Alles begann mit einem Oberarmknochen, in dem eine Pfeilspitze steckte. Mittlerweile sind sich Wissenschaftler sicher: Im Tollensetal wütete eine riesige Schlacht. Und die könnte unser Bild der Nordischen Bronzezeit verändern.

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Gemächlich fließt die Tollense an Wiesen und Wäldern vorbei durch die Mecklenburgische Seenplatte, eine beliebte Urlaubsregion. Doch so idyllisch wie heute war es dort nicht immer: Wie Forscher herausgefunden haben, tobte im Tollensetal nahe Altentreptow vor mehr als 3.000 Jahren eine blutige Schlacht – die älteste Europas. Sie lässt die Wissenschaft das bisherige Bild der Bronzezeit in Nordeuropa überdenken.

Alles begann 1996 mit einem Oberarmstück, in dem eine Pfeilspitze aus Feuerstein steckte. Anschließende Grabungen brachten weitere Funde ans Licht. Seit 2007 untersucht eine Arbeitsgruppe das Gebiet im Tollensetal systematisch.

Entdeckung des Schlachtfelds eine große Überraschung

"Die Entdeckung des bronzezeitlichen Schlachtfeldes war eine große Überraschung", betont Thomas Terberger, Experte für Ur- und Frühgeschichte, im Gespräch mit unserer Redaktion. "Bis heute kennen wir keine Parallele aus dieser Zeit." Terberger leitet die Arbeitsgruppe gemeinsam mit seinem Kollegen Detlef Jantzen.

Bisher liegen Überreste von mehr als 140 Menschen vor, die Zahl der Gefallenen soll aber deutlich höher liegen. Gestorben sind sie - so ergab die Datierung - zwischen 1300 und 1250 vor Christus. Den Norden Deutschlands prägte damals eine Kultur, die Forscher als Nordische Bronzezeit bezeichnen. Dort sollten sich im Lauf der Jahrhunderte jene Völker entwickeln, die wir heute als Germanen bezeichnen.

Je mehr Funde ans Licht kamen, desto sicherer wurde es, dass es sich bei den Toten wohl um die Opfer eines Kampfes handelt: Es waren größtenteils Männer im Alter von 20 bis 40 Jahren, viele hatten erkennbare Verletzungen durch Waffen.

Hinweise auf Krieger aus dem Süden

Zwischen 2.000 und 6.000 Kämpfer waren vermutlich an dem Kampf beteiligt – eine erstaunlich hohe Zahl für die Bronzezeit. Das spricht für eine große Schlacht und keinen örtlichen Kleinkrieg. Dass alle Beteiligten aus der näheren Umgebung stammten, ist dabei unwahrscheinlich: "Wir finden zunehmend Hinweise, dass Krieger aus dem Süden an dem Gewaltkonflikt beteiligt waren", sagt Terberger.

Die jüngsten Funde sind 31 Metall-Objekte. Taucher fanden sie auf dem Grund der Tollense. Die Stücke waren wohl der persönliche Besitz eines Kriegers. Sicher bestimmt werden konnten bisher ein Messer, eine Ahle und ein Meißel aus Bronze. Bei drei kleinen Barren aus Kupfer könnte es sich um Zahlungsmittel handeln.

Drei Bronzezylinder mit Nagellöchern deuten die Forscher als Verschlüsse eines Gegenstands aus Stoff oder Holz. Solche Bronzezylinder wurden bisher vor allem in Süddeutschland und im Osten Frankreichs gefunden.

Gefecht um eine Brücke?

Durch das Tollensetal verlief damals ein befestigter Weg, vermutlich war er Teil eines bronzezeitlichen Wegenetzes. Gefundene Holzüberreste deuten darauf hin, dass sich am Ausgangspunkt der Schlacht vielleicht eine Brücke befand. Da die Tollense nicht mehr ganz ihrem bronzezeitlichen Lauf folgt, könnte es dafür aber auch andere Erklärungen geben.

"Der Bereich, in dem sich während der Bronzezeit das Flussbett befand, konnte noch nicht untersucht werden", merkt Terbeger an. "Daher ist noch unklar, ob die Wegtrasse in eine Brücke überging." Wenn das der Fall ist, dann erfolgte die Schlacht vielleicht um einen bedeutenden Knotenpunkt. Ging es um die Kontrolle eines überregional bedeutsamen Flussübergangs? War es ein Kampf um Ressourcen? Man weiß es noch nicht.

Neues Bild der Bronzezeit im Norden

Die Entdeckung im Tollensetal zeichnet auf jeden Fall ein neues Bild vom bronzezeitlichen Nordeuropa. Lange wurden bäuerlich geprägte Stammesgesellschaften angenommen. Kämpfe einer solchen Größenordnung setzen jedoch bestimmte Machtstrukturen voraus.

So erscheint es nun denkbar, dass es vor 3.000 Jahren auch in Nordeuropa bereits Herrscher gab, die über weitreichende Kontakte verfügten und in der Lage waren, größere Heere aufzustellen. Im Gegensatz zu den Völkern des Mittelmeerraums besaßen die Nordeuropäer keine Schriftkultur – so wurde der Nachwelt nichts überliefert.

Die Forschungen zum Tollensetal sind noch lange nicht abgeschlossen. "Es handelt sich um eine sehr ausgedehnte Fundstreuung und wir konnten bislang nur vergleichsweise kleine Grabungsflächen untersuchen", betont Terberger.

Über die nähere Umgebung ist noch wenig bekannt. Dass sich aber noch Überreste einer Siedlung finden, ist nicht ausgeschlossen. Das würde die Annahme eines wichtigen Handelswegs durch das Tollensetal untermauern.

Die Tauchgänge in der Tollense sollen weiter fortgesetzt werden. Derzeit steht allerdings die wissenschaftliche Auswertung der bisherigen Funde im Vordergrund.

"Wir als Arbeitsgruppe hätten uns nicht träumen lassen, einen solchen Fundplatz zu entdecken und mit solch spannenden Ergebnissen zu erschließen", resümiert Terberger die bisherige Arbeit. "Gleichwohl stehen wir in mancher Hinsicht noch am Anfang und ich bin mir sicher, das Tollensetal wird zukünftig noch für viel Diskussionsstoff sorgen."

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Dr. Thomas Terberger, Professor am Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen
  • Tobias Uhlig, Joachim Krüger, Gundula Lidke, Detlef Jantzen, Sebastian Lorenz, Nicola Ialongo u. Thomas Terberger: Lost in combat? A scrap metal find from the Bronze Age battlefield site at Tollense
  • Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte: Krieg - Eine Archäologische Spurensuche/Das bronzezeitliche Schlachtfeld im Tollensetal – Fehde, Krieg oder Elitenkonflikt?