Jeder sollte eine Hausapotheke haben, um bei kleinen Notfällen Arzneimittel gegen Schmerzen, Übelkeit und Fieber griffbereit zu haben. Aber was ist, wenn die Medikamente abgelaufen sind? Eine Expertin erklärt, was Sie unbedingt beachten sollten - und wann eine Einnahme sogar gefährlich werden kann.

Mehr Gesundheitsthemen finden Sie hier

Es pocht unerträglich hinter der Schläfe - und das schon seit Stunden. In manchen Situationen wissen sich Kopfschmerz-Geplagte nur noch mit einem Schmerzmittel zu helfen.

Was aber ist, wenn das Haltbarkeitsdatum auf der Packung schon überschritten ist? Können die Tabletten dann noch bedenkenlos eingenommen werden - und wirken sie überhaupt noch? Wir beantworten Fragen rund um abgelaufene Arzneimittel.

Woran erkenne ich, wie lange ein Medikament haltbar ist?

"Arzneimittel dürfen nicht ohne Haltbarkeitsdatum auf den Markt gelangen", erklärt die Fachapothekerin Carolin Leiss auf Nachfrage unserer Redaktion. Deshalb muss auf jeder Packung ein Haltbarkeits- beziehungsweise Verwendbarkeitsdatum angegeben sein, entweder durch "Verwendbar bis" oder "Exp" (expiry date; zu Deutsch: Verfallsdatum, Anm. d. Red.).

Zudem sollten Sie beachten, dass zum Beispiel Salben, Tropfen, Säfte und Lösungen - die ungeöffnet bis zu einem bestimmten Datum haltbar sind - nach der Öffnung nur noch begrenzt haltbar sind. Beachten Sie also den zusätzlichen "Hinweis auf Haltbarkeit nach Anbruch" auf der Packung.

Kann ich abgelaufene Arzneimittel noch einnehmen?

"Grundsätzlich sollte man keine abgelaufenen Medikamente mehr verwenden", sagt Leiss. Zwar sei es nicht so, dass ein Medikament ab Tag eins nach Ablauf nicht mehr wirksam ist. Jedoch geben die Hersteller die Haltbarkeit nur so weit an, wie sie eine sichere Wirkung gewährleisten können.

"Bis zu diesem Datum sind die Medikamente sicher, unbedenklich und weisen eine gute pharmazeutische Qualität auf", erklärt Leiss. Danach gibt es dafür von den Herstellern keine Garantie mehr.

Verlieren abgelaufene Medikamente ihre Wirkung?

Es kann sein, dass die Wirkung abnimmt, weil sich mit der Zeit die Wirkstoffe abbauen oder zersetzen können. "Die Hersteller führen Stabilitätstests durch, um genau das herauszufinden. So wird festgelegt, wie lange ein Medikament haltbar ist", erklärt Leiss.

Kann es gefährlich sein, abgelaufene Medikamente zu verwenden?

Dass sich Wirkstoffe abbauen, ist in manchen Fällen durchaus problematisch. "Gefährlich wird es zum Beispiel bei Antibiotika, die keine ausreichende Wirkung mehr aufweisen", warnt Leiss. "Wenn ein Antibiotikum zu niedrig verabreicht wird, reicht es nicht aus, die Bakterien vollständig zu vernichten. Und dann kann es zu Resistenzen kommen."

Das bedeutet, dass widerstandsfähige Bakterien überleben, ihr Erbgut anpassen und gegenüber dem Antibiotikum unempfindlich werden. Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) erklärt auf seiner Website: "Infektionen mit resistenten Bakterien sind schwieriger zu behandeln. Bisher gut behandelbare Infektionen können sogar lebensbedrohlich werden."

Nehmen Sie daher Antibiotika immer wie verordnet ein - und keinesfalls nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums.

Verändern abgelaufene Arzneimittel ihre Konsistenz oder ihren Geruch?

Manche Arzneimittel verändern nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums ihre Beschaffenheit. "Bei Salben kann es sein, dass sie brechen", erklärt Leiss. Dann kommt teilweise nur Öl oder Wasser aus der Tube. "Das ist ein Zeichen, dass die Salbe definitiv nicht mehr zu benutzen ist."

Auch bei Tabletten können sich die Wirkstoffe zersetzen. Ein Beispiel dafür ist Aspirin: Riecht die Tablette nach Essig, hat sich die Acetylsalicylsäure in seine Bestandteile Salicylsäure und Essigsäure zersetzt. Die Tabletten sollten dann nicht mehr eingenommen werden.

Das Bundesministerium für Gesundheit warnt auf seiner Website zudem vor folgenden Anzeichen für nicht mehr verwendbare Arzneimittel:

  • Verflüssigung oder Verfärbung von Gelen, Cremes, Salben und Zäpfchen
  • Verfärbungen oder Risse bei Tabletten
  • aufgeblähte Verpackungen
  • Geruchsentwicklung
  • Ausflockung von Bestandteilen einer Flüssigkeit oder deren Trübung, insbesondere bei Injektionspräparaten

Gibt es Medikamente, die giftig werden oder gefährliche Substanzen entwickeln?

Ja, die gibt es - zum Beispiel beim Wirkstoff Hydrochlorothiazid, der unter anderem bei Bluthochdruck zum Einsatz kommt. Er gehört zu den Thiazid-Diuretika, die umgangssprachlich Wassertabletten genannt werden und eine harntreibende Wirkung haben.

"Wenn es bei diesem Wirkstoff zur Zersetzung kommt, dann entsteht - wenn er mit Wasser in Kontakt tritt - Formaldehyd", erklärt Leiss. Und das ist gesundheitsschädlich.

Generell sollten Sie von folgenden Medikamenten und Wirkstoffen die Finger lassen, wenn sie abgelaufen sind:

  • Acetylsalicylsäure
  • Hydrochlorothiazid
  • Antibiotika
  • Augentropfen und -salben
  • Inhalationsmedikamente

Wie entsorge ich abgelaufene Arzneimittel richtig?

Achten Sie auf jeden Fall darauf, ob der Beipackzettel einen speziellen Hinweis für die Entsorgung enthält. Ansonsten gilt laut Bundesministerium für Gesundheit: Altarzneimittel können in den Hausmüll.

Dieser wird in Deutschland nämlich verbrannt oder vorbehandelt, bevor er in Deponien gelagert wird. So werden potentielle Schadstoffe weitgehend zerstört oder inaktiviert. "Die danach noch vorhandenen Arzneimittelreste stellen bei der Deponierung keine Gefahr für das Grundwasser dar", erklärt das Bundesgesundheitsministerium.

Wenn Sie Ihre alten Medikamente im Müll entsorgen, beachten Sie, dass Kinder keinen Zugriff auf ihn haben. "Vorsicht ist auch bei Betäubungsmitteln geboten", erklärt Leiss. So gebe es Menschen, die gezielt den Müll von Schmerzpatienten durchwühlen, um zum Beispiel Fentanylpflaster - das sind Pflaster mit starken Schmerzmitteln - in der Szene zu verkaufen oder die Reste, die im Pflaster enthalten sind, auszulutschen. Außerdem müssen auch leere Spritzen sicher entsorgt werden.

Eine Sache ist übrigens absolut tabu, wie die Verbraucherzentrale auf ihrer Website erklärt: Arzneimittel dürfen "nie über die Toilette oder das Spülbecken entsorgt werden".

Wer daher auf Nummer sicher gehen möchte, kann seine Altmedikamente noch immer in einigen Apotheken abgeben. Den Umkarton und den Beipackzettel sollten Sie vorher selbst in Ihrem Papiermüll entsorgen.

Tipp: Horten Sie keine Medikamente

Verzichten Sie am besten darauf, Medikamente zu horten - denn so halten Sie das Risiko gering, abgelaufene Arzneimittel in ihrer Hausapotheke zu entdecken. Außerdem landet dann weniger im Müll.

"Nimmt man seine verschriebenen Medikamente regelmäßig ein, dürfte es nicht passieren, dass etwas verfällt", sagt Leiss. Die Fachapothekerin gibt außerdem folgenden Tipp: "Checken Sie regelmäßig Ihre Hausapotheke. Ist noch alles gut? Brauchen Sie das Medikament überhaupt?" Wer sich unsicher sei, könne auch einfach in seiner Apotheke vorbeischauen und die Experten darum bitten, einen Blick auf die Hausapotheke zu werfen.

Über die Expertin: Carolin Leiss ist Fachapothekerin für Allgemeinpharmazie, Homöopathie und Naturheilverfahren. Sie ist zudem Mitinhaberin der Bärenapotheke in Aichach.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Carolin Leiss, Fachapothekerin
  • Bundesministerium für Gesundheit: Arzneimittel richtig aufbewahren und entsorgen
  • Verbraucherzentrale: Schadstoffe im Haushalt: Kleine Menge - große Wirkung
  • Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin: Antibiotika – wenn sie nicht mehr wirken
Bildergalerie starten

Die besten Hausmittel gegen Kopfschmerzen

Wenn der Kopf mal wieder dröhnt oder der Nacken spannt, müssen Sie nicht gleich zur Kopfschmerztablette greifen. Mit diesen Mitteln sagen Sie dem Schmerz den Kampf an - ganz ohne Nebenwirkungen!