu, dass Nikotinpflaster gehamstert wurden.

Weniger Infektionen bei Rauchern?

"Es ist schon ein frappierender Kontrast, der sich in der statistischen Auswertung ergibt", sagte Professor Christian Drosten in der neuesten Ausgabe des NDR-Podcast "Coronavirus-Update" am Dienstag. "Nur damit man das versteht: Hier geht es nicht darum, dass die Krankheit bei Rauchern milder verläuft. Da gibt es andere klinische Daten, die besagen, dass Raucher ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf haben", erklärte Drosten.

"Die jetzige Untersuchung sagt, dass Raucher sich mit einer geringeren Häufigkeit infizieren", führte der Virologe weiter aus. "Die Zahlen sind so frappierend kontrastiert, dass ich glaube, dass da irgendwo ein Fehler drin sein muss", erklärte er: "Ich kann es nicht erklären und ich will es auch nicht erklären. Das müssten die Autoren schon selbst machen."

Bislang handelt es sich bei der Studie lediglich um eine Vorveröffentlichung. Drosten zeigte sich überzeugt, dass bei der abschließenden Begutachtung andere Erklärungen für die Zahlen gefunden würden.

Kleinere Klassen und Unterricht im Freien

Ein anderes Thema im Podcast waren die schrittweisen Schulöffnungen in Deutschland. Diese bleiben nach der Einschätzung des Virologen ein Risikofaktor, bestimmte Voraussetzungen müssen beachtet werden.

"Wir sehen in den Daten einen Trend und einen Hinweis, dass die jüngeren Kinder einen Tick weniger empfänglich für die Erkrankung sind", erklärte Drosten: "Deshalb würde ich in der logischen Konsequenz sagen: Grundschulen und Kitas sind die ersten Ziele für Öffnungen."

Der Virologe plädierte für weniger Kinder in den Kita-Gruppen und kleinere Klassen in den Grundschulen, die jetzt im Sommer beispielsweise auch draußen unterrichtet werden könnten. Auch für ältere Schüler, etwa Abiturienten, müssten spezielle Bedingungen geschaffen werden, um das Risiko von Ansteckungen zu minimieren.

"Wie in einer Kneipe in Ischgl"

"Auf einem Pausenhof mit älteren Schülern, die im Bereich von 17, 18 Jahren alt sind und dicht gedrängt ständen, hätten wir eine Situation wie in einer Kneipe in Ischgl. Und das müssen wir vermeiden", sagte Drosten. Pausenhöfe sollten also besser geschlossen bleiben, auch müsste es Ausnahmen für bestimmte Schüler geben. Wenn etwa ein Kind einen herzkranken Vater habe, der zur Risikogruppe gehöre, müsse es möglich sein, dieses Kind von der Anwesenheitspflicht zu befreien und weiter online zu Hause zu unterrichten.

Polarisierung in den Medien stört Drosten

Zum Abschluss stellte der Direktor des Institutes für Virologie an der Berliner Charité noch einmal klar, dass dies lediglich Ratschläge sind und Wissenschaftler keine politischen Entscheidungen treffen. In der Coronakrise komme Wissenschaftlern eine beratende und unterstützende Rolle zu, Entscheidungen müssten aber Politiker treffen.

"Es geht im Moment in die falsche Richtung", erklärte Drosten: "In den Medien wird die Wissenschaft zu sehr polarisiert. Nicht nur ich als Person. Mittlerweile nennen Politiker meinen Namen in Talkshows, was ich eine Unverschämtheit finde und eine völlige Irreführung der Öffentlichkeit und der politischen Meinungsbildung."

Statt sich auf die Inhalte der Diskussion zu beschränken, werde die Aufmerksamkeit auf eine Person gelenkt, der man alle möglichen Eigenschaften anhängen könne. "Das ist wirklich so langsam gefährlich. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in ein ganz schlechtes Fahrwasser kommen", ärgerte sich Drosten: "Wir müssen uns stattdessen einfach immer wieder fragen: Wie kann uns in der jetzigen Phase die Wissenschaft wieder helfen?"

Der Personenkult um Professor Drosten führt sogar so weit, dass der Kabarettist Bodo Wartke zuletzt einen Song über den NDR-Corona-Podcast geschrieben hatte. Immerhin daran hatte der Virologe seinen Spaß. "Das hat mich total gefreut. Wir haben laut darüber gelacht", sagte er.

Professor Dr. Christian Drosten ist Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité und einer der führenden Virus-Forscher Deutschlands. Der 48-Jährige gilt als Mitentdecker des SARS-Virus. Unmittelbar nach dem Ausbruch SARS-Pandemie 2003 entwickelte er einen Test auf das neu entdeckte Virus, wofür er 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. In der aktuellen Corona-Krise ist der gebürtige Emsländer ein gefragter Gesprächspartner, zwei Mal pro Woche gibt er Auskunft zur aktuellen Lage.

Pläne für Antikörpertest in Deutschland werden konkret

Eine mögliche Immunität gegen das Coronavirus sollen in Kürze auch in Deutschland millionenfache Antikörpertests untersuchen. Noch im Mai soll damit im großen Stile gestartet werden.