• Wir arbeiten, hetzen von A nach B und sind eigentlich immer irgendwie beschäftigt - so sehr, dass wir gefühlt kaum mehr Freizeit haben.
  • Anstatt in all diesen Stress Ruhe in Form von ausreichend Schlaf zu bringen, reizen wir die Abendstunden auch noch aus.
  • In dieser Zeit wollen wir nachholen, was uns an Freizeit zusteht - doch das birgt gesundheitliche Risiken.

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Der Tag war stressig, wir hatten viele Termine und eigentlich sehnen wir uns nur nach Ruhe und Freizeit. Wir wünschen uns den Moment des Tages herbei, an dem wir endlich Zeit für uns haben und tun können, was wir längst tun wollten.

Meist sind es dann aber weitere Beschäftigungen - Sport treiben, Bücher lesen, Serien schauen, Freunde treffen. In den wenigstens Fällen zählt hierzu jedoch Schlaf. Denn schlafen können wir ja später immer noch, oder etwa nicht?

"Revenge Bedtime Procrastination": Wenig Schlaf rächt sich

Mittlerweile gibt es mit "Revenge Bedtime Procrastination" sogar einen Begriff für das Phänomen des Schlafaufschubs: "Damit meinen wir das wiederholte viel zu späte Ins-Bett-Gehen, obwohl die Gelegenheit dafür gegeben ist und wir wissen, dass wir am nächsten Tag todmüde sein werden", erklärt die Psychologin und Buchautorin Anna Höcker ("Heute fange ich wirklich an!").

Doch warum neigen so viele Menschen zu diesem Verhalten? Wer zum ersten Mal den Begriff "Revenge Bedtime Procrastination" hört, stolpert womöglich über den Wortteil "Revenge", was aus dem Englischen übersetzt auch "Rache" bedeuten kann.

Anna Höcker erklärt, was dahintersteckt: "Durch diesen Wortzusatz wird implizit unterstellt, dass es sich um ein Verhalten handelt, das dazu dienen soll, sich Freizeit, Freude und Sinn in den Abendstunden wiederzuholen." Quasi ein kleines "Ätsch!" an den Alltag, in dem viele Menschen mit vielen Verpflichtungen konfrontiert sind.

Das mag eine grundsätzlich gute Idee sein, doch in der Praxis birgt sie Tücken. Denn: Wir schlafen somit weniger als wir eigentlich müssten, damit es uns richtig gut geht.

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Die Extra-Zeit wird vorm Bildschirm verschwendet

Ein weiterer Haken dabei: Die abends gewonnene Extra-Zeit verbringen viele nicht mit einem guten Buch, einem kreativen Hobby oder in der Badewanne - was ohnehin schon schlafraubend wäre-, sondern meist vor Bildschirmen. Diese Bildschirme strahlen zumeist LED-Beleuchtung und damit blaues Licht aus.

Immer mehr Studien warnen vor den gesundheitlichen Auswirkungen von "Blaulicht". Forscher der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin fanden beispielsweise heraus, dass blaues Licht chemische Reaktionen im Auge auslöst und dadurch das Gewebe schädigen kann. Laut ihrer Studie kann, wer aus kurzer Distanz länger als zehn Sekunden direkt in das Licht einer LED-Diode schaut, seine Netzhaut gefährden.

Die Pandemie habe dieses Verhalten verstärkt, sagt Alfred Wiater, der sich als Schlafmediziner und Autor ("Ticken Sie richtig?") mit dem Thema beschäftigt. Durch Homeoffice, Kinderbetreuung, Haushalt und Pandemie-Sorgen seien die Möglichkeiten für Freizeit und Erholung geschrumpft. "Da liegt es nahe, wenn abends endlich Ruhe eingekehrt ist, sich endlich einmal abzulenken", sagt Wiater.

Wenn aus dem Aufschub Schlafmangel wird

Was sich gegen 23:30 Uhr aber noch nach Selbstfürsorge und "Ich tue mir etwas Gutes, indem ich mir Zeit für mich gönne" anfühlt, kann für die Gesundheit auf Dauer unerwünschte Folgen haben. Denn "Schlafaufschieberitis" münde rasch in einem Schlafmangel, mit dem nicht zu spaßen sei, sagt Wiater.

Dass zu wenig Schlaf der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit einen ordentlichen Knick verpasst, wissen die meisten aus eigener Erfahrung. "Auch das Risiko für Fehler und Unfälle steigt durch ein Schlafdefizit", erinnert der Schlafmediziner. Schlechte Stimmung sei ebenfalls damit verbunden.

Doch nicht nur das: Das Immunsystem, das Herz-Kreislauf-System und der Stoffwechsel brauchen unbedingt ausreichend Schlaf, um gut und gesund arbeiten zu können. Die wahre Selbstfürsorge ist somit nicht das 20. niedliche Tiervideo im Internet, sondern eine Nachtruhe, die darauf ausgelegt ist, genug Schlaf zu bekommen.

Aber wie kommt man von der Schlafprokrastination wieder los? Indem wir sie uns schlichtweg abtrainieren, denn das geht tatsächlich. Prokrastination - ganz allgemein - ist ein Verhalten, das verlernt werden kann.

"Nur ein kleiner Teil der Menschen, die prokrastinieren, bedarf der professionellen Behandlung", sagt Wiater. Wer einen hohen Leidensdruck spürt und den Alltag wegen des ständigen Aufschiebens kaum bewältigen kann, kann über eine Psychotherapie nachdenken. Alle anderen können schon mit kleineren Veränderungen selbst etwas bewirken.

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Warum wollen wir nicht schlafen?

Als ersten Schritt rät Anna Höcker, sich zu fragen, welche Funktion die Schlafprokrastination für einen selbst hat. Geht es darum, sich fehlende Zeit für sich selbst zurückzuholen? "Dann sollte man mehr Freude, Leichtigkeit, Freiraum und Sinnstiftendes in den Tag holen, um nicht das Gefühl zu haben, dies von der Nacht stehlen zu müssen."

Das ist natürlich leicht gesagt angesichts dessen, dass viele Menschen ohnehin an der Grenze ihrer Belastbarkeit sind, weil sie Job und Familie jonglieren müssen - und das auch noch in Zeiten der Pandemie. Doch wer es schafft, sich beispielsweise bewusst kleine Inseln über den Tag zu setzen, in denen er durchatmet und etwas für sich tut - sei es auch nur die kleinste Kleinigkeit - wird eine Veränderung feststellen können.

Wer die Nachtruhe hingegen vor sich herschiebt, weil mit dem Moment des Licht-Ausknipsens Grübeleien einsetzen, kann sich vornehmen, die Probleme dahinter aufzuarbeiten. Sei es mit Büchern zum Thema Achtsamkeit oder konkreten anderen Bereichen, die denjenigen oder diejenige beschäftigen. Oder sei es, dass Betroffene sich am nächsten Tag Notizen machen und diese in bearbeitbare Themen aufgliedern.

Vielleicht ist der Biorhythmus schuld

Möglich ist aber auch, dass man gar nicht von Schlafprokrastination betroffen ist, sondern schlichtweg einen Körper hat, der vor Mitternacht mit Schlaf nicht viel anfangen kann. "Vielleicht lässt sich dann der Alltag so gestalten, dass er besser zum Biorhythmus passt, etwa durch ein Gleitzeitmodell auf der Arbeit", rät Höcker.

Wer der "Schlafaufschieberitis" auf den Grund gegangen ist, kann kleine Tricks nutzen, um sie sich abzugewöhnen. Die wichtigste Maßnahme sei, sich den Wecker zu stellen, sagt Alfred Wiater. Aber nicht etwa am Morgen, um rechtzeitig aufzustehen. Sondern am Abend. Das Klingeln erinnert an den Zeitpunkt, an dem man üblicherweise zu Bett geht, um genügend Schlaf zu bekommen. (ncs/dpa)

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