Keine Frage: Sich aufraffen zu müssen, gehört zum Leben dazu. Doch Sätze wie "Raus aus der Komfortzone" sollten wir hinterfragen, meint die Therapeutin Anette Frankenberger in unserem Podcast "15 Minuten fürs Glück".

Mehr zum Thema Gesundheit

Sie ist zu einem beliebten Modewort geworden: Die sogenannte "Komfortzone" springt uns an von Werbeplakaten, Buchcovern, Posts in den sozialen Medien – meist in Form des Slogans "Raus aus der Komfortzone!". Viele Menschen setzen sie gleich mit dem inneren "Schweinehund", den wir eben manchmal überwinden müssen, auch wenn es erst mal Kraft kostet – sei es vor dem Sport, dem Büffeln für die Prüfung oder einer einschneidenden Entscheidung in unserem Leben.

Das Problem ist nur: In vielen Situationen, vor allem persönlichen Krisen, sei gerade nicht unser Verharren in einer Komfortzone die Wurzel des Übels, erklärt die Therapeutin Anette Frankenberger aktuell im Podcast "15 Minuten fürs Glück".

Sie nennt typische Zusammenhänge, in denen einem der Aufruf begegnet: "Unzufrieden im Job? Du fühlst dich fremdbestimmt? Nein sagen fällt dir schwer? Dann ist es allerhöchste Zeit, deine Komfortzone zu verlassen!"

Raus aus welcher Komfortzone? Wenn ein Satz im falschen Moment kommt

"Gerade solchen Menschen geht es doch nicht gut", gibt Frankenberger zu bedenken: "Sie befinden sich eben nicht in ihrer Komfortzone." Ein derartiger Satz, den wir inzwischen schon für selbstverständlich nehmen, erzeuge dann großen Druck. "Insofern passt er in unsere Welt, in der uns ohnehin oft vermittelt wird: Wenn etwas nicht stimmt, musst du dich mehr anstrengen." Es bleibe dieses diffuse Gefühl, das alles nur noch schwerer macht: "Es liegt an mir, mit mir ist etwas nicht okay."

Genau das Gegenteil sei aber geboten: "Ich muss in meiner Komfortzone sein, ich muss in Sicherheit und relativ stabil sein, damit ich solche grundlegenden Dinge wie eine Veränderung im Job angehen kann", betont Frankenberger. Eine Komfortzone zu schaffen, sei auch immer der erste Schritt bei ihr in der Therapie: "Wenn jemand in einer Krise steckt, ist das Wichtigste erst einmal: Stabilität, Stabilität und nochmals Stabilität. Der Fokus liegt also auf der Frage: Was gibt mir Sicherheit, wo fühle ich mich wohl? Aus solch einem stabilen Zustand kann ich mich dann auf Herausforderungen einlassen."

Appell: Eigenem Gefühl vertrauen

Die Therapeutin ermutigt dazu, Sätze zu hinterfragen, die ein mulmiges Gefühl hinterlassen: "Ist das jetzt wirklich hilfreich oder setzt es mich unnötig unter Druck?" Es sei alles andere als tröstlich, wenn es uns nicht gut gehe und dann noch jemand sagt: "Du bist eben gefangen in deiner Komfortzone, du musst dich zusammenreißen."

Ihr Appell lautet, dem eigenen Gefühl zu vertrauen: "Wenn sich etwas für mich falsch anfühlt, dann kann es auch falsch sein und dann muss ich nicht meine Komfortzone verlassen. Solche dummen Sprüche brauche ich in dem Moment nicht, sondern jemanden, der mir sagt: 'Ich begleite dich, ich unterstütze dich, gebe dir Komfort, damit es besser wird.'"

Abschließend gibt Frankenberger noch einen ganz anderen Hinweis: "An der Universität Utah hat man herausgefunden, dass Menschen, die sich von schönen Dingen anrühren lassen können – etwa Musik, Kunst oder Natur – besser mit Schwierigkeiten im Leben umgehen können. Das ist spannend und zeigt eigentlich: Mit der Komfortzone ist es genau andersherum – wenn es in meiner Umgebung schön ist, wenn ich mich wohlfühle, kann ich besser auf die Herausforderungen des Lebens und der Welt antworten."

Podcast "15 Minuten fürs Glück"

Der erfolgreiche Podcast "15 Minuten fürs Glück" von WEB.DE/GMX liefert seit März 2022 konkrete Tipps für den Alltag. Anette Frankenberger eröffnet im Gespräch mit Journalistin Dr. Antonia Fuchs ungewohnte Blickwinkel, die das Leben erleichtern.
Über die Expertin: Anette Frankenberger verfügt über jahrzehntelange Erfahrung als Therapeutin. Sie arbeitet seit 1994 in München als systemische Paar- und Familientherapeutin sowie Supervisorin in eigener Praxis. Seit 1989 ist sie als Dozentin in der Erwachsenenbildung und Erziehungsberatung tätig. Regelmäßig hält sie Vorträge zum Themenkreis Partnerschaft, Familie und Erziehung.
Hören Sie auch:
JTI zertifiziert JTI zertifiziert

"So arbeitet die Redaktion" informiert Sie, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte stammen. Bei der Berichterstattung halten wir uns an die Richtlinien der Journalism Trust Initiative.

Teaserbild: © Getty Images/Jay Yuno