• Es ist ein Szenario, welches man bereits häufiger in Filmen gesehen hat: Ohne Raumanzug oder mit Leck in selbigem treibt ein Mensch durch das grenzenlose Weltall.
  • Wie lange kann er überleben und was macht ihm am meisten zu schaffen?
  • Volker Schmid, Luft- und Raumfahrtsystemingenieur, erklärt, was mit dem Körper ohne Raumanzug passiert.
Ein Interview

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Ohne Raumanzug kann man im Weltall nicht überleben, da die Bedingungen für uns lebensfeindlich sind. Das ist Fakt. Deswegen brauchen Astronauten und Astronautinnen auch hochmoderne Raumanzüge.

Volker Schmid, Ingenieur für Luft- und Raumfahrtsysteme beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), erklärt, welche Bedingungen im All vorherrschen und was ohne Raumanzug mit dem Körper passieren wird.

Herr Schmid, wie lange kann man im Weltall ohne Raumanzug überleben?

Volker Schmid

Volker Schmid: Nur wenige Sekunden, ich sage mal so 20 bis 30. Man kann ungeschützt im Vakuum und ohne atmosphärischen Druck nicht überleben. Sie müssen sich vorstellen, dass das Vakuum und die Kälte überall "zuschlagen". Spätestens nach einer Minute dürfte der menschliche Organismus wahrscheinlich unwiederbringlich zerstört sein. Das ist auch der Fall, wenn der Raumanzug nur ein kleines Leck aufweist. Da dauert es dann etwas länger, bis die ganze Luft entwichen ist.

Und was passiert dabei im Körper?

Das Vakuum ist unerbittlich, das saugt alles ab. Wenn Sie ungeschützt ins Vakuum gehen, dann fängt das Blut irgendwann an zu kochen, die Gefäße dehnen sich aus, der Stickstoff und andere gelösten Gase möchten raus und das zerreißt die Gefäße. Dann kommt auch noch die Kälte hinzu. Diese dringt durch die Oberfläche nach Innen. Ihre Netzhaut, Ihre Augen und Ihre Haut - alles gefriert von Außen nach Innen.

"Ein Raumanzug wiegt auf der Erde voll aufgerüstet etwa 140 Kilogramm"

Wie kalt ist es eigentlich im Weltall?

Die Raumtemperatur des Alls beträgt etwa vier Kelvin (minus 269,15 Grad Celsius, Anm. d. Red.). Das ist allerdings auch davon abhängig, wo Sie sind. Wenn Sie sich im freien Raum weit weg von einem Stern befinden, dann haben Sie die vier Grad Kelvin. Wenn man in der Erdumlaufbahn ist, beträgt die Distanz zur Sonne im Mittel 150 Millionen Kilometer. Und wir haben Tag und Nacht. Ist zum Beispiel ein Astronaut oder eine Astronautin im Raumanzug außen an der Raumstation tätig, dann würden wir auf der Oberfläche des Anzugs auf der Tagesseite etwa 120 bis 150 Grad Celsius messen. Auf der Nachtseite sind es die gleichen Daten nur im Minusbereich. In einer Höhe von 400 Kilometern dauert ein Umlauf etwa 90 Minuten. Also befindet sich der Astronaut oder die Astronautin circa 45 Minuten lang auf der Tag- und 45 Minuten lang auf der Nachtseite. Das Ganze wiederholt sich immer wieder. Diese extremen Temperaturunterschiede muss das Thermalsystem des Raumanzugs aushalten. Damit man zum Beispiel sechs oder sieben Stunden draußen arbeiten kann, muss der Druckanzug mit Heizung, Kühlung, Sauerstoff und Trinkwasser ausgestattet sein.

Aus welchem Stoff besteht denn ein Raumanzug?

Das ist ein mehrlagiges Gewebe aus beispielsweise Kevlar und Nomex, also hochfeste, druckdichte und isolierende Materialien. Auch eine Art Gummischicht ist wahrscheinlich dazwischen. Ein Raumanzug besteht aus mehreren Segmenten für unterschiedliche Größen, die druckdicht über eine Art Bajonettverschluss miteinander verbunden werden. Man hat einen Torso, die Hose sowie Arm- und Handschuhteile, die man dann über Metallringe miteinander verbinden kann. Und natürlich einen Helm. Dazu kommt noch die Untergarnitur der Astronauten und Astronautinnen. Dort ist ein Schlauchsystem eingewoben, was heizt und kühlt. Dieses wiederum wird an den Thermalkreislauf im Anzug angeschlossen. Ein Raumanzug wiegt auf der Erde voll aufgerüstet, also mit allen Lebenserhaltungssystemen, etwa 140 Kilogramm.

Zur Person: Volker Schmid ist Luft- und Raumfahrtsystemingenieur und arbeitet seit 1996 beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Er ist ESA-Delegierter und hat die beiden ISS-Missionen von Alexander Gerst für die DLR-Seite geleitet. In dieser Funktion ist er auch für die kommende Mission des deutschen ESA-Astronauten Matthias Maurer verantwortlich. Als Experimentator waren zwei seiner Experimente erfolgreich auf der ISS, unter anderem das Assistenzsystem CIMON. Das Interview wurde telefonisch geführt.
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