Kein Shutdown, keine Grenzschließung, keine Kontaktverbote. Schweden ist in der Coronakrise einen liberalen Sonderweg gegangen. Selbst Schulen und Restaurant sind offen geblieben. Doch auch dort fallen nun die Infektionszahlen - und für die zweite Welle hat Schweden nun womöglich einen enormen Vorteil. Denn in Stockholm sind schon sehr viele Menschen immun.

Wolfram Weimer
Eine Kolumne
von Wolfram Weimer

Schwedens Staatsvirologe Anders Tegnell spaltet die Gemüter. Er trägt weder Anzüge noch Medizinerkittel. Er vermeidet jedes Pathos und Wissenschaftlergehabe. Im Strickpullover erklärt er mit lässiger Onkelhaftigkeit den Schweden seit Wochen seine Strategie zur Pandemie-Bekämpfung.

Staatsvirologe Tegnell brachte Schweden auf den Corona-Sonderweg

Und die hat es in sich. Denn Tegnell hat in Schweden einen mutigen Sonderweg durchgesetzt. Anders als fast alle westlichen Staaten hält man im Tegnell-Schweden nichts von radikalen Massen-Quarantänen mit wochenlangen Ausgangssperren und Kontaktverboten.

Shutdowns mit extremen Freiheitsbeschränkungen und einer ruinösen Vollbremsung der Volkswirtschaft kritisiert Tegnell offen als Fehler. Eine "Pumpbromsa"- Strategie wie in Deutschland sei der falsche Weg.

Pumpbromsa heißt im schwedischen die Stotterbremse - man könne ganze Gesellschaften nicht erst voll bremsen, dann wieder anfahren und möglicherweise nochmal vollbremsen. Tegnell hält pauschale Abschottungen an Grenzen oder Schulschließungen sogar für "völlig sinnlose Maßnahmen“.

Coronavirus: Kritik wegen hoher Todesopfer

Tegnells Strategie, mit offenen Schulen, Geschäften, Restaurants und einer weiter laufenden Wirtschaft lieber einer intelligenten Selbstkontrolle der Bürger zu vertrauen, ist hoch umstritten. Kritiker werfen ihm vor, Schweden habe damit einen hohen Opferzoll zu zahlen.

Sie verweisen darauf, dass in Schweden schon 4.000 Menschen an Corona gestorben seien. Das sind 396 Todesopfer pro Million Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland (100), Dänemark (97) und Norwegen (sogar nur 43) sind es viel weniger Todesopfer.

Die Verteidiger Tegnells führen ins Feld, dass er die Kollateralschäden Schwedens viel kleiner gehalten habe. Nicht nur die Wirtschaft komme viel besser durch die Krise als die in vielen Lockdown-Staaten. Auch bei medizinischen (die Unterversorgung anderer Krankheiten in der Pandemie) und sozialen Nebenschäden (von häuslicher Gewalt bis zu Selbstmorden) sei Schweden nicht so negativ betroffen.

Trotz der liberalen Strategie sei im übrigen die Opferquote in Schweden viel niedriger als in strengen Lockdown-Staaten wie Italien (542 Tote je Million Einwohner), Spanien (615), Belgien (901) oder Frankreich (435). Das Offenhalten von Gesellschaft und Wirtschaft habe also nicht - wie von Kontaktsperren-Befürwortern mahnend vorhergesagt - zu einer Katastrophe geführt.

Tegnell: "Die Pandemie ebbt allmählich ab"

Tatsächlich fallen seit Ostern die Neuinfektions- und Todeszahlen auch in Schweden. "Die Pandemie ebbt allmählich ab", erklärt Tegnell dem Sender SVT. Die Gesundheitsbehörde in Stockholm meldet, dass seit dem 10. April der R-Wert relativ stabil bei rund 1,0 gelegen habe. Inzwischen soll dieser bei 0,85 liegen. Ähnlich wie in Deutschland - nur eben mit offenen Schulen und Restaurants.

Zwischen den Lagern in der Schweden-Debatte verweisen Mittler darauf, dass die Schweden zwar ein freiwilliges, aber doch auch aktives "Social distancing" praktiziert hätten. Insofern handele es sich nur um einen halben Sonderweg.

Die Bewertung von Schwedens liberalem Weg ist gleichwohl für die politischen Öffnungsdebatten in vielen anderen Staaten - auch in Deutschland - von großer Bedeutung. Denn wenn Schweden es mit weiträumiger Offenheit relativ gut durch die Krise schafft, dann fehlt mancher Regierung nicht bloß die Legitimation für fortgesetzte Kontaktsperren, Grenz- und Geschäftsschließungen.

WHO lobt Schwedens Sonderweg

Auch rückblickend erscheint dann die Lockdown-Strategie als falsch, fordert sie doch vielerorts einen sehr hohen Preis wirtschaftlichen und sozialen Schadens. Dass nun die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den schwedischen Weg ausdrücklich lobt, ist daher politisch für viele Regierungen Europas brisant.

Vor allem mit Blick auf das zweite Halbjahr werden manche Berater in Berlin, Rom, Paris und Madrid zusehends nervös. Denn in allen Lockdown-Staaten herrscht große Sorge vor einer möglichen zweiten Infektionswelle.

In Schweden hingegen hat Tegnell von Anfang an damit argumentiert, dass man eine offene Gesellschaft besser sanft und gezielt immunisiert als sie streng und nutzlos zu isolieren. Massenhafte Kontaktsperren führten nur dazu, dass der Erreger im Herbst wiederkehren werde, mahnte Tegnell bereits im März.

In Schweden seien heute viel mehr Menschen bereits immunisiert als in Deutschland. Tegnell sagt: "Wir liegen irgendwo bei 20 Prozent plus in Stockholm." Je mehr Menschen Antikörper hätten, desto langsamer breite sich das Virus aus, sagte Tegnell.

Risiko einer zweiten Corona-Welle sinkt

Man sehe bereits jetzt Zeichen für eine Immunität in der Bevölkerung. Damit sinke das Risiko einer zweiten Welle. Die sogenannte "Flockimmunitet" (Herdenimmunität) könnte am Ende dazu führen, dass Schweden zwar im März und April etwas schlechtere Zahlen hatte als in Deutschland und Dänemark. Im Herbst aber könnte sich das dann gewaltig drehen.

Tegnell ruft daher in dieser Woche seinen Kritikern zu: "Wir sind noch lange nicht am Ende der Straße angekommen, deshalb wissen wir nicht, wie das Endergebnis aussehen wird." Der gerne gescholtene, liberale Mann mit den Strickpullovern könnte dann die vielen strengen Herren in weißen Kitteln und Krawatten eines Besseren belehrt haben.

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